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08.06.2007
 

Kunstbiennale in Venedig

Bizarre Welt im Deutschen Pavillon

Aus Venedig berichten Nicole Büsing und Heiko Klaas

Nur 25 Besucher dürfen gleichzeitig in den von Isa Genzken gestalteten Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig. Aber das Warten lohnt sich! SPIEGEL ONLINE wirft einen Blick in eine bizarre Trickkiste voll mysteriöser Koffer, schlaffer Raumanzüge und Gummi-Echsen.

Den Oscar hat sich Isa Genzken bereits selbst verliehen. Ob es auch mit dem Goldenen Löwen für den besten Pavillon der Biennale in Venedig klappt? "Bester Film des Jahres 2007" steht jedenfalls auf der kleinen Messingplatte, die den Sockel der 40 Zentimeter hohen Oscar-Trophäe ziert. Doch das ist nur eines von unendlich vielen Details der Installation "Oil", die den großen Ausstellungsraum und die kleinen Seitenkabinette des 1938 von den Nazis komplett umgebauten Deutschen Pavillons auf dem Giardini-Gelände in Venedig füllen.

Isa Genzken, 59, die menschenscheue und stets hinter ihr Werk zurücktretende deutsche Künstlerin, versteht sich als Bildhauerin. Sie ist die offizielle Vertreterin der Bundesrepublik Deutschland auf der 52. Biennale von Venedig, die am Wochenende eröffnet wird. Für "Oil" hat sie einmal mehr in die Trickkiste des Trash, des spacigen Glamour, der dekorativen Oberflächen und der zum Readymade transformierten Alltagsgegenstände gegriffen.

Unbeaufsichtigte Gepäckstücke

Eine verspiegelte Wand versperrt zunächst einmal den direkten Zugang ins Innere des Pavillons. Drinnen angekommen, findet der Besucher sich in einer Ansammlung von Koffern der unterschiedlichsten Art wieder: Trolleys, Reisekoffer, Notfallkoffer, Werkzeugkoffer. Alle sind auf absurde Art und Weise mit diversen Gegenständen bestückt: von der Gitarre bis zur Wasserpfeife, vom Rembrandt-Plakat bis hin zu kitschigen Postern von Hunden und Katzen. Ausgestopfte Eulen thronen symbolträchtig und surreal auf den Gepäckstücken. Nur einer, ein unauffälliger roter Schalenkoffer, bleibt unkommentiert. Vielleicht hat er die größte Sprengkraft? Denn eines ist klar: Bei Isa Genzken geht es nicht ums banal Dekorative.

Dass unbeaufsichtigte Gepäckstücke durchaus zu explosiven Waffen mutieren können, darf der Betrachter ruhig mitdenken. Und erst einmal auf diese Fährte gesetzt, entfaltet sich nach und nach auch die potentielle Bedeutung der anderen Objekte. Wovon mögen wohl die von der Decke herabbaumelnden Henkerschlingen beeinflusst sein, in denen Stofftiere und wabbelige Gummireptilien herumturnen? Vielleicht von der Hinrichtung Saddam Husseins und seiner Gefolgsleute? Direkt ausgesprochen wird so etwas natürlich nicht. Das wäre auch zu plump. Frau Genzken mag es subtiler.

Auf Säulen platziert sie angsteinflößende Gummimasken mit hervorquellenden Augen. Sie wirken wie Trophäen. Darüber hat sie kunsthandwerklich-kitschige Masken aus dem venezianischen Karneval gestülpt, die es an jeder Ecke in den Touristenläden zu kaufen gibt. Hier rechnet offenbar jemand ab, der sich von der Welt des Konsums, der Souvenirläden und der billigen Freizeitvergnügen genügend distanziert hat.

Abgerechnet wird aber auch mit der aktuellen Politik der Amerikaner: Astronautenanzüge - einst Symbol der unverwundbaren Weltmacht USA - hängen wie abgestreifte schlaffe Hüllen von der zwölf Meter hohen Decke herab.

Genzkens Welt ist ebenso bizarr wie kalkuliert. Hightech-Materialien wie Edelstahl, Plexiglas und Silberfolie verbaut sie zu einer Kunstwelt voller Anspielungen die zweifelhafte Verführungskraft der Konsumwelt und die Zerstörungskraft der globalen Machtpolitik im Zeitalter langsam versiegender Rohstoffquellen. Der Titel "Oil" ist natürlich nicht zufällig gewählt.

Jeweils nur 25 Besucher dürfen gleichzeitig ins Innere des komplett eingerüsteten Deutschen Pavillons eintreten. Er ist mit jenen orangefarbenen Absperrnetzen nahezu unkenntlich gemacht, die in Italien auf Baustellen benutzt werden. So erzeugt man lange Warteschlangen und definiert seinen eigenen Anspruch.

Sex, Lust, Geschlechterkampf

Auch Frankreich und Großbritannien, direkte Nachbarn der Deutschen, warten in diesem Jahr mit bereits international etablierten Künstlerinnen auf. Tracey Emin, 44, einst als weibliche Gallionsfigur der Young British Art (YBA) bekannt geworden, stellte früher benutzte Betten aus und stickte die Namen all ihrer Liebhaber auf eine Wolldecke. Im britischen Pavillon jedoch erfährt ihr Werk eine geradezu museale Nobilitierung. Kleine, säuberlich gerahmte durchgepauste Zeichnungen und frühe Aquarelle reihen sich brav aneinander. Aus dem einstigen "Bad Girl" ist eine etablierte Künstlerin geworden. Immerhin, ihre Themen sind noch dieselben wie früher: Bei Emin geht es nach wie vor um Sex, Lust, Geschlechterkampf und traumatische Abtreibungserlebnisse.

