Von Christian Buß
Über den Titelbalken lugt ein Menschenaffe, ihm wurde von den Layoutern übel mitgespielt. Brutal hat man der Schimpansendame, die als Appetitmacher für einen Artikel auf den Wissen-Seiten über marodierende Artgenossinnen dient, den Buckel abgeschnitten. So eine Umstellung vom Großformat aufs praktische Tabloid, wie sie die "Frankfurter Rundschau" mit ihrer heutigen Ausgabe vollzogen hat, muss eben auch ein bisschen wehtun: Was nicht passt, wird passend gemacht.
Auf der Frontseite präsentiert man sich an diesem Mittwoch also relativ rigide. Was ja auch eine Möglichkeit darstellt, dem Vorwurf entgegen zu treten, dass mit der neuen Griffigkeit auch eine neue Gefälligkeit ins Blatt einziehe. "Zu Gast bei Gegnern" heißt es dann auch kurz und schroff in der Überschrift, mit der die demnächst zum G-8-Gipfel anreisenden Regierungschefs darauf hingewiesen werden, dass einige von ihnen bei der Bevölkerung nicht willkommen sind.
Dazu hat man eine Forsa-Umfrage in Auftrag gegeben, bei der die Sympathiewerte der Mächtigen ermittelt wurden. Das Ergebnis wird nun für das neue Zeitungskleinformat im Graphikgroßformat präsentiert – obwohl die Werte so überraschend nun auch wieder nicht sind. 62 Prozent der Befragten attestieren der international immer energischer auftretenden Merkel ihre Sympathie, während Bush nur magere 20 Punkte einfährt. Die Sonntagsfrage als XXL-Modell, das wirkt ein bisschen gewollt. In Zukunft braucht es wohl noch etwas mehr Wagemut, um auf der ab jetzt monothematisch geprägten ersten Seite eine gewisse Dringlichkeit zu vermitteln. Man muss möglicherweise ein bisschen rumschneidern und aufschneiden, wenn sich tagespolitisch kein Thema wirklich aufdrängt.
A wie "Ausgabe"
Aber für die "Frankfurter Rundschau" gibt es heute ja sowieso nur ein Thema: die "Frankfurter Rundschau". Die Seiten zwei und drei, wo sonst zukünftig das "Thema des Tages" behandelt wird, füllt eine ausführliche Gebrauchsanweisung für das neue Blatt. Und wer die Beipackzettel für Ikea-Regale schon als recht komplex empfindet, könnte hier in seiner Ausdauer überfordert werden. Alphabetisch ackern sich die Redakteure durch den Umbau – und führen den Leser nebenbei in die wichtigsten Begrifflichkeiten des Zeitungswesens ein. Von A wie "Ausgabe" bis Z wie "Zeitungsbücher". Das erfordert einige weitschweifige Erklärungen. Nur L wie "Leute" liest sich flott: "Auf der letzten Seite. Bitte die Zeitung einfach umdrehen."
Aber so mancher Stammleser der "Frankfurter Rundschau" hat sich in den letzten vier Wochen ja sowieso zum Hobby-Herausgeber entwickelt, denn der Umbau des Blattes wurde mit der größtmöglichen Transparenz vorangetrieben. Täglich informierte man auf einer eigenen Seite über die angestrebten Neuerungen und erläuterte deren Sinn und Zweck, am letzten Wochenende gab es zum lockeren Kennenlernen schon mal eine 40-seitige Beilage im neuen Look, und mit einer extra eingerichteten Hotline nahm und nimmt man sich besorgter alter "FR"-Fans an.
Seelsorge für verstörte Leser
Telefon-Seelsorge für verstörte Leser? Bei der "Frankfurter Rundschau" ist das durchaus sinnvoll. Die Klientel ist linksliberal und vor allem, wie Chefredakteur Uwe Vorkötter mehrmals verlauten ließ, "strukturkonservativ". Wenn man sie richtig betreut und teilhaben lässt, so die Strategie, werden sie den Wandel auch mittragen.
Der aber erschien den Verantwortlichen unvermeidlich: Die seit Jahren gesunkene Auflage der Zeitung, die sich vor allem und noch immer als überregionale Publikation versteht, liegt jetzt bei 150.000 verkauften Exemplaren. Mit der Umstellung vom Nordischen Großformat aufs halb so große Tabloid will man neue und jüngere Leser gewinnen und sich gleichzeitig als Avantgarde auf dem Markt der überregionalen deutschen Qualitätszeitungen positionieren. In Skandinavien und Großbritannien haben einige große Blätter die Verkleinerung schadlos überstanden und konnten sogar noch einige, wenn auch nicht monströs viele Leser dazu gewinnen. Hierzulande gibt es im nahverkehrsfreundlichen Tabloid-Format zwar schon die "Welt Kompakt" – die ist aber lediglich eine günstigere und inhaltlich ausgedünnte Version des Mutterblattes.
Steile Thesen
Trotz neuer Handlichkeit soll es solchen Fingerfood-Journalismus bei der "Frankfurter Rundschau" nicht geben. Es besteht durchaus Hoffnung, dass Chefredakteur Vorkötter seine hehren Ziele durchsetzen kann – auch mit einer über die letzten Jahre drastisch geschrumpften Redaktion. Zuletzt hatte der Tageszeitungsmann sich immerhin bei der "Berliner Zeitung" einen Ruf als kreativer Sanierer erworben. Er brachte die Publikation, bei der es eine ähnlich tradierte und vertrackte Leser-Blatt-Bindung gibt wie bei der "Frankfurter Rundschau", nach Jahren in die schwarzen Zahlen.
Wenn man das neue Blatt durchblättert, fallen einem jedenfalls erstmal keine gravierenden Einschnitte in den platztechnisch nun flexibel gehandhabten Ressorts auf. Dafür gibt es einige durchaus zeitgemäße Neuerungen. So prangt auf der Doppelseite in der Mitte des Blattes das "Panorama", wo Reportagen optisch opulenter gestaltet werden können. Und – das ist vielleicht die am weitesten reichende Veränderung – für Kommentare und Analysen gibt es jetzt eine zweiseitige (extrem stark an die "Berliner Zeitung" erinnernde) Meinungsseite.
Das ist durchaus in die Zukunft gedacht: Je schneller Informationen über Online-Angebote Verbreitung finden, desto fundierter und meinungsfreudiger müssen zwangsweise die langsameren Printmedien auftreten. Und auch in Sachen Meinung macht Chefredakteur Vorkötter, der radikale Pragmatiker, eigentlich alles richtig: Im Leitartikel fordert er kurzerhand die Abschaffung des G-8-Gipfels. Hätte er die steile These mit der gleichen Risikofreude auf die Titelseite gebracht, wäre es eine richtig scharfe Premiere geworden.
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