Montag, 23. November 2009

Kultur



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
  • Merken
15.07.2007
 

Berliner Baukunst für Gaddafi

Architektur statt Demokratie

Ein Berliner Büro baut bei Tripolis ein neues Regierungsviertel - die Stadt soll ein offeneres Libyen repräsentieren. Es sieht so aus, als seien wegweisende Bauprojekte nur noch in Staaten möglich, in der Entscheidungen per Faustschlag auf den Herrschertisch fallen. Von Niklas Maak

Zwei außergewöhnliche Meldungen kamen in der vergangenen Woche aus Libyen.

Erstens: Die Regierung wird aus Sirt nach Tripolis umziehen – und das Berliner Architekturbüro Léon Wohlhage Wernik hat den Wettbewerb für den Bau dieses neuen Regierungsviertels gewonnen: Eine kleine, in der Suburbia von Tripolis angesiedelte Idealstadt aus 22 Ministerien, dem Sitz des Ministerpräsidenten, dem Volkskongress und einer Moschee, die alle zusammen das neue, weltoffene, demokratischere Libyen repräsentieren sollen.

Zweitens: Fünf seit 1999 inhaftierte bulgarische Krankenschwestern und ein palästinensischer Arzt werden gegen internationalen Protest von einem libyschen Gericht zum Tode verurteilt, obwohl Experten die Infektionen in einem Krankenhaus nicht auf den bösen Willen der Schwestern, sondern auf schlechte Hygiene zurückgeführt hatten.

Das war, vorsichtig gesagt, kein ideales Zusammentreffen, weil sich, obwohl die Todesstrafe wohl nicht vollzogen werden wird, wieder einmal die Frage stellte, wie entschlossen Libyen eigentlich seiner Vergangenheit als Schurkenstaat abgeschworen hat; und ob ein europäischer Architekt, moralisch, politisch, überhaupt, für einen solchen Staat bauen dürfe, zumal es hier ja nicht um Sozialbauwohnungen geht, sondern um ein gebautes Bild vom Staat Libyen, um ein Symbol und Spielfeld der neuen Annäherung zwischen dem Westen und dem 1969 per Militärputsch in die Hände Gaddafis geratenen Land, das schon heute Deutschlands drittwichtigster Erdöllieferant ist.

Idee der Idealstadt

Acht international renommierte Büros waren zum ersten internationalen Architekturwettbewerb in der Geschichte von Gaddafis Libyen eingeladen worden; weil der jüdische Architekt Richard Meier absagte, rückten Léon Wohlhage Wernik nach – und gewannen mit ihrem Projekt "Tripoli Greens" unter anderem gegen die Konkurrenz von Zaha Hadid, die ein paar frei durch den Raum torkelnde, an geschmolzene HiFi-Möbel erinnernde Türme vorgeschlagen hatte, gegen den Kanzleramtsbauer Axel Schultes und Gerkan, Marg und Partner aus Hamburg. Hilde Léon und Konrad Wohlhage, beide Jahrgang 1953, hatten ihr Büro 1987 in Berlin gegründet, später kam Siegfried Wernik dazu; sie machten in Hamburg, auf dem Höhepunkt der roten Backsteinmanie, mit einem Haus aus grüngefärbtem Beton Furore und bauten in Berlin die indische Botschaft, und jetzt werden sie den Beton wieder färben, diesmal im Ockerton des Wüstensandes.

GEFUNDEN IN...

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Ausgabe vom 15. Juli 2007

Und der Entwurf? Die 22 Ministerien liegen links und rechts einer großen symmetrischen Achse, was auf den ersten Blick an die Avenida Monumental in Brasilia erinnert - wie dort läuft die Achse auch in Libyen auf den Sitz des Volkskongresses, der sich in Tripolis unter einem offenen großen Säulenwald befindet, und auf einen 140 Meter hohen Turm zu, der ein Hotel beherbergt. Die Säulen erinnern an betonierte Kelche und geben der ansonsten cartesianisch klaren Ordnungsvision dieser Anlage einen anarchischen Hüftschwung, als hätte der Wind aus dem wilden Palmenhain eine andere Luft ins politische Zentrum geblasen. In der bauchigen Wand des Kongressbaus haben die Architekten einen pathetischen Gruß an den libyschen Nationalstolz eingebaut – die Wandöffnungen sind so gestaltet, dass bei Sonne der Umriss Libyens als Landkarte aus Licht an der Wand erscheint.

