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07.06.2007
 

Neues Engelbrot-Theater

Minimalismus in Moabit

Von Christine Wahl

Wie gründet man ein neues Theater in der überfüllten Berliner Kulturszene? Man übernimmt ein altes Boulevard-Haus im unwahrscheinlichsten Stadtteil und bringt Beckett auf die Bühne. Mit einer kargen Proben-Version der "Glücklichen Tage" feierte das Moabiter "Engelbrot" seine erste Premiere.

Eigentlich steckt Winnie – laut Regieanweisung "um die fünfzig" und "wenn möglich blond, fett, vollbusig" - ja bis zur Taille in einem Erdhügel. Die Schauspielerin Miriam Goldschmidt verkörpert in so ziemlich allen Punkten das Gegenteil und sitzt außerdem ganzheitlich an einem Holztisch.

"Glückliche Tage"-Darsteller Kroke, Goldschmidt: Helle Erkenntnisfreude
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Engelbrot Theater

"Glückliche Tage"-Darsteller Kroke, Goldschmidt: Helle Erkenntnisfreude

Denn bei dieser Variante von Samuel Becketts Zweiakter "Glückliche Tage" haben wir es nicht mit Peter Brooks weithin gefeierter Basler Inszenierung von 2003 zu tun, die nach diversen Gastspielen letzten Sommer auch im Berliner Renaissance-Theater Station machte. Stattdessen nimmt das neu gegründete Theater Engelbrot seinen Spielbetrieb mit der so genannten "Rehearsal-Version" dieser Inszenierung auf – einer stark reduzierten Probearbeit. Auch dabei handelt es sich lediglich um eine Berliner Premiere; man kann also getrost davon ausgehen, dass jeder echte Brook-Jünger seinen Kniefall vor diesen "Glücklichen Tagen" bereits getätigt hat.

Natürlich gibt es trotzdem gute Gründe, die abgespeckten "Happy Days" aufzuführen. Zumindest, wenn man damit leben kann, dass gleich bei der Eröffnungspremiere der Zuschauerraum zu zwei Dritteln leer und weitgehend pressefrei blieb. Der erste Grund ist Miriam Goldschmidts beeindruckende Schauspielkunst, die Fans sicher auch beim siebten Mal noch bewundern können; der zweite die Tatsache, dass die neue Intendanz des ehemaligen Hansa-Theaters im nicht eben als Kunst-Hochburg geltendem Stadtteil Moabit so gut an Kostümen, Bühnenbild und Requisiten sparen kann. Man finanziert sich hier - ohne staatliche Subventionen - ausschließlich aus Mäzen- und Sponsorengeldern.

Goldschmidt spielt ihre Winnie auch ohne Beiwerk und Hügel eher mit der Leichtigkeit des Seins als mit erdenschwerem Pathos. Zumindest gemessen an ihrer Lage: Die Dame kramt rituell bis zwanghaft Spiegel, Brille, Zahnbürste, Revolver und andere Dinge des täglichen Bedarfs aus einem großen schwarzen Ledersack, um sich damit beschäftigungstherapeutisch durch den Tag zu retten, und weiß nie genau, ob sie mit ihrer pausenlosen Ansprache eigentlich ihren hinterm Hügel hockenden, schwer hörenden Mann Willie erreicht oder aber sich permanent nur ihrer selbst versichert.

Beckett-Forscher haben von der Annahme, dass man es hier mit einem unschönen Ehealltag im fortgeschrittenen Stadium zu tun haben, bis hin zu Georg Hensels Deutung, in Winnie manifestiere sich "die allgemeine Lage des Menschen, der mit dem Augenblick seiner Geburt dem Tod entgegenwächst", keine Interpretation ausgelassen. Auch bei Miriam Goldschmidt ist alles denkbar – außer schwülstiger Bedeutungshuberei: Sie balanciert an ihrem Holztisch absolut tonsicher zwischen dem Überdruss am Gatten und der existenziellen Restsehnsucht nach ihrem Partner, den Wolfgang Kroke kongenial minimalistisch gibt.