Eine sehr französische Geschichte erzählt Sophie Calle, Jahrgang 1953, gleich nebenan. Was passiert, wenn eine Frau den Brief eines Mannes erhält, der ihr die Trennung ankündigt? In diese Rolle begaben sich 107 teils sehr berühmte Französinnen, die auf die fiktive Ankündigung "Es ist aus!" sehr unterschiedlich reagierten. Entstanden ist ein visuell höchst facettenreiches Album voller Emotionen, Fragen, Trauer, Verletzlichkeit, Stolz, Verdrängung und Wehmut. Videoprojektionen, Texte und Fotos addieren sich zu einem Panoptikum der weiblichen Empfindsamkeit. Ganz im Sinne des von Robert Storr ausgegebenen, diesjährigen Mottos der Biennale "Think with the senses - Feel with the mind" - "Denke mit den Sinnen - Fühle mit dem Verstand".

Club der toten Künstler

Der New Yorker Kurator und Kunstkritiker Storr, in diesem Jahr künstlerischer Leiter der Biennale von Venedig, kuratierte neben der Ausstellung im Arsenale auch den zentralen, länderübergreifenden Pavillon auf dem Giardini-Gelände. Hier wirkt die Kunst zunächst einmal ungemein politisch, anklagend und global. Den Auftakt macht die 81-jährige Amerikanerin Nancy Spero. An ihrer 2007 entstandenen Arbeit "Maypole/Take No Prisoners" muss jeder vorbei. Von einem weißen Aluminiummast hängen wie von einem Maibaum bunte Stoffbänder herab, an denen die schemenhaften Köpfe von schreienden, blutenden Männern und Frauen baumeln.

Jenny Holzer, 57, ist eigentlich bekannt für ihre Lichtprojektionen und LED-Laufbänder mit Aphorismen und politisch-feministischen Aussagen. Für ihre Biennale-Arbeit hat sie sich beim amerikanischen National Security Archive (NSA) Obduktionsberichte und Handabdrücke von Gefangenen in Guantanamo, Afghanistan und dem Irak besorgt, die unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen sind. Umgesetzt in großformatige Ölgemälde und so einem größeren Publikum zugänglich gemacht, geraten diese zur deutlichen Anklage gegen das amerikanische Vorgehen im Anti-Terror-Krieg. Der Abdruck einer Hand, an der die vorderen Fingerglieder fehlen, verstört und mahnt zugleich. Die größten Kritiker der US-Politik sind offenbar immer noch die Amerikaner selbst.

Doch Storr kontrastiert die kritische Kunst seiner Landsleute an vielen Stellen mit Arbeiten aus ganz anderen Kulturkreisen. Die Bilder des von Storr als "afrikanischer Andy Warhol" etikettierten, kongolesischen Malers Chéri Samba, 51, etwa verbinden populäre, farbenfrohe Malerei mit plakativ-antiwestlichen Aussagen über den 11. September oder die Aids-Problematik in Afrika.

Durch einen golden glitternden Perlenvorhang des 1996 an Aids verstorbenen amerikanischen Künstlers Felix Gonzalez-Torres betritt man eine Art Club der toten Künstler. In einem kapellenähnlichen Raum treffen die Gemälde des deutschen Ironikers Martin Kippenberger auf die übers Eck gespannten Wollfäden des amerikanischen Konzept- und Minimalkünstlers Fred Sandback. Hat man die beiden gegenüberliegenden, mit Graphitstiften ausgeführten Wall Drawings der kürzlich verstorbenen Minimal Art-Ikone Sol LeWitt passiert, trifft man aber auf aktuelle Werke der großen, kunstgeschichtlich bereits verankerten lebenden Legenden der Nachkriegskunst: Gerhard Richter, Bruce Nauman, Ellsworth Kelly und Robert Ryman.

Felix Gonzalez-Torres, seit Jahren ein Kuratorenliebling, erfährt auch im amerikanischen Pavillon eine posthume Ehrung. Seine im Offsetdruck-Verfahren gedruckten Plakate mit melancholischen Wolken oder Trauerrand können von den Biennale-Besuchern ebenso mitgenommen werden wie die über 360 Kilogramm Lakritzbonbons, die zu einem riesigen Rechteck auf den Fußboden geschüttet sind.

Auch wenn von vielen Kritikern immer mal wieder die Aufgabe des nationalstaatlichen Prinzips gefordert wurde: Der seit 1895 im Zwei-Jahres-Rhythmus stattfindende Länderwettbewerb auf dem Giardini-Gelände mit zurzeit 31 nationalen Pavillons ist nach wie vor das Kernstück der Biennale di Venezia. Hier herrscht - gerade an den Eröffnungstagen - die größte Drängelei. Hier werden die dicksten Kataloge verteilt und die gewichtigsten Kaufentscheidungen für die ab Dienstag stattfindende Art Basel getroffen. Immerhin haben von Albanien bis Zentralasien mittlerweile 76 Nationen oder länderübergreifende Zusammenschlüsse in angemieteten Palazzi, aufgegebenen Werkstätten oder Fabrikhallen ihre Repräsentanzen in Venedig eingerichtet. Ein neuer Rekord, der die stetig voranschreitende Internationalisierung des Kunstbetriebs unterstreicht.

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