Aus Kassel berichtet Jenny Hoch
Die Documenta-Halle wirkt dagegen wie ein surrealer Spielplatz, neben Cosima von Bonins Riesenstofftieren und Inigo Manglano-Ovalles unheimlichen "Phantom Truck" steht hier der heimliche Star dieser Documenta: Eine echte Giraffe, die im einzigen Zoo des Westjordanlandes einst auf den Namen Brownie hörte. Ein Tierarzt stopfte sie, nachdem sie im Zuge der zweiten Intifada zu Tode kam, sehr unfachmännisch aus - nun hat der Künstler Peter Friedl sie hier auf ihre wackeligen Beine gestellt - warum, diese Frage muss jeder sich selbst beantworten.
Im eigens erbauten Aue-Pavillon dominiert das libertäre Prinzip. Zwar ist das riesenhafte Gewächshaus nicht ganz so luftig und durchlässig geraten wie ursprünglich geplant, aber dennoch sind die Ausstellungsstücke locker - und bisweilen leider auch lieblos - in dem geteerten Glaspalast arrangiert. Hier steht das löchrige Schiff der Träume, das Romuald Hazoumé aus Kanistern gebaut hat. Rätselhaft-poetische Gemälde von Monika Baer bieten pastellene Fluchten aus politisch aufgeladenen Fotoserien wie "Arab al-Sbaih" der Palestinänserin Ahlam Shibli über Flüchtlingslager in Jordanien. Gerwald Rockenschaub, ein früherer Vertreter des Wiener Post-Punk-Aufbruchs, hat hier augenzwinkernd ein Klassenzimmer hineingebaut, das viel zu klein ist für all die bildungsbeflissenen Documenta-Besucher.
Rote Fäden gibt es in der Ausstellung genug. Oft auch sprichwörtlich, wie im Fall der biografischen Arbeit "And Tell Him of My Pain" von Sheela Gowda. Für ihre Nabelschnüre verschlang sie Bündel von Nadeln und Fäden ineinander, färbte sie und verklebte sie mit Gummi arabicum. Diese und viele andere lose Enden zu entwirren, ist Aufgabe des Publikums. Hilfreich ist dabei, dass Werkgruppen einiger Künstler dezentralisiert gehängt sind. Das heißt, man begegnet ihnen in den unterschiedlichen Ausstellungsstätten immer wieder und kann sie wie alte Bekannte auf Veränderungen hin untersuchen.
Immer funktioniert dieses detektivische Verfahren nicht, doch ist diese Art des Scheiterns durchaus gewollt. Es gibt, so scheint einem diese Ausstellung auch sagen zu wollen, eben nicht immer für alles eine Antwort. Manchmal genügt es aber vielleicht schon, die richtigen Fragen zu stellen.
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