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23.05.2007
 

Huren-Talk bei "Maischberger"

Frust über Verkehrskontrolle

Von Anjana Shrivastava

Welche Prostitution darf sein, und wo? Bei Maischberger versuchten eine Hure und eine Bordellbetreiberin, die Zuschauer vom Segen ihrer Branche zu überzeugen. Die Sittenwächter in der Talkrunde hielten dagegen. Ein Abend über Gang Bang und Parkplatznot.

Mit der Prostituierten Julia aus Cottbus war gestern Abend ein Mensch aus dem "Milljöh" bei Maischberger; womit sich die Frau sicherlich einen Traum erfüllt hat. Angekündigt war sie in der Sendung "Hure - ein ganz normaler Beruf?" als 27-jährige Prostituierte, die vom Auto heraus in den ländlichen Gegenden Südbrandenburgs und Sachsens ihren Traumberuf ausübt.

Prostituierte in Köln: Traumberuf oder Alptraum?
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DDP

Prostituierte in Köln: Traumberuf oder Alptraum?

Ihre Arbeit, so betonte Julia gleich zu Beginn der Debatte, sei "ganz normal" und kleinbürgerfreundlich. Ihre Karriere begann in einem Kaufhaus in Cottbus, als eine ältere Dame sie unvermittelt fragte, wie sie zur Erotik stünde - und ob sie sich vorstellen könnte, in diesem Bereich ihr Geld zu verdienen. Denn Julia hat eine Traumoberweite, und noch dazu ein ausdrucksvolles Gesicht - wie eine unschuldige Stummfilmschauspielerin. Sie ist ein Ziehkind des fünf Jahre alten rot-grünen Prostitutionsgesetzes, das die alten Sittenwidrigkeits-Paragrafen über Bord geworfen hat. Sie findet es normal, bei der Polizei angemeldet zu sein und Steuern zu zahlen. Damit, meint sie, stünde sie viel besser als ihre Freundinnen da, die illegal arbeiteten. Denn sie könne sich immer an die Polizei wenden, falls etwas passiert.

Julia gegenüber sitzen die Sheriffs der Sexualität. Kriminalhauptkommissar Manfred Paulus und Ursula von der Leyens Staatssekretär Hermann Kues beklagen solche kleinstädtische Naivität. Sie beklagen sich auch über das Gesetzeswerk, das manche als "Zuhälterschutzgesetz" bezeichnen. Die Polizei habe damit ein geringeres Instrumentarium, um im Milieu durchzugreifen, als vorher. Außerdem bezweifelt Paulus, dass es überhaupt rechtstaatliche Methoden gegen eine solch mafiöse Subkultur gibt, die über völlig eigene Wertvorstellungen verfüge - und die innerhalb ihres Systems mit eigenen "Richtern" und "Henkern" operiere. Er glaube nicht an das naive Märchen von der freien Prostitution, sondern eher an das gesicherte Fortleben eines kriminellen Milieus.

Arbeitsplatz Auto

Julia hält dagegen: Wenn die Sheriffs der Sexualität meinten, sie würden keine freien Prostituierten kennen, dann würden sie eben jetzt eine kennen lernen. Im Grunde habe sie nur ein einziges Problem - und das sei reichlich banal. Neulich habe sie ihr Auto - immerhin ihren Arbeitsplatz - falsch geparkt, nämlich in einer Gemeinde mit unter 50.000 Einwohnern. "Ich darf zwar an allen Marktplätzen von Dresden, Leipzig und Cottbus parken, wo sich möglicherweise viel mehr Kinder aufhalten", erzählt sie, aber eben nicht in einer kleinen Gemeinde. Es folgte ein Bußgeld für eine "Sperrgebietsverordnungswidrigkeit". Diese Strafe verfolge sie seitdem auf Schritt und Tritt. Mit Hilfe ihres Anwalts will sie ihre Klage notfalls bis zum Bundesverfassungsgericht durchsetzen.

