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18.07.2007
 

Enthüllungs-Kultur

Sonderweg mit brauner Karte

Von Henryk M. Broder

Am großen NSDAP-Outing hat er keine Freude: Der Dramatiker Rolf Hochhuth verteidigt seine Altersgenossen Walser, Lenz und Hildebrandt. Das Loblied könnte ein Schwanengesang sein: Die intellektuelle Generation 60 plus tritt ab - aber keineswegs still und heimlich.

Deutsche Geschichte funktioniert wie das Glücksrad: Es dreht sich im Kreis, und egal wo es stehen bleibt, rufen alle, Gewinner wie Verlierer: "Überraschung!" Günter Grass hat sein kurzes Gastspiel bei der Waffen-SS noch selbst zugegeben, so kam er vermutlich einem Outing zuvor. Und nun hat es ein paar ältere Herrschaften erwischt, die zum politisch-kulturellen Mobiliar der Republik gehören: Siegfried Lenz, Dieter Hildebrandt, Martin Walser waren in der NSDAP registriert; Erhard Eppler, das Gewissen der SPD, trat dem Nazi-Verein wissentlich bei.

Alt-Autor Hochhuth: "Man hat uns satt"
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DPA

Alt-Autor Hochhuth: "Man hat uns satt"

Mit weiteren Entdeckungen muss gerechnet werden. Die Enthüller sprechen von einem dunklen Kapitel der deutschen Vergangenheit, das jetzt ausgeleuchtet werde, die Betroffenen von Kampagne, Rufmord und Denunziation. Und wie immer in solchen Fällen liegt die Wahrheit im Auge des Betrachters.

Natürlich ist es albern, gemein und unangemessen, Männern, die das Rentenalter längst erreicht haben, Fehler und Sünden vorzuwerfen, die vor über 60 Jahren passiert sind, unabhängig davon, ob sie der NSDAP beigetreten wurden oder selbst um Aufnahme gebeten haben. Es ist, als würde man Moraltheologen vorhalten, dass sie als Ministranten onaniert und später nie darüber geredet haben.

Man kann Walser als politischen Naivling oder Opportunisten beschimpfen, der mal mit der DKP flirtet und mal darunter leidet, dass er immer wieder an Auschwitz erinnert wird; man kann sich über Lenz und Hildebrandt lustig machen, weil sie unheilbare und unbelehrbare Sozialdemokraten sind, ebenso unbeweglich und konservativ wie die Partei, vor deren Karren sie sich spannen lassen. Aber man kann sie nicht als alt gewordene Jungnazis bloßstellen, nicht einmal als Pimpfe wider Willen.

Gekommen, um zu leiden

Wenn es also nicht viel Lärm um nichts ist, keine Pausennummer im Sommerloch - was ist es dann? Rolf Hochhuth hat es am Montagabend in der "kulturzeit" auf 3sat auf den Punkt gebracht. "Man hat uns satt, wir waren zu lange da!", sagte er, schimpfte auf die "jungen Leute, die heute in den Akten wühlen" und die Generation, "die ein so fabelhaft reines weil niemals benutztes Gewissen hat".

Der Dramatiker polterte und wütete vor sich hin, während die "kulturzeit"-Moderatorin mit ihm ein Interview zu führen versuchte. Hätte sie versucht, einem Presslufthammer das Flüstern beizubringen, wären ihre Aussichten besser gewesen. Als Hochhuth schließlich der Kragen platze ("Wir konnten nicht zugeben, dass der Führer populär war wie Bier und Beischlaf!") zog sie die Notbremse und bedankte sich brav "für das Gespräch".

Es war eine Sternstunde der Unterhaltung, das beste TV-Gespräch, seit sich vor 40 Jahren der Boxer Norbert Grupe alias Prinz von Homburg dem Moderator Rainer Günzler im ZDF-Sportstudio konsequent verweigert hatte. Leider hatte es einen kleinen Schönheitsfehler: Es war der falsche Mann, der das Richtige sagte.

Denn Hochhuth muss zwar keine Lebensirrtümer verteidigen, er war nicht bei der Waffen-SS dabei, nicht einmal bei der Reiterstaffel der SA, aber auch er hat gelegentlich Aussetzer und kann nicht nein sagen. Hochhuth hat sich von der "Jungen Freiheit", einem obskuren Blatt der Neuen Rechten, interviewen lassen, und er hat den britischen Holocaust-Leugner David Irving als seriösen Historiker verteidigt, der in Deutschland verleumdet werde.

Tonangebend bis ins Alter

Von einem solchen Mann in Schutz genommen zu werden, dürfte Hildebrandt, Lenz und Walser mehr weh tun als der Vorwurf der Mitgliedschaft in der NSDAP. Was andererseits nichts daran ändert, dass Hochhuth mit seiner Vermutung - "Man hat uns satt, wir waren zu lange da!" - richtig liegt.