Wenn man genauer hinschaut, erinnert der Entwurf, und das ist vor allem seine Qualität, aber weniger an Brasilia als an eine berühmte islamische Architektur: an den Meidan-e Emam, den großen grünen Park im Zentrum der iranischen Stadt Isfahan, der gleichzeitig Marktplatz, Gerichtsort, Spielfeld und Festplatz war, also ein echter Ort fürs Volk – was man durchaus als Wink an die Reformkräfte des diktatorisch gesteuerten Libyen verstehen darf. Das sei ihr wichtig, sagt Hilde Léon: dass die große Achse in der Mitte eben keine Aufmarschallee fürs Militär, sondern ein öffentlicher Park sei.

Der Meidan-e Emam war ein Ort, der eine ideale Welt darstellen sollte, eine neue Gesellschaftsordnung: Als der Safawiden-Herrscher Abbas ihn 1590 anlegen ließ, trug der Park den Namen Naghsch-e Jahan, das heißt "Entwurf der Welt". Das ist das neue libysche Regierungsviertel mit seiner Säulenloggia fürs Gemeinschaftsleben und der Moschee als klerikalem Gegengewicht zu den politischen Bauten im Kern auch – und jenseits der Frage, ob es moralisch vertretbar ist, für Gaddafi zu bauen, ist bei diesem Projekt erst mal eines erstaunlich: Dass mit ihm – und anderen vergleichbaren Großbauprojekten – die alte Idee der Idealstadt wieder auftaucht, die mit den großen Reißbrettvisionen des 20. Jahrhunderts, der in den fünfziger Jahren von Le Corbusier errichteten indischen Regierungsstadt Chandigarh und der 1960 eingeweihten Retortenhauptstadt Brasilia, beendet schien.

Natürlich ist "Tripoli Greens" viel kleiner als Brasilia, es werden auch zunächst nur Verwaltungsbauten und nicht eine ganze Wohnstadt dazu gebaut, und insgesamt ist das Projekt nicht größer als das sogenannte "Band des Bundes" in Berlin. Aber es geht nicht um Größe, sondern um die Grundidee der Idealstadt – nämlich ein perfektes Bild des gewünschten neuen Staatswesens zu schaffen, und auch in Tripolis geht es um das Versprechen aller Idealstädte: Bei null beginnen. Eine ideale Welt, ein gebautes Bild des guten Staates schaffen.

Neubau für Neuanfang?

Seit einigen Jahren gibt es eine Renaissance der modernen Idealstadt – wobei es besonders die aufstrebenden Golf-, Tiger- und Ex-Schurkenstaaten sind, die bei vornehmlich europäischen Architekten neue Städte oder zumindest gigantische Symbolbauten im Kleinstadtformat bestellen. Nun war es schon zu Zeiten von Borromini, Lebrun und Mansart so, dass die prachtvollsten Bauten nicht eben von Auftraggebern finanziert wurden, die man als lupenreine Demokraten bezeichnen muss. Heute aber sieht es so aus, als ob wirklich spektakuläre und wegweisende Bauprojekte fast nur noch in Staaten möglich sind, in der alle wesentlichen Entscheidungen per Faustschlag auf den Herrschertisch fallen. Während der geplante Freedom Tower am New Yorker Ground Zero, gedacht als Mahnmal der freien Welt, basisdemokratisch in Gremien und Interessensfehden zerredet wurde, haben fünfzehn der zwanzig größten Architekturfirmen der Welt Projekte in China; in Dubai und den Emiraten, wo weitgehend rechtlose Gastarbeiter wie Sklaven vegetieren, sollen Idealwelten wie das Tourismusparadies "The World", eine künstliche Inselgruppe in Form der Kontinente, entstehen, Abu Dhabi will einen Louvre von Jean Nouvel – kurz, gute Architektur ist gerade überall da, wo die Demokratie nicht ist.

