Es wird nicht mehr lange dauern, bis jemand den Rücktritt von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel fordern wird, weil er es wagt, mit einem falschen Body-Mass-Index zu leben. Es wird bald soweit sein, dass es in den Kneipen nicht nur Nichtraucher-Zonen, sondern auch XXL-Lounges geben wird, damit die Dünnen den Anblick der Dicken nicht mehr ertragen müssen. Und ich sehe schon Stellenanzeigen vor mir, ungefähr so: "Putzfrau (schlank) stundenweise zur Aushilfe gesucht". Wir drehen durch, wieder mal.
Wir haben ein Problem. In den achtziger Jahren wog ein 1,50 Meter großer Junge im Durchschnitt 53 Kilogramm, heute liegt diese Messgröße bei 60 Kilo und mehr. Statistiken weisen aus, dass "ernährungsbedingte Krankheiten" 72 Milliarden Euro jährliche Kosten verursachen; 20 Prozent der Deutschen, heißt es, seien adipös, mit anderen Worten: wirklich fett. Dass wir in Europa die Dicksten seien, diese letzte Meldung mag auf unsauberen Rechnungen beruhen, aber jeder fühlt doch, dass sie einigermaßen hinhaut: Wir sind die Amerikaner Europas geworden, in der linken Hand die Zwölferpackung Dunkin' Donuts, in der Rechten den Litereimer Coca Cola. Und das ist alles schlimm genug.
Aber nun kommt es, man möge mir dieses Wort verzeihen, noch dicker: Die Politiker der großen Koalition, ratlos über ihre nächsten Vorhaben, steigen in den Ring, um den Kampf mit den Pfunden sozusagen von oben zu führen. Nationale Diätpläne sind in der Mache, Gesetze werden redigiert, Pressekonferenzen anberaumt. Mama SPD und Papa CDU sorgen sich ums Gemeinwohl, und nun werden sie uns wieder überfluten mit gut gemeinten Ratschlägen, sinnlosen Plakat-Kampagnen und Events an Grund- und Hauptschulen, als ginge es beim Essen um Drogenmissbrauch, Aids oder Darmkrebs.
Aber genau hier liegt der Grund dafür, dass das ganze Gefuchtel wieder folgenlos bleiben wird: Essen darf nicht einfach Essen sein in Deutschland, sondern wird auf ewig "Diskurs" und "Debatte" bleiben. Es ist nicht stummer Genuss und heiteres Leben, sondern lauernde Gefahr und Krankheit zum Tode. Wir sollen beim Schweinebraten an Fettpunkte denken und beim Club-Sandwich an Acrylamid. Wir sollen in kein Schinkenbrot mehr beißen dürfen, ohne über die Folgen für unser Gesundheitssystem nachzudenken.
Das wünschten sich jedenfalls viele Politiker. Aber ihr an- und abschwellender Bockwurst-Gesang folgt der Mechanik des Jojo-Effekts bei den Diäten: "Ernährung", schon das Wort ist hässlich, wird jetzt für Wochen wieder nationales Thema sein - und dann in der Versenkung verschwinden, wie immer. Und wieder aufblühen, irgendwann. Und wieder schnell verwelken. Und die ganze Zeit, die damit verschwendet wird, hätte man mit Kochen, mit Essen, mit Freunden und Freuden viel sinnvoller nutzen können.
Und die Folge davon liegt auf der Hand, beziehungsweise steht auf der Waage: Wer sich seinem Essen derart entfremdet hat, dass er es am Ende als Bedrohung erlebt, als dauernde Überforderung, von dem wird man nicht erwarten können, dass er sich irgendwie vernünftig "ernährt". Er muss bei der Fast-Food- und der sonstigen Industrie einkaufen, was er mit eigenem Wissen und eigenen Händen nicht mehr herstellen kann. Und folglich wird er zum Opfer der Fertignahrung, die unter dem Strich zu kalorienreich, zu fett und zu zuckrig ist.
Was tun? Nun, wir könnten die aktuelle Hausse des Themas nutzen und ein wegweisendes Gesetz verabschieden, Arbeitstitel: "Kulinarische Nothilfe". Artikel eins: Jeder Bürger hat bei Erreichen der Volljährigkeit das Recht auf einen kombinierten Koch- und Einkaufskurs, in dem die Grundtechniken der Essensbereitung vermittelt werden. Artikel zwei: Fettleibige, die glaubhaft machen können, dass sie gerne anders leben würden, aber partout nicht können, haben Anspruch auf therapeutische Betreuung. Klingt wie ein Gesetz, nicht wahr? Klingt gut! Dient dem Gemeinwohl!
In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!
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