Die Diskussion entlarvt wahre Parallelgesellschaften: Was dem einen eine zivilisatorische Errungenschaft ist, ist dem Nächsten ein Vorbote des Untergangs. Das Thema "Gang Bangs" zum Beispiel. Die 68-jährige Inge Hauschildt-Schön, Bordell-Bekämpferin aus Marburg, findet es unmöglich, dass am Rosenmontag Flyer für "Gang Bangs" unter den Marburger Bürgern verteilt würden. Sie habe sich erst informieren müssen, was ein "Gang Bang" überhaupt sei - und habe Düsteres herausgefunden. Sie sei sich sicher, dass keine Frau sich so etwas freiwillig antue - und was sei bitteschön eine "Ganzkörperbesamung?".

Details der Verkehrskontrolle

Die gutbürgerliche Bordellbetreiberin Felicitas Schirow, die das rot-grüne Gesetz maßgeblich unterstützt hatte, sah das allerdings anders. Ein "Gang Bang" sei in ihrem Milieu gang und gäbe. Wenn "Frauen ihre Phantasien ausleben und mit mehreren Männern schlafen" wollten, greife man eben auf diese Praxis zurück.

Die Fronten bleiben bestehen: Die Konservativen versuchen, düstere Visionen wie aus Welten von Hieronymous Bosch heraufzubeschwören. Die Anhänger der käuflichen Liebe dagegen beschäftigen sich lieber mit kleinen Details der Verkehrskontrolle.

Die Debattenrunde geriet schnell aus dem Ruder - Sandra Maischberger war streckenweise nicht mehr Herrin der Lage. Auftritt des gut aussehenden Österreichers Alexander Gerhardinger. Als Immobilienentwickler setzt er auf ein anderes Modell. Er stellt dem horizontalen Gewerbe lediglich die Räumlichkeiten zur Verfügung. Für seinen bevorstehenden Börsengang wirbt er mit dem Spruch "Lust auf Gewinn. Immobilien Investment mit Potenz(ial)."

Mädchenleeres Moldawien

Das Konzept erläutert er so: Sowohl die Damen als auch die Herren zahlen Eintritt, und zwar an ihn. Die Aktivitäten, die dann folgten, er nennt es "Zimmermachen", seien auf freiwilliger Basis. Was die Leute genau anstellten, wüsste er nicht - und es interessiere ihn auch nicht. Ärzte beispielsweise dürften das 2000-Quadratmeter-Etablissement natürlich jederzeit betreten. Alle sechs Wochen sei ein Bluttest Pflicht. Auch die Polizei dürfe jederzeit mit den "Mädchen" sprechen, dafür garantiere er.

"Wie denn?" fragte die resolute Aktivistin aus Marburg, "die Polizei spricht gar nicht die Sprache von den meisten Mädchen. Es gibt Landstriche in Moldawien, die zunehmend Mädchenleer sind." Nicht Traumberuf, sondern Alptraum sei dieses Leben in den Augen von Hauschildt-Schön. So versucht sie, die Belange der Osteuropäerinnen zu vertreten, die gestern Abend zwar nicht eingeladen worden waren, denen man aber im Milieu schlicht überall begegnet.

Wird diese Art aufgeklärter McDonaldisierung des Rotlichtmilieus im Stil von Gerhardinger und Rot-Grün alle Widersprüche zwischen freier Liebe und organisiertem Geschäft beseitigen? Julia nickte begeistert. In den Ideen Gehardingers erkennt sie eindeutig die Zukunft ihres Traumberufes. Wie ehedem die Polizei die Prostituierte vor den Zudringlichkeiten des Zuhälters geschützt habe, so werde das bald ein mächtiger Manager wie Herr Gerhardinger erledigen. Für Safer Sex sowie Parkplätze für alle sei dann sicher auch gesorgt.

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