Befragt, wie sie damit leben, tragen die Architekten kleine Meisterwerke autoexkulpatorischer Dialektik vor: Ole Scheeren, der zusammen mit Rem Koolhaas die neue Hauptzentrale des chinesischen Propagandasenders CCTV baut, erklärt, es gebe bei dem Sender eine neue kritische, jüngere Generation – und sein Gebäude, mit seinen unhierarchischen, offenen Räumen, helfe diesen kritischen Geistern am Ende, sich aus dem Zangengriff der alten Propagandisten zu befreien. Der neue Symbolbau des Staatssenders, der dem chinesischen Ministerium für Radio, Fernsehen und Film unterstellt ist, wird so elegant als ein architektonischer Guerrillaakt verkauft, der sich am Ende gegen den Auftraggeber wendet. Andere geben sich gleich keine Mühe zu verschleiern, dass ihnen moralische Fragen weitgehend wurst sind. Jacques Barrière, der Architekt der nie vollendeten neuen Moschee von Bagdad, die man – eine Hommage des Architekten an den damaligen Staatsführer Saddam Hussein – über einen monumental vergrößerten Fingerabdruck des Diktators betreten sollte, erklärte kurzerhand, arabische Länder brauchten halt eine energische Führung, sonst versänken sie im Chaos.

Bei Libyen ist die Sache nicht so einfach – denn das Projekt ist nicht einfach eine Machtgeste, mit der Muammar al-Gaddafi seine Diktatur zementiert. Die Verlegung der 22 Ministerien und des Volkskongresses aus dem Ort Sirt, wo die Regierung nur deswegen saß, weil Gaddafis Familie von dort stammt, nach Tripolis wird von Experten als Versuch der innerlibyschen Reformbewegung gelesen, die Öffnung des Landes voranzutreiben und den Einfluss der Diktatorenfamilie zu schwächen und den der Parlamente zu stärken. So gesehen könnte der Neubau tatsächlich einen Neuanfang markieren.

Libyen ist nicht das einzige nordafrikanische Land, das sich mithilfe europäischer Architektur einen Modernisierungsschub und ein neues Idealbild verpassen will: Vor fünf Jahren überraschte Algeriens Präsident Abdelaziz Bouteflika die Welt mit der Ankündigung, der Spanier Ricardo Bofill werde eine gigantische Retortenstadt in der Wüste bauen, ein algerisches Brasilia, das entsprechend "Algeria" heißen und als internationale Banken- und Geschäftsmetropole den Handel zwischen Afrika und Europa dominieren sollte. Zweihundert Kilometer südlich der Hauptstadt Algier sollten ab 2008 rund 350.000 Menschen wohnen und arbeiten.

Momente Monumente

Doch das scheiterte erst mal am Hauptsponsor von "Algeria": Das Kapital für das Projekt sollte zu großen Teilen von dem 1966 geborenen Rafik Khalifa besorgt werden, einem der damals reichsten Bürger Algeriens, der nach einem kometenhaften, von Bouteflika geförderten Aufstieg eine Fluggesellschaft, eine Bank sowie einen Fernsehsender besaß. Doch Khalifa übernahm sich gründlich und ließ ungeheuerliche Summen an Geld verschwinden – die Rede war von 50 Millionen Euro –, floh nach London und wurde im Februar dieses Jahres in Abwesenheit zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. Von "Algeria" ist seither nicht mehr viel zu hören gewesen; auf Bofills Website heißt es, das Projekt sei "in Entwicklung".

In China sprießen Idealstädte und Symbolbauten besser. Das Hamburger Büro Gerkan, Marg und Partner ist dabei, in der Nähe von Shanghai den ersten Bauabschnitt der Satellitenstadt Lingang zu vollenden, wo auf rund 74 Quadratkilometern eine Wohn- und Arbeitsstadt für 800.000 Einwohner entsteht – was Lingang neben Chandigarh, Brasilia und Canberra zur größten Stadtneugründung der vergangenen hundert Jahre macht. Der Mittelpunkt dieser neuen Idealstadt ist eine Art Mega-Binnenalster, ein kreisrunder See von 2,5 Kilometern Durchmesser, um den sich ein acht Kilometer langer Strand legt – der Architekt nennt es freudig "neverending Copacabana". Und von der sollen die Chinesen auch schon etwas haben, wenn es mit der Pressefreiheit und den Bürgerrechten noch etwas dauert.

Mit freundlicher Genehmigung der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung"

Social Networks

  • Twitter
  • Facebook
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Folkd
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • reddit
  • StumbleUpon
  • Windows Live
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH












Service von SPIEGEL-ONLINE-Partnern