Frage: Jeder hat Seiten, die andere als spießig bezeichnen. Ihr doch sicher auch.
Ulmen: Ja, klar, ich höre das oft, schon alleine, weil ich nach Potsdam gezogen bin.
Kuhl: Ich wohne ja auch außerhalb mit Kind und Mann. Schon alleine, Familie zu haben, könnte spießig sein.
Ulmen: Bei mir war es immer so, dass ich immer nur kreativ wurde, wenn ich mich in einem Umfeld befand, das spießig war oder bieder. Wenn ich da bin, wo eh alles schräg und anders ist, habe ich keine Ideen – denn da ist ja schon alles so, wie man sich die Welt vielleicht wünscht. Aber wenn man sich an die Jugend zurückerinnert, wo man bei den Eltern im bürgerlichen Wohnzimmer gesessen hat – man hätte manchmal das Wohnzimmer am liebsten kurz und klein geschlagen, weil man gedacht hat, ist ja furchtbar hier, ich möchte rebellieren. Der Wunsch zu rebellieren – und der macht ja auch kreativ – entstand bei mir zumindest nur in einem ganz konventionellen, konservativen, vermeintlich spießigen Umfeld. In so einem Umfeld machen mir Sachen wie "Mein neuer Freund" erst Spaß.
Kuhl: Weil du eher aneckst.
Ulmen: Wenn man in einem Restaurant sitzt, wo keiner spricht, kann man sich besser vorstellen, wie es wäre, hier aufzustehen und laut zu rülpsen. Das hast du halt nicht in einer Kneipe in Kreuzberg, wo eh alle rülpsen.
Frage: Begünstigt dieser Trend, alles ironisch umzudeuten, nicht eigentlich die Spießigkeit? Kann man einen ironisch gemeinten Gartenzwerg eigentlich noch von einem Gartenzwerg unterscheiden, den einer ernst meint, weil er ihn schön findet?
Ulmen: Robert Gernhardt hat ja gesagt, es gibt keinen ironischen Orgasmus, es gibt keine ironische Erektion. Entweder du hast Sex oder nicht. Und entweder du findest Gartenzwerge gut oder nicht. Und wer Gartenzwerge in seinen Garten stellt und es ironisch meint, hat zwar den Deckmantel der Ironie über den Gartenzwerg gestülpt. Aber in Wirklichkeit schätzt er den Gartenzwerg.
Frage: Ist spießig werden vielleicht einfach nur älter werden?
Ulmen: Also, nach meiner Definition ist Spießigkeit was ganz Schreckliches. Deswegen hoffe ich nicht, dass das jemals kommt. Spießigkeit ist schlimm. Was eher kommt ist der Hang zum Konservativen.
Kuhl: Ich denke auch, dass man Sachen, die man in der Jugend nicht so geschätzt hat, plötzlich mehr schätzt. So wie ich jetzt gedacht habe, ich hätte mal Lust, zu wandern. Als Kind habe ich das gehasst, weil wir immer wandern waren, und ich wollte das nicht. Ich fand das so langweilig und so spießig.
Frage: Das Konservative hat sich bei dir, Christian, schon früh gezeigt. Du warst noch keine 30, als du plötzlich wie ein Wilder Versicherungen abgeschlossen hast.
Ulmen: Mit 25 war das. Auch aus der Angst heraus, was passiert, wenn es mir mal nicht so gutgeht. Ich glaube, ich habe ganz viel auch meiner Naivität zu verdanken. Ich hatte vor nichts Angst. Ich dachte, dass immer alles super weitergeht. Und mit 25 hatte ich dann zum Glück so Momente, wo ich dachte: Was, wenn nicht? Wo das erste Mal auch Zweifel kamen, auch, weil man sieht, was anderen passiert. Und dann habe ich mich halt abgesichert mit Versicherungen. Aber ich glaube, das macht jeder, oder?
Das Interview führte Katharina Behrendsen
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH