Von Heiko Klaas und Nicole Büsing
Die Berliner Schau kam in nahezu klassischer Agitprop-Ästhetik daher: Signalrot waren nicht nur die Wege und Häuser, sondern auch die mit rätselhaften Propagandasprüchen beschrifteten Wimpel, von Galgen herabhängenden Fahnen und Transparente, die dem Ganzen ein theatralisch-revolutionäres Ambiente verliehen. "Wo stehst du mit deiner Kunst, Kollege?", "Angstschweiß eines am Diesseits orientierten Bürgers" oder "Das Bild muss die Funktion der Kartoffel übernehmen", hieß es da mal kritisch hinterfragend, mal abwegig-kryptisch. Oder ganz einfach nur "Suppengrund".
Die kleine Anekdote, die Immendorff hierzu zum Besten gab, sprach Bände. Vom autoritären Großvater zum Aufessen seiner Suppe gezwungen, tröstete sich Jörg Immendorff, der als Kind keine Suppen mochte, stets damit, irgendwann zum Suppengrund, dem Boden des reich bebilderten Tellers vorzudringen. Das jeweilige Tellermotiv entschädigte ihn für die am Mittagstisch erlittene Peinigung. "Ich habe mich immer schon verflüchtigt in die malerische Welt", sagte er.
Und so einer musste weiter Bilder produzieren, selbst wenn ihm die Hände mittlerweile den Dienst versagten. Immendorff, dessen neuere Bilder ausschließlich von seinen Assistenten gemalt wurden, sah sich als "Komponist oder Dirigent", der andere dazu anleitete, genau das auszuführen, was er sich ausdachte. Seinen persönlichen Malstil sah er dadurch übrigens nicht gefährdet: "Ich dulde keine persönliche Handschrift meiner Assistenten", entfuhr es ihm schon einmal. "Es ist sogar ein Stück größerer Freiheit und Objektivität", betonte er und fügte hinzu: "Auch als ich noch mit vier Armen malte, malten andere schon immer mit".
"Ich war kein doller Zeichner", sagte er noch am Ende
Seine Karriere begann er Ende der sechziger Jahre. Damals ersann der Künstler, lange vor der Gründung der gleichnamigen Supermarktkette, das Nonsens-Wort "LIDL". LIDL war ein subversiv-parodistisches System der künstlerischen Einflussnahme auf die gesellschaftliche Realität. In der Düsseldorfer Altstadt gab es einen LIDL-Raum, das Team von LIDL-Sport trainierte für Olympia, und die LIDL-Stadt existierte als Papiermodell. Die letzte große Ehrung, die Immendorff zu Lebzeiten erhalten hat, war die Verleihung des Goslarer Kaiserrings 2006. Die Jury lobte noch einmal ausdrücklich seine gesellschaftskritische malerische Grundhaltung: "Mit radikalen Mitteln widersetzt sich Immendorff den Überlegungen der abstrakten Kunst zugunsten einer politisch und sozial engagierten Anschauung", hieß es damals in der Jurybegründung.
In einem seiner letzten großen Interviews zog Immendorff bereits 2005 gegenüber dem Magazin "Kunstforum" Bilanz: "Ich war weiß Gott, als ich anfing, nicht der supertalentierte Künstler. Bei mir haben die höheren Wesen, glaube ich, mehr mitgewirkt als bei anderen. Ich war kein doller Zeichner. Ich habe das mit etwas anderem wettmachen können."
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