Von Peer Schader
Es gibt noch gute Nachrichten aus der ARD, auch wenn sie selten geworden sind: Die intelligent und witzig gemachte Serie "Türkisch für Anfänger" mit der Berliner Patchwork-Familie Öztürk-Schneider geht weiter - in einer dritten und vermutlich letzten Staffel, dank Zuschüssen von BR und NDR. Die Fortsetzung ist eine gute Entscheidung, denn die Vorabendreihe gehört zu den wenigen Programmen im Ersten, die sich an ein Publikum richten, das nicht mit Jutta Speidel, Heinz Schenk und Carolin Reiber sozialisiert wurde. Eine Menge Fernsehpreise hat sie auch noch eingeheimst.
Dass es weitergeht, liegt denn auch vor allem am Renommee, das die Serie der ARD einbringt – selten ist man so uneingeschränkt gelobt worden. Die Krux: Richtig toll waren die Quoten nie – und das lag vermutlich am Sendeplatz um 18.50 Uhr.
Wenn man den hohen Herren bei der ARD die Schweißperlen auf die Stirn treiben will, muss man eigentlich nur die halbe Stunde von zehn vor bis zwanzig nach sieben erwähnen. Dann herrscht regelmäßig Quotenkatastrophenalarm im Ersten: Alles, aber auch wirklich alles, was dort in den vergangenen anderthalb Jahren ausprobiert wurde, lief unter den Erwartungen.
Die waren freilich besonders hoch, nachdem "Berlin, Berlin" dort 2002 zum Beispielerfolg dafür geriet, dass man tägliche Serien nicht zwangsläufig mit Klischees und schlechten Schauspielern vollstopfen muss, sondern auch intelligent machen kann. Das ist inzwischen lange her. Der "Berlin, Berlin"-Nachfolger "Zwei Engel für Amor" erreichte im vergangenen Winter nur noch katastrophale Marktanteile, davor waren schon die Telenovelas "Sophie - Braut wider Willen" und "Das Geheimnis meines Vaters" untergegangen.
Mit Dokusoaps ist die ARD um kurz vor sieben auch nicht glücklich geworden – nach "Verbotene Liebe" und "Marienhof" schalten die Zuschauer konsequent weg. Quotentiefpunkt war in diesem Jahr Hoffnungsträger Harald Schmidt mit der wiederbelebten Ratesendung "Pssst...". Die meisten gucken lieber das "perfekte Dinner" bei Vox.
Biotope für ein intellektuelles Publikum
So kann es eigentlich nicht weitergehen. Und das wird es auch nicht, es wird wohl eher schlimmer. Denn wen man auch innerhalb der ARD auf das 18.50-Uhr-Problem anspricht, meist trifft man auf Ratlosigkeit.
Die ARD hat unlängst analysieren lassen, woran der Vorabend krankt – und zwar ausgerechnet von Constantin-Film-Chef Fred Kogel, der mit seinem Duzfreund Harald Schmidt der ARD dessen Late Night Show zuliefert. Kogel hat herausgefunden: Günstige Reality käme vielleicht an. Sendungen also, auf die man im Hause Constantin mit seinen TV-Tochterfirmen spezialisiert ist. Für Sat.1 wird zum Beispiel "Lenßen & Partner" und "K11" produziert. Das hat bei manchem in der ARD für Verwirrung gesorgt. Doch noch ist kein Umbau in Sicht.
ARD-Programmchef Günter Struve verrät auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, wo das eigentliche Problem liegt: bei den Alten. Die sehen seit einigen Jahren plötzlich massenweise um 18.50 Uhr fern – aber ausgerechnet dann nicht ARD, weil dort ja der Kram für die jungen Zuschauer läuft. Und da kaum mehr Junge einschalten als vor ein paar Jahren, sinkt deren Marktanteil.
Beim Ersten wird man nun langsam nervös, weil der Vorabend die lukrativste Zeit ist, um Werbung zu zeigen – nach 20 Uhr geht das per Gesetz im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht mehr. Struve sagt: "Man kann sich Biotope für ein junges intellektuelles Publikum leisten, das muss ein gebührenfinanzierter Rundfunk auch – ob er das aber in der Zeit muss, in der er werktags werben darf, das ist eine andere Frage."
"Wir waren zu jung auf diesem Sendeplatz"
Bald könnte es also vorbei sein mit den jungen Serien um 18.50 Uhr, die bloß von ein paar Teenagern und Studenten gesehen werden, die meist nicht mal Gebühren zahlen. Struve: "Ob man für eine so kleine Gruppe einen solchen Aufwand betreiben kann, müssen wir uns künftig sehr genau überlegen." Bei Produzenten wie Studio Hamburg ("Berlin, Berlin") gibt es derzeit keine Pläne für neue ARD-Serien zur bisherigen Zeit. Die für den Vorabend zuständigen Redakteure in den Landesanstalten bestätigen: nichts Neues im Ersten.
