Von Peer Schader
Ausgerechnet Offenbach! Irgendetwas Besonderes muss diese Stadt haben, das man nicht gleich sieht, wenn man durch sie hindurch fährt. RTL-"Superstar" Mark Medlock kommt aus Offenbach (und will bekanntlich auf keinen Fall wieder dahin zurück), und vielleicht spricht auch die nächste Pro-Sieben-Gesangshoffnung hessisch.
Denn wo "Deutschland sucht den Superstar" vor wenigen Wochen aufhörte, schließt "Popstars on Stage" nun nahtlos an. Im April startete die Casting-Tour in Medlocks Heimat Offenbach. 1900 vermeintliche Talente kamen zum Auftakt. Und Pro Sieben hat eine über zweistündige Langweilershow daraus geschnitten, bei der einem gar nichts anderes übrig blieb, als zwischendurch mal herzhaft zu gähnen. Sieben Monate nach dem Ende der letzten Staffel ist die nächste Bandsuche gestartet. Diesmal soll alles pompöser sein: Das Bühnenbild ist aufgehübscht, die Jury vergrößert und die Sendezeit auf ein halbes Jahr verlängert, weil "Popstars" 2006 so erfolgreich war. Noch dazu werden nun Sänger und Tänzer gesucht, die unmittelbar nach dem Finale auf Tour geschickt werden.
Das ist reichlich optimistisch von Pro Sieben, wenn man bedenkt, dass die seit dem Finale im November existierende Mädchenband Monrose derzeit Gerüchten nach arge Probleme haben soll, die für ihre Tour gebuchten Hallen auszuverkaufen. Aber wenn wir ehrlich sind, ist der Erfolg der Band nachher sowieso nicht mehr Priorität für den Sender.
Zuerst kommt die Show. Und die hat Pro Sieben zum Auftakt leider ziemlich in den Sand gesetzt. Das lag vor allem an einer viel zu hektischen Schnittreihenfolge, in der Kandidaten, kaum dass sie den Zuschauern vorgestellt waren, schon wieder abgefertigt wurden – und daran, dass einfach nicht so viele spannende Charaktere gekommen sind.
Wie aus einer anderen Welt
"Popstars on stage" fehlen die skurrilen Typen, die die "DSDS"-Castings zu einem überragenden Erfolg haben werden lassen. Der klägliche Versuch, die beiden Polen Tomek und Peter mit ihrer zuckenden Tanzeinlage zu "Oh Carolina" als ironisch gemeinten "Pro Sieben Entertainmenttipp" zu verwerten, den sonst nur echte Stars bekommen, war vermutlich der Versuch, die "Superstar"-Witzigkeit zu imitieren, ist aber völlig daneben gegangen. Und Juryleitwolf Detlev D! Soost ist nun mal nicht Dieter Bohlen – auch wenn die beiden sich in ihren Sympathiewerten auf ähnlichem Niveau bewegen dürften.
Das größte Problem des "Popstars"-Starts war aber ein anderes: Nina Hagen. Die hat nämlich in der Jury gefehlt und ließ sich bloß per Einspieler kurz blicken, dessen Inszenierung den Eindruck vermittelte, als spreche Hagen zu den Zuschauern aus einer anderen Welt (oder zumindest aus einem alten Gruselfilm). Im vergangenen Jahr war die Pop-Aktivistin ganz klar der Sonnenschein der Show, gab Soost eifrig Contra und drückte die Kandidaten, wenn Tränchen flossen.
Ist Marusha überhaupt schon da?
Jetzt sitzen neben dem höflich-kompetenten, aber eben auch unscheinbaren Dieter Falk die Produzentin und Sängerin Jane Comerford (Texas Lightning) und Ex-Kult-DJ Marusha in der Jury. Zumindest bei letzterer musste man ganz genau aufpassen, um zu merken, dass sie überhaupt da ist. Und Comerford ist auch eher durch Sinnsätze wie "Das ist noch nicht Musik, das ist bloß Geräusch" aufgefallen als durch Entertainment-Qualitäten.
Nun ja. Ein bisschen was gab es dann schon zu lernen. Zum Beispiel, wie man Künstler heutzutage lobt: "Du hast einen freshen Style", sagt die Jury, wenn sie jemanden gut findet. Oder: "Du hast uns mit deinen Powermoves echt geflasht." So oft war das in Offenbach jedoch nicht der Fall. Soost war es sogar lästig, neue Stimmchen anzuhören, der Choreograph wollte lieber Tänzer sehen, weil bei denen immer die Hütte brennt, würde man im Juryjargon sagen. Kein einziger Kandidat ist einem besonders in Erinnerung geblieben – na ja, außer Marcella vielleicht, die schon vor ihrem Auftritt in die Kamera plapperte, sie sei die Tochter von George Mc Gray, der in den Siebzigern mal einen Hit mit "Rock you baby" hatte und als ersten Satz vor der Jury herausbrachte: "Ihr kennt bestimmt meinen Papa."
Die ewigen Wiederkehrer
Den Rest der Zeit ehrgeizte wieder das übliche Teenager-Publikum um die Wette, das "ohne Musik nicht leben kann", und wie in einem Film von John Carpenter als ewiger Wiederkehrer von Casting-Ort zu Casting-Ort fährt oder wahlweise ein paar Jahre wartet, bis der neue Anlauf in der nächsten Staffel gewagt wird. Komisch bloß, dass sich niemand von diesen jungen Menschen fragt, was eigentlich aus denen geworden ist, die es damals geschafft haben. Vielleicht ist das aber auch egal.
Pro Sieben rechnet damit, seinen erfolgreichen Casting-Donnerstag, an dem "Popstars" und "Germany's Next Topmodel" für Marktanteile gesorgt haben, bei denen die Geschäftsführung ins Schwärmen gerät, mit der neuen Staffel durch den Sommer zu retten. Damit das funktioniert, dürfen die Castings in den nächsten Wochen aber nicht so aussehen, als habe man im Schneideraum wahllos Gesichter aneinandergepappt. Vielleicht sind sie bei der Produktionsfirma Tresor TV nach der langen Star- und Modelsuche aber auch bloß müde geworden.
Eine Neuerung immerhin könnte "Popstars on Stage" noch revolutionieren: In diesem Jahr hat die Jury einen Buzzer vor sich stehen, den sie drücken kann, wenn ein Bewerber so gar kein Talent hat. "Er ist der Schrecken der Kandidaten – der Buzzer", dröhnte die Off-Stimme am Donnerstag bereits wie aus der Geisterbahn. Manchmal wünscht man sich, auch die Zuschauer dürften diesen Buzzer betätigen. Dann gäbe es sicher viel zu lachen in den nächsten Wochen.
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