Es hat etwas Gespenstisches, dass Intellektuelle, die schon zur Adenauer-Zeit alt waren, noch immer den Ton der öffentlichen Diskurse angeben. Und so wie Johannes Heesters immer wieder seine Bühnen-Präsenz demonstriert, landet das Feuilleton immer wieder bei der Gruppe 47, muss Peter Handke, inzwischen 65, den zornigen jungen Mann spielen und Günter Grass die moralische Instanz verkörpern. Das Publikum will es so - und nimmt es zugleich übel. Wie in jeder Beziehung ist der Bonus irgendwann verbraucht und alles, das einmal positiv besetzt war, verkehrt sich in sein Gegenteil. Grass - der schon wieder! Walser - Gott steh uns bei! Hildebrandt - kann er nicht mal einen Satz zu Ende sprechen?

Die Alten nerven. Wie Opa, der zum Beweis dafür, dass er jung geblieben ist, seine Rock-n-Roll-Platten zur Techno-Party der Enkel mitbringt. Weil sie aber nicht in die Wüste geschickt oder den Löwen zum Fraß vorgeworfen werden können, müssen sie auf eine humane Weise deaktiviert werden. Indem man sie mit ihrer "unbewältigten Vergangenheit" konfrontiert, und wenn die nur aus einer Karteikarte besteht.

Auf für die Generation Rolf

Dennoch liegt keine "Kampagne" oder "Hetzjagd" vor, wie es diejenigen, die es erwischt hat, immer wieder beklagen; auch sind die Enthüller keine "Denunzianten", wie es Hochhuth behauptet, der sich gegen diesen Vorwurf immer selbst wehren musste. Es handelt sich um einen ganz normalen Generationenkonflikt, der seinen deutschen Sonderweg geht und die braune Karte zieht. Es sind die 60-Jährigen, die nach vorne drängen, weil sie wissen, dass sie bald von den 40-Jährigen entmachtet werden. Die Halbwertzeit einer Generation wird immer kürzer, da darf man in der Wahl der Mittel nicht zimperlich sein, wenn man einen Platz am Fenster erwischen will.

Was die Vatermörder dabei übersehen, ist, dass sie bald selber an der Reihe sein werden. Man wird ihnen Fragen stellen: Warum habt ihr bei Demos "USA-SA-SS" gerufen? Warum habt ihr gegen Apartheid in Südafrika und Folter in Ost-Timor demonstriert, nicht aber gegen die Zustände in der DDR? Warum seid ihr nach Kuba gefahren, um dort den Sozialismus zu studieren, ohne bei der Gelegenheit Fragen nach der Verfolgung von Dissidenten und Homosexuellen zu stellen? Warum habt ihr Che Guevarra verehrt? Habt ihr nicht gewusst, dass er Todesurteile gerne eigenhändig vollstreckte? Warum habt ihr an jedem 9. November "Wehret den Anfängen!" gerufen, aber den Völkermord in Darfur ignoriert? Warum habt ihr euch Saddam Hussein als lebende Schutzschilder angedient, aber die Tschetschenen im Stich gelassen?

Das wird lustig werden. Gerechtigkeit braucht eine Weile, um sich zu entfalten. Es macht Spaß und kostet wenig, anderer Leute Vergangenheit zu bewältigen. Aber irgendwann muss man sich dem eigenen Beitrag zur Geschichte stellen. Die Ankläger von heute werden die Angeklagten von morgen sein.

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19.07.2007 von stefanstrauß: Generation Rolf

Hendrik M. Broder wird offensichtlich mit seiner Replik auf Hochhuts Auftritt gründlich missverstanden. Zunächst scheint er mir einfach nur begeistert zu sein, wie ein Opa in der Lage ist den allgemeinen Laberdiskurs [...] mehr...

18.07.2007 von Frau Wutz:

Na, verstanden schon. Aber wenn man sich seine Zeilen durchliest, kann man schon auf den Gedanken kommen, dass seine Gedankenführung etwas wirr ist. Und überdies auch durch nichts begründet. Ich vermag nirgendwo in seinem [...] mehr...

18.07.2007 von Paulchen Panther:

Wer kann schon sagen, was in 20 Jahren "empörungsrelevant" sein wird? Das Sympathisieren mit der RAF? Vielleicht, vielleicht nicht. Aber wenn - um wieder Herrn Broders Text zu bemühen - mich (hypothetisch) mein [...] mehr...

18.07.2007 von Strichnid: Wunsch Vater des Gedanken?

Mag sein - aber glaubt (hofft) er wirklich, eine "Enthüllung" eines Würdenträgers in 10-20 Jahren als RAF-Sympathisant könnte jemals dieselbe Entrüstung hervorrufen wie eine Mitläuferschaft bei den Nazis - so dass man [...] mehr...

18.07.2007 von Paulchen Panther:

Also gut, jetzt habe ich den Artikel nochmal gelesen, aber Ihre Bedenken kann ich überhaupt nicht teilen. Broder schreibt, dass die Ankläger von heute wissen, dass sie sich morgen selbst unbequeme Fragen stellen lassen müssen. [...] mehr...

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