Und die Bilanz des Programmchefs ist deutlich: "Wir waren nicht nur zu innovativ, sondern auch zu jung auf diesem Sendeplatz." Das heißt konkret: Die ARD will älter werden! Endlich auch am Vorabend, weil sonst nicht genug Leute einschalten, um die Werbung zwischendrin zu sehen. Quote statt Kreativität - ein Tiefschlag.
Struve versucht noch zu beschwichtigen: Vor einigen Jahren sei er der Auffassung gewesen, die ARD könne sich eine Nische bewahren, wie sie mit "Berlin, Berlin" um 18.50 Uhr durchgesetzt wurde – "aber inzwischen glaube ich, dass es nicht das Richtige ist, dort weiter zu experimentieren. Das sollte man vielleicht auf anderen Plätzen probieren."
Klingt gut. Geht aber nicht. Denn es gibt keine anderen Plätze für junge Serien in der ARD, deren Zuschauer im Schnitt knapp 60 Jahre alt sind. Genau die will sich der Sender nicht vergraulen, denn diese Zielgruppe macht das Erste immer noch hoch erfolgreich in der Gesamtseherschaft. "Türkisch für Anfänger" mal eben so abends nach den "Tagesthemen" wiederholen? Unmöglich, schon aus organisatorischen Gründen, weil die Serie ja mehrheitlich von den Werbegeldern im Vorabend finanziert wurde. Struve meint: "Serien dort zu zeigen, wo sie junge Zuschauer gar nicht erwarten, würde schief gehen und unser älteres Publikum irritieren." Und das bedeutet: Die ARD wird es nicht mal versuchen.
Der ARD laufen die jungen Zuschauer weg
Damit könnte sich der Senderverbund massiv selbst schaden: In diesem April verbuchte das Erste einen der schlechtesten Marktanteile bei den 14- bis 49-jährigen Zuschauern seit Start der Quotenmessung: 7,1 Prozent bei den bis 49-Jährigen. Nur das ZDF hat es geschafft, das noch zu unterbieten – im Mai gleich zum zweiten Mal (siehe Kasten).
Zuletzt erreichten ARD und ZDF zusammen nicht einmal so viele Zuschauer in der für die Werbung relevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen wie RTL allein – und der Marktführer bei den jungen Zusehern schwächelt schon seit einer ganzen Weile selbst. Der ARD laufen die jungen Zuschauer in Massen davon. Trotzdem hält man es in der Programmdirektion offenbar für die richtige Lösung, den einzigen Sendeplatz, der bisher speziell für junge Zuschauer reserviert war, aufzugeben. Struve will für 18.50 Uhr Programme entwickeln, die alte und junge Zuschauer gleichermaßen ansprechen.
Vielleicht hat man es bei der ARD noch nicht gemerkt, aber: Bei der Lösung des 18.50-Uhr-Problems geht es nicht nur darum, wie künftig der Vorabend im Ersten aussehen soll. Es geht auch nicht nur um die Tatsache, dass die ARD es immer wieder schafft, dort hervorragendes Fernsehen zu produzieren, auf das man nicht verzichten mag. Es geht vielmehr um die Frage: Für wen will die ARD künftig überhaupt noch Fernsehen machen?
Die Antwort ist zu ahnen, wenn man einen Blick in den Programmplan wirft. Dort ist ab Mitte August bis Ende des Jahres am Vorabend ein werktägliches "Best of Verstehen Sie Spaß" vorgesehen. Wie praktisch: So wird man schon mal konsequent die jungen Minderheiten los, die geglaubt haben, am Vorabend mache das Erste endlich auch mal Programm für sie.
Auf anderen Social Networks posten:
Nein, Sie werden nicht gefragt, genau so wie Sie auch nicht gefragt werden, ob Sie mit Ihren Steuern Justiz und Polizei, Opern und Theater, Schulen und Universitäten mit finanzieren wollen. Meinungsbildung und die Kontrolle [...] mehr...
..... Was haben die Gebühren mit Subventionen zu tun? Wer sich eine Zeitung hält, muß dafür zahlen, wer die örs nutzt, muß das bezahlen. Und für die Breite des Angebots zahlt er erfreulich wenig. Oder stört es, daß die [...] mehr...
Niemand regt sich auf. Wir wollen einfach kein Fernseh'n mehr. Und schon gar nicht dafür bezahlen. Internet macht Rundfunk (Grundversorgung) überflüssig. Da nützt es wenig, dass es woanders noch schlechtere Programme gibt. [...] mehr...
Die Frage bleibt: Warum muß! ich das bezahlen? Bin ich denen nichts wert, daß ich überhaupt nicht gefragt werde, ob ich diese Dienstleistung überhaupt will? Tja, ihnen gefällt sowas, ich schalte regelmäßig weg, weil viel zu [...] mehr...
Dabei wäre es so einfach und billig, da was zu ändern: man bräuchte den Glotzern nur Seminare für die Handhabung ihrer TV-Fernbedienung zu geben. Es laufen nämlich auch vor 22.15 im deutschen ÖRR sehr anspruchvolle Inhalte. [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH