"Hast du eine Mutter, dann hast du immer Butter." Auch wieder so eine Liedzeile von Helge Schneider, die eine ganze politische Debatte ad absurdum führt. Dabei stimmt der Satz womöglich sogar auf empirischer Ebene: Die Anwesenheit des weiblichen Elternteils fällt statistisch gesehen sicher in hohem Maße mit dem häuslichen Vorrat an Streichfett zusammen.
Die Werbung, diese mediale Spielwiese unserer modernen Folklore, weiß von diesem Zusammenhang. Sie inszeniert den Brotaufstrich grundsätzlich als Schmiermittel der familiären Harmonie, deren Galionsfigur eine sorgende Mutter ist. Überhaupt ist das Cremige von Nutella bis Nivea die Konsistenz von Weiblichkeit. Frausein als soziale Emulsion, die wohltuend in die Poren des Gesellschaftskörpers einzieht – und verschwindet.
Flüchtiges Mutterglück
Die Liquidierung der selbstständigen Frau in den Inszenierungen der Reklame hat etwas Gestriges, und Schneiders Song ist natürlich eine Parodie auf jene Tradition, die strikt zwischen Nähren und Ernähren trennt. Die Arbeitsmarktsituation verlangt nach einer steten Revision eingespielter Rollenmodelle. Welche Brötchen wird Mami schmieren, wenn Vati keinen Brötchengeber findet? Das Identitätskonzept von Eva Herman – Frauen als Mütter und heimisch-heimliche Unterstützerinnen des Mannes – kann auf diese Frage kaum eine Antwort geben.
Dabei überschneiden sich in Hermans Biografie selbst die Konfliktlinien der gegenwärtigen Geschlechterfrage: Einerseits hoch qualifizierte Journalistin und Buchautorin, andererseits Hausfrau und Mutter, steht sie für die postmoderne Frau im Feld progressiver und nostalgischer Vorstellungen. Ihre Bücher sind deshalb dialektische Märchen, die dort eine Synthese von Tradition und Innovation versuchen, wo die Realität das Aushalten der gesellschaftlichen Spannung verlangt.
Eventuell wird man sie später als eine der letzten großen Erzählerinnen der bürgerlichen Utopie in Anspruch nehmen: In ihrem Programm einer von Apfelkuchen durchdufteten Welt spiegelt sich der Hang der Deutschen zum Sonderweg in grundsätzliche Wertedebatten, wenn die Verhältnisse unerträglich zu werden drohen. Die christlich überbaute, konservative Mittelschicht tut sich nach wie vor schwer, den rigorosen Flexibilitätsgeboten der nachmodernen Welt auch ideologisch nachzukommen.
Real mag man schon so leben – die Kleinen früh in die Kita, beide berufstätig, und wenn nur einer, dann immer hart an der Leistungsgrenze –, ideell jedoch soll wenigstens die Idee einer Alternative erhalten bleiben.
Wem die Ikonografie des bourgeoisen Glücks, in der sich die Zeichen von Klasse und Geschlecht in tausendundeinem Jogurt-Spot konfliktfrei aneinander schmiegen, zu kulinarisch, zu geschmackvoll ist, der kann sich an die Ästhetik der Härte halten. Auch sie gehört zur Programmatik des aktuellen Fernsehens, und in der Casting-Show findet sie ihre angemessene Form.
Das Casting-Fernsehen zielt auf eine angenommene Unterschicht – sowohl als Gegenstand seiner Zurichtungen als auch als Publikum. Es verschränkt zivile Wünsche nach Partizipation mit asozialen Tendenzen zur Erniedrigung des Gegners, als den man den Nächsten im Spätkapitalismus fürchten gelernt hat. Und es präsentiert vor allem die Frau – als Protagonistin und Opfer, Heldin und Objekt.
Casting für den Pfad der Tugend
Seit "Popstars", der ersten Casting-Sendung im deutschsprachigen Raum (das Format kommt ursprünglich aus Neuseeland und wurde 2000 für den hiesigen Markt adaptiert), stehen Frauen im Zentrum dieses Spektakels. Zwar gibt es vom österreichischen "Starmania" bis zum amerikanischen "American Idol" immer auch männliche Berühmtheiten. Aber für die mediale Rundumverwertung sind Zickenkriege und Magersuchtsdramen immer noch am lukrativsten – die Selbstfindungsquerelen von Popjüngelchen wie Alexander Klaws oder Daniel Küblbock haben da vergleichsweise geringen Marktwert.
Härte ist das Stilprinzip dieser Shows vor allem deshalb, weil in ihnen nur vordergründig Fragen des Talents und künstlerischen Könnens verhandelt werden. Die Inszenierung zielt eigentlich auf den Körper, seine Schwächen und – darüber hinaus – seine Gestaltbarkeit. Ob die Soulsängerin und spätere Oscar-Preisträgerin Jennifer Hudson bei "American Idol" als zu dick abgewertet wurde oder Dieter Bohlen den Gesang der "Deutschland-sucht-den-Superstar"-Aspirantin Mehtap Bingölo als Flatulenzen diffamierte: Immer ist es die Physis, die zur Debatte steht.
Die Erniedrigungsszenarien, wie sie im "Dschungel-Camp" telematisch salonfähig wurden, sind hier lediglich in einen vermeintlich kreativen Rahmen eingespannt; der sublimatorische Firnis ist dabei dünner als jedes Topmodel. Fraß man im Urwald Würmer und Maden, schluckt man jetzt die Schmähungen eines sadistischen Produzenten.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH