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Hirnforschung Typisch Frau? Von wegen!

4. Teil: Aber man sieht es doch!

Ich komme noch einmal auf die Frage zurück, warum in der Öffentlichkeit die Festschreibung von Geschlechterdifferenzen im Gehirn einen Siegeszug beschreitet, wenn doch die aktuellen Theorien der Hirnforschung ganz andere Interpretationen zulassen oder sogar nahelegen. Hier spielen die neuen Bilder aus dem ›Innern des lebenden Gehirns bei der Arbeit‹ und ihre rasante Verbreitung über Zeitschriften und das Internet eine wichtige Rolle. Machen wir uns nichts vor, diese Bilder sind faszinierend. Sie sind bunt, sie wirken überaus lebendig und sie vermitteln Eindeutigkeit. Rote Flecken im linken oder rechten Hirnlappen implizieren, dass genau an dieser Stelle das Sprachareal liege und es bei Frauen auf beiden Hirnseiten arbeite und bei Männern eben nur auf einer.

Doch was zeigen uns diese Bilder wirklich? Zunächst einmal sind sie keine direkten Abbilder aus dem Innern des Gehirns, denn erst mit Hilfe von komplizierten mathematischen, informatischen und computergraphischen Berechnungsverfahren werden aus den Daten, die im Scanner erhoben werden, Bilder konstruiert. Dabei benutzen verschiedene Laboratorien heute eine fast unüberschaubare Menge von Berechnungsverfahren in unterschiedlichen Kombinationen. Im Verlauf der Bildkonstruktion wird eine Vielzahl von Entscheidungen getroffen, was ins Bild hineinkommt, was weggelassen wird, was hervorgehoben wird oder in den Hintergrund tritt. Forscher und Forscherinnen aus einem bestimmten kulturellen Umfeld, geprägt durch bestimmte Vorstellungen von Geschlecht oder Geschlechterdifferenzen, treffen diese Entscheidungen. So konnte beispielsweise Anelis Kaiser aus der Forschungsgruppe von Cordula Nitsch 2004 zeigen, dass Geschlechterunterschiede in der Aktivierung von Spracharealen im Bild auftauchen oder nicht, je nachdem welche (wissenschaftlich anerkannte) statistische Schwelle bei der Berechnung der Gruppenbilder eingestellt wurde.

Die Bild gebenden Verfahren der Computertomographie haben zweifelsohne viele Vorteile für die neuromedizinische Diagnose und Behandlung von einzelnen Patientinnen und Patienten. Denn hier haben sich Kliniken auf bestimmte Verfahren spezialisiert, können Tumore entdecken oder vor einer Operation gefährdete Hirnareale genau bestimmen. Schwierig wird es jedoch, wenn die Ergebnisse von unterschiedlichen Forschungsgruppen nach unterschiedlichen Berechnungsverfahren verglichen werden sollen, ein Problem, das auch innerhalb der Hirnforschung intensiv diskutiert wird.

Noch schwieriger wird es, wenn generelle Aussagen über Gruppenunterschiede von Frauen oder Männern, Kranken oder Gesunden, Intelligenten oder weniger Intelligenten gemacht werden sollen. Ein Bild sagt zwar scheinbar mehr als tausend Worte, aber es lässt auch viele Dinge weg, die nur in Worten ausgedrückt werden können. Dem Gruppenbild "der Frau" oder "des Mannes" sind die Differenzen zwischen den einzelnen Befunden oder die zeitliche Dynamik, mit der sich das Gehirn verändert, nicht mehr anzusehen. Ein Befund zur Hirnaktivierung bei der Lösung bestimmter Aufgaben oder zur Größenbestimmung bestimmter Hirnareale, der zu einem bestimmten Lebenszeitpunkt von einer Person erhoben wird (im Brain Imaging werden vorwiegend Erwachsene untersucht), ist nur eine Momentaufnahme. Das Bild sagt uns nichts über die Entstehung dieser Struktur oder jener Aktivierung und über ihr weiteres Fortbestehen. Es hilft uns nicht bei der Frage, was die Ursache und was das Ergebnis unseres Verhaltens ist.

Es ist daher wichtig, immer wieder zu zeigen, dass die Gleichsetzung von Hirnstrukturen und -funktionen mit natürlichen Ursachen so einfach nicht funktioniert. Und damit sind wir wieder beim Körper angelangt – und bei der Genderforschung. Wir kommen einfach nicht mehr darum herum zu sehen, dass Biologie nicht Schicksal ist, dass Körper beständig geformt und verändert werden. Aber das geschieht immer unter bestimmten sozialen und kulturellen Vorstellungen davon, wie der Körper der Frau oder des Mannes zu sein hat oder sein könnte. Damit werden dem Körper nicht nur geschlechtliche Bedeutungen zugeschrieben, er wird selber durch geschlechtlich geprägte Erfahrungen geformt und die Wahrnehmung dieses Körpers beeinflusst umgekehrt wiederum Denken und Handeln.

In der Genderforschung wird heute an vielen Phänomenen untersucht, wie Körper und Gesellschaft zusammenwirken. Ob beim Fitnesstraining oder Bodybuilding, über Schönheitsoperationen, Piercings und Tattoos oder mittels technischer Implantate, ob durch Hormonbehandlungen oder Geschlechtsoperationen bei Transsexuellen: Körper werden ständig in einem Netzwerk gesellschaftlicher und kultureller Praxen neu verhandelt. Welche Körpertechniken von Einzelnen oder von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen positiv oder negativ bewertet werden, ist hier gar nicht die entscheidende Frage. Vielmehr geht es darum, die Augen zu öffnen, wie vielfältig diese Gestaltungsprozesse sind, wie viele unterschiedliche Körper- und Geschlechterfacetten hier deutlich werden.

Denn nur durch das Sichtbarmachen von solchen vielfältigen Möglichkeiten lässt sich das Stereotyp von der universellen Frau und dem universellen Mann aufbrechen. Und nur wenn diese festen Kategorien aufgebrochen werden, kann eine Öffnung von Erfahrungs- und Lernmöglichkeiten unabhängig vom Geschlecht vorankommen. Und wenn tatsächlich einmal nicht mehr gebetsmühlenartig heruntergebetet wird, wie ein typisches Mädchen sich zu verhalten hat, was ein typischer Junge darf und was nicht, können wir ja wieder nachschauen, was in deren Hirnbildern dann zu sehen ist.


Sigrid Schmitz ist Biologin und Hochschuldozentin für "Mediatisierung der Naturwissenschaften und Genderforschung" an der Universität Freiburg. Sie leitet zusammen mit der Professorin Britta Schinzel das "Kompetenzforum Genderforschung in Informatik und Naturwissenschaft [gin]": http://gin.iig.uni-freiburg.de.

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