Aus Venedig berichten Heiko Klaas und Heiko Klaas
Wenn François Pinault auf Einkaufstour geht, dann darf es ruhig von allem etwas mehr sein. Dem französischen Multimilliardär gehören so bekannte Unternehmen wie das Kulturkaufhaus Fnac, die Modehäuser Gucci und Yves Saint-Laurent, das prestigeträchtige Weingut Chateau-Latour und - jetzt kommt die Brücke zur Kunst - das renommierte Auktionshaus Christie's. Doch die weitere Expansion der Familienholding überlässt der 70-Jährige seit 2003 seinem Sohn François-Henry. Während der in den letzten Wochen den neuesten Coup des Unternehmens, die Übernahme des Puma-Konzerns, landete, widmete sich der Senior wieder einmal seiner größten Leidenschaft.
Seit über 40 Jahren sammelt der aus der Bretagne stammende Self-Made Man nämlich Kunst. Seit dem Kauf des Palazzo Grassi in Venedig im Jahre 2005 verfügt Pinault auch über eine seinen Ansprüchen angemessene Ausstellungs-Schmuckschatulle in bester Lage am Canal Grande. Der von Giorgio Massari im spätbarocken Stil errichtete Palazzo Grassi ist einer der größten und prächtigsten Paläste an der weltberühmten Wasserstraße. Bis im Sommer 2009 auch noch die gerade für 30 Jahre angemietete "Punta della Dogana", das ehemalige Zolllager der Republik Venedig, zu einem zweiten Quartier für die Pinault-Collection ausgebaut ist, finden alle Ausstellungen hier statt. Sequence 1, die aktuelle Schau, wirft jetzt einen Blick auf Pinaults Neuerwerbungen der letzten zehn Jahre. Zudem werden etliche Arbeiten gezeigt, die vor Ort ganz neu entstanden sind.
Wer sich dem Palazzo Grassi vom Wasser aus nähert, dem fällt sofort eine in der Sonne glänzende Skulptur des 43-jährigen indischen Künstlers Subodh Gupta ins Auge. "Very Hungry God", ein gigantischer menschlicher Schädel, besteht aus Hunderten von Kochtöpfen, Kuchenformen, Milchkannen und anderen Küchengefäßen aus blankem Edelstahl. Ein Memento Mori, das in einer Stadt, die sich seit Jahrhunderten zwischen den Polen Grandezza und Morbidität bewegt, seinen idealen Standort gefunden hat.
Kunst mit dem gewissen Etwas
Die amerikanische Chef-Kuratorin der Pinault-Collection, Alison M. Gingeras, hat für die Ausstellung Werke von 16 Künstlern ausgewählt. Das Abtauchen in dunkle Video-Verliese wird den Besucher dieser sommerlichen Ausstellung, die bis zum Ende der im Juni beginnenden Biennale zu sehen sein wird, aber nicht zugemutet. Stattdessen dominieren Malerei, Skulptur und Installation. "Mit den Arbeiten in unserer Ausstellung wollen wir die künstlerische Handschrift ins Rampenlicht stellen", sagt Alison M. Gingeras. "Wir zeigen eine große Bandbreite von Künstlern, die sich nach wie vor auf das "Handwerkliche" verlassen, aber gleichzeitig der traditionellen Praxis der Malerei und der Bildhauerei einen neuen Twist geben und sie so neu erfinden."
Einer der Superstars dieser Schau ist der 1970 geborene Berliner Anselm Reyle, der sich in den unterschiedlichsten Medien mit der Geschichte der Moderne auseinandersetzt. Reyles Kunst ist stylish und elegant. Seine Assemblage aus farbigen Neonröhren - alles Produktionsabfälle einer Werbefirma - schwebt frei im Raum. Reyle setzt auf grelle Effekte und edle Oberflächen: Seine Bronzeskulptur mit dem Titel "Harmony" ist hochglänzend wie eine Christbaumkugel mit blauem Metallic-Lack überzogen und thront auf einem Edelholzsockel. Jeff Koons im Dialog mit dem Yin und Yang-Prinzip. Gleich nebenan hat Anselm Reyle eine ganze Museumswand in effektvollem, monochromem Neongelb gestrichen. Geblendete Besucher können das Lieblingsaccessoire der Lagunenstadt, die schicke Sonnenbrille, gleich wieder aufsetzen.
Michael in der Sauerstoffkammer
Die 32-jährige New Yorkerin Kristin Baker ist die jüngste Künstlerin der Schau. Mit ihrer neofuturistischen Arbeit "Flying Curve, Differential Manifold" (2007) bespielt sie einen der prächtigsten Räume des Palazzo. Auf einer neun Meter langen, frei im Raum stehenden, gekurvten Plexiglasscheibe, hat Baker mit Spachtel und Acrylfarbe ein chaotisches Patchwork aus geometrischen und kristallinen Formen aufgebracht. Die Tochter eines Profi-Rennfahrers bringt mit ihren dynamischen Farbexplosionen die Malerei zum Rasen und das Bild zum Fliegen.
Obwohl Pinault den schönen Schein der Oberflächen offenbar besonders zu schätzen weiß und dem Überwältigungspotenzial hochästhetischer Materialien auch großen Raum in seiner Sammlung einräumt, zeigt Sequence 1 aber auch die andere Seite der Medaille. Die südafrikanische Malerin Marlene Dumas, Jahrgang 1953, zitiert Hans Holbeins berühmte Darstellung des aufgebahrten Christus und konfrontiert sie mit einem Bild von Michael Jackson, der aus Angst vor der eigenen Vergänglichkeit freiwillig in einer klaustrophobischen Sauerstoffkammer schläft.
Der Österreicher Franz West, 60, ist multimedial repräsentiert: mit Collagen, mit seinen typischen Pappmaschee-Skulpturen, die wie bunt bemalte, kariöse Zähne aussehen, aber auch mit benutzbaren Möbelskulpturen. Auf transparenten Luftmatratzen können es sich die Ausstellungsbesucher bequem machen und den Canal Grande-Blick genießen. Die 37-jährige kalifornische Malerin Laura Owens, ebenfalls zurzeit ein weltweit von Sammlern umgarnter Kunstmarkt-Star, zeigt auf gleich sieben Gemälden ihre recht unbeschwerte Aneignung von kunsthistorischen Vorbildern vom japanischen Holzschnitt bis hin zu Matisse.
Kieselstein mit Haaren
Eine lohnende Wiederentdeckung für viele Besucher dürfte der Documenta-IX-Teilnehmer David Hammons sein: Der New Yorker, Jahrgang 1943, ist mit der ganzen Bandbreite seines Werkes vertreten: Ready-Made-Installationen aus Autoteilen, Fahrrädern und Straßenschildern etwa oder Körperabdrücken auf Papier. Das Selbstporträt "Rockhead" (1999), ein in einer Glasvitrine wie ein antikes Ausgrabungsstück inszenierter Kieselstein, ist mit seinen abgeschnittenen Haaren beklebt und fordert, wie eigentlich alle Arbeiten Hammons, provokant zur Auseinandersetzung mit Black America auf.
Sicher könnte man einer Ausstellung mit Werken eines der mächtigsten Sammler der Welt so einige Vorwürfe machen. Doch balanciert die Schau mit geradezu bewundernswerter Leichtigkeit innerhalb der Koordinaten Kunstmarkt und Insidertipp, Altstars und Newcomer. Sie präsentiert Neuentdeckungen, Wiederentdeckungen und zu Unrecht in Vergessenheit geratene Werke gleichermaßen. Wer im Biennale-Sommer nach Venedig kommt, sollte sie sich unbedingt anschauen.
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