Grummelndes Feedback aus Reihe acht

Jeder Theaterwissenschaftsstudent hätte an dieser spartanischen Rehearsal-Variante seine helle Erkenntnisfreude – und nun denke man sich das Ganze ins ehemalige Moabiter Hansa-Theater, wo – bevor die Bühne Anfang 2002 als Subventionsempfängerin ausgemustert wurde – der Boulevard zu Hause war! Man kann wahrlich nicht behaupten, dass die Brooksche Interaktion mit dem Kiezpublikum gescheitert wäre: In Reihe drei lacht sich eine junge Frau jedes Mal lauthals schlapp, wenn Kroke die Regieanweisung "kramt im Sack" verliest; aus Reihe acht gibt es sogar zu jedem fünften Satz grummelndes Feedback, und zwei halbwüchsige Moabiter verschaffen sich eine diebische Theaterfreude, indem sie sich mitten in der Vorstellung einmal vollständig von rechts nach links kichernd durch die am dichtesten besetzte Stuhlreihe drängeln. So prosaisch ging es schon lange in keiner Berliner Hochkulturveranstaltung mehr zu.

Wesentlich weniger zurückhaltend als die karge Inszenierung kommt übrigens die neue Intendanz des 450-Plätze-Theaters daher: HP Trauschke, Ludo Vici, Friedrich Liechtenstein und Knut Hetzer – Abkömmlinge der großen freien Kunst- und Theaterszene – wollen hier einen Repertoire-Betrieb aufbauen und verorten sich auf Augenhöhe mit den Hochkarätern der Stadt – angefangen vom Deutschen Theater über die Schaubühne bis zum Berliner Ensemble. De facto wird es wohl vorerst auf die Peymann-Schiene hinauslaufen: Ähnlich wie der BE-Intendant, der gern Inszenierungen von Bochum über Wien mitschleppte, um sie nach Jahrzehnten endlich in Berlin wieder aus dem Rucksack zu kramen, setzen auch Trauschke und Ludo Vici auf Recycling: Aus München, wo sie schon mal zwei Theater leiteten, bringen sie ihre fünfzehn Jahre alte Ionesco-Inszenierung "Die Stühle" mit.

Der Markt wird's regeln

Während eines zweiwöchigen "Probelaufs" vor der offiziellen Eröffnung mit Beckett ließ man sich allerdings immerhin in puncto Berliner Neubesetzung nicht lumpen und bedachte den Playboy Rolf Eden mit der Charakterrolle des taubstummen Redners. Für ein bisschen Volksbühnen-Appeal wird Castorf-Schauspieler Herbert Fritsch sorgen, wenn er hier künftig die Theaterproduktionen der Berliner Konkurrenz in Kurzfassungen verulkt. Das könnte lustig werden.

Nun könnte man ewig darüber spekulieren, ob die Moabiter Kiezler das auch finden, und ob Ionesco, Rolf Eden, Miriam Goldschmidt und ein zusätzliches Kino-, Bar- und Lesungsprogramm reichen, um sich in Berlin mit einem neuen Theater zu etablieren – zumal in einem Haus, das seit 2002 bereits zwei gescheiterte private Reanimationsversuche hinter sich hat. Aber der Markt wird es eh in absehbarer Zeit regeln.

Das nötige Wirtschaftslatein für weitere Sponsorengewinnung hat Trauschke jedenfalls drauf: "Sehr gut aufgestellt" sei er hier mit seiner "schlanken, schlagkräftigen Truppe", und Brook habe ihm sicher nicht umsonst gestattet, die Rehearsal-Version hier "fest zu installieren". Vielleicht klappt es irgendwann ja auch mal mit Peter Stein: Die große frühere Schaubühnen-Protagonistin Edith Clever jedenfalls – einer der raren Premierengäste aus der Theaterprominenz - wurde an der Kasse schon mal übungsweise mit "Guten Abend, Frau Stein" begrüßt. Nächste Woche gibt's dann wieder "Die Stühle" mit Rolf Eden.

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