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Valentinstag im Juni Der große Wrdlbrmpfd

2. Teil: Den Melancholiker im Nacken

In seinem künstlerischen Tun experimentiert Valentin, was das Zeug hält. Er interessiert sich für neue Technik, ist einer der ersten Stummfilmer, dreht später auch Tonfilme und nimmt Schallplatten auf, beschäftigt sich mit Fotografie und - eher glücklos - mit dem Radio ("Liebe Rundfunkhorcher und -horcherinnen"). Heute schriebe er wohl Blogs.

Manche Unternehmungen jedoch - wie die Eröffnung eines eigenen Theaters und später des ihm so wichtigen Panoptikums - geraten zu einem finanziellen Fiasko. Mitte der dreißiger Jahre ist Valentin ruiniert. Und nicht nur er. Ungeniert hat er auch das Geld Liesl Karlstadts in seine Träume investiert und verspielt. Seine Partnerin trieb er nicht zuletzt damit in den Nervenzusammenbruch und am 6. April 1935 in der Nähe der Prinzregentenbrücke in die Isar. Sie wird zwar noch rechtzeitig herausgefischt, landet aber in der Nervenklinik.

"Er ist ein Phänomen und spottet der Analyse", erkennt der Feuilletonist Alfred Polgar und versucht sich freilich selbst daran, erfolgreicher als manch anderer: "Die biologische Wahrheit dieses Humors ist es, die so unheimlich berührt. Das Elend der Kreatur ist in ihn mitverarbeitet, Lustigkeit scheint hier oft entartete Traurigkeit. Dem Schalk sitzt der Melancholiker im Nacken."

"Entartete Kunst mit Stiefelwichse gemalen"

Valentin ist stets einer der Komiker, bei dem das Lachen, so lauthals es sein mag, nie vollends unbeschwert ist, mitunter im Halse stecken bleibt. Wenn auch nicht mit der gleichen bitteren Satire wie sein wohl einzig würdiger Erbe Gerhard Polt, zeigt er immer den Menschen in seinem hilflosen Kampf mit dem Leben, das es nur selten gut mit ihm meint.

Karl Valentin wird zu seiner Glanzzeit bejubelt von Menschen, Personen und Leuten sowohl kleinbürgerlicher als auch intellektueller Provenienz. Zahlreiche prominente Verehrer nennt er sein eigen: Kurt Tucholsky, Bertolt Brecht, Samuel Beckett, Thomas, Heinrich und Viktor Mann; der Maler Franz von Stuck bittet ihn zur Privatvorstellung. Doch vereinnahmen lassen will er sich nie von jemandem - was schwierig ist, wenn man in den dreißiger Jahren einen Fan wie Adolf Hitler hat.

An Valentins Abneigung gegenüber Hitler und den Nazis besteht kein Zweifel. Bisweilen schimmert sie sogar trotz seines Credos "A Komiker muaß halt neutral sei" durch sein Werk hindurch, etwa, wenn er gern Sturmbannführer mit Strumpfbandführern verwechselt oder in seinem Panoptikum ein Bild "Entartete Kunst mit Stiefelwichse gemalen von Karl Valentin" ausstellt.

"I bin koa Held"

Einmal soll er Hitler beim Fotografen getroffen und ihm spontan eine Privatvorstellung gegeben haben. Bei dieser oder einer ähnlichen Gelegenheit habe ihm Hitler erzählt, dass er immer sehr über seine Späße lachen müsse, berichtet Valentins Enkelin Anneliese Kühn im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Valentins knappe Antwort: "Aber ich nicht über Ihre." Hitler fand's offenbar komisch, nur selten fällt Valentin der Zensur zum Opfer - etwa 1934 mit dem harmlosen Stück "Der Firmling". Wegen "Verletzung religiösen Empfindens" erhielt es Jugendverbot.

Nach dem Krieg gestand Valentin zum Entsetzen seiner Verehrer: "Wiss'n S', i bin koa Held. Das war ganz einfach a Massl, dass i net bei da Partei war. Aber wenn mi oana zwunga hätt', dann war i halt wahrscheinli a neiganga, weil i mi g'fürcht hätt', dass mir ei'sperrn." Als ihm Hitler zum 60. ein Glückwunschtelegramm schickte, hat er es "sche stad" in den Papierkorb geworfen.

Zu dieser Zeit ist Valentin dem künstlerischen und persönlichen Tiefpunkt schon recht nah. Liesl Karlstadt hat sich mittlerweile zum Muli-Hüten auf eine Tiroler Alm zurückgezogen, er selbst hält sich meist in seinem früheren Wochenendhäusl im Münchner Vorort Planegg auf.

"Morgen schlachten wir die letzten Wanzen"

Schon 1936 schreibt er an einen Regisseur: "Unsere Vorratskammer enthält an Lebensmitteln nur mehr eine Schachtel Ölsardinen, 2 Pyramidontabletten und ein Glas Münchner Wasser. Morgen Vormittag 11 Uhr schlachten wir die letzten Wanzen, welche am Spieß gebraten werden." Nach dem Krieg kommt zur materiellen Not noch der kläglich scheiternde Versuch eines Comebacks, an dem Valentin zugrunde geht. Der Liebesentzug seiner Münchner ist es, der ihm, dem "münchnerischsten aller Münchner" (Oskar Maria Graf), wohl am meisten zu schaffen macht.

Er lebe mit seiner Familie "im Ausland, Planegg, Georgenstraße 2", schreibt er in Briefen an die Stadt München und mögliche Arbeitgeber und unterlässt es nur selten, auf seine 98 Pfund Körpergewicht hinzuweisen. Überall dient er sich an. Doch aus dem Komiker ist längst ein verbitterter Misanthrop geworden, sein Humor ist mittlerweile mehr ab- als tiefgründig. Die Radiosendung "Es dreht sich um Karl Valentin" wird nach fünf Folgen wieder eingestellt - wegen "Humorlosigkeit". Zuvor hatten den Sender Zuschriften erreicht wie: "Aufhören mit dem Schmarrn - Schickt's den Deppen hoam!"

1947 stellt sich Karl Valentin noch einmal gemeinsam mit Liesl Karlstadt auf die Bühne. Anfang Februar 1948 fängt er sich eine Bronchitis mit anschließender Lungenentzündung ein - angeblich als er nach seinem letzten Auftritt auf einer Haidhausener Bühne versehentlich in einer ungeheizten Garderobe eingeschlossen wird und dort übernachten muss. Karl Valentin stirbt am 9. Februar 1948. Es ist Rosenmontag.

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