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24.07.2007
 

Auswanderer-Soaps

Zu Hause ist's doch am schönsten

Von Jan Freitag

Ein Jahr lang wurde auf allen Sendern ausgewandert, was die Umzugskartons hielten, jetzt kehren die ersten Emigranten zurück – natürlich vor der Kamera. Schade eigentlich, die Flüchtlings-Soaps hätten ein Signal gegen Fremdenfeindlichkeit sein können.

Bisweilen gleicht das Fernsehen einer Diät, Jojo-Effekt inklusive. Denn wer beim Zappen durch die Primetime glaubt, bei all den Auswanderer-Soaps und Goodbye-Germany-Dokus müsste bald reichlich Platz sein auf unseren Straßen, der muss sich dieser Tage eines Besseren, genauer: des Umkehrschlusses belehren lassen.

Während nämlich selbst die ARD mit ihrer hastig aufgelegten Kopie "Deutschland Ade" auf den quotenträchtigen Begleitzug hiesiger Wohlstandsflüchtlinge aufsprang und Familien beim Emigrieren in vermeintlich angenehmeres Klima begleitete, rudert der Privatsender Vox nun wieder gegen den Strom. "Von Auswanderern und Rückkehrern" heißt eine zweiteilige Reportage im Rahmen von "stern TV" (zweiter Teil heute Abend, 22.05 Uhr), und es steht zu befürchten, dass noch mehr der innerhalb der letzten zwölf Monate medienwirksam Abgehauenen im Fokus des Real-Life-Fernsehens ihrem Heimweh folgen.

War also alles nicht so gemeint, ließe sich schlussfolgern, zu Hause ist's doch am schönsten - Rücksturz in überkommen geglaubtes Schollendenken. Wie schade! Denn dass die Menschen ihren Lebensmittelpunkt gleich scharenweise wechseln, war ein echtes Novum im saturierten Wirtschaftswunderland, das doch bislang stets selbst als Ziel zahlloser Flüchtlinge aus allen Teilen der Erde galt. Freilich: Die wenigsten von ihnen durften sich sonderlich willkommen fühlen. Im Gegenteil: Gern gesehene Gäste sind zugezogene Ausländer auch heute nur dann, wenn sie uns Eingeborenen ähnlich sehen, unserem Glauben oder Kulturkreis angehören oder wenigstens Arbeitsplätze schaffen, am besten alles zusammen. Dass noch dazu alles, was Immigration betrifft, nach abstrakten Paragrafen, weniger nach persönlichen Bedürfnissen durchkalkuliert wird, ist einer der großen Zynismen unseres Zuwanderungsrechts.

Echte Fluchtgründe sehen anders aus

Dass nun gewöhnliche Deutsche – ohne Anlass politischer Verfolgung, ohne Kriegsgründe, dafür mit permanenter Kamerabegleitung – ihr Glück in der Fremde machen wollten, warf ein angenehmes Licht auf den Brennpunkt Migration, als Menschenrecht nämlich, als Teil persönlicher Entfaltung und als Facette des blanken Überlebens, ganz gleich, wie plump es von Kabel1 ("Mein neues Leben") aufgearbeitet wurde. Es tat wohl, mal unsereins auf fremder Erde zu betrachten, keine ausgemergelten Boatpeople oder Diktaturverfolgten, sondern Leute wie Stefan, den "Hobbybäcker aus Bad Tölz", dessen "Umzug in ein neues Leben" samt Familie auf RTL seinem "Endzieltraum" folgte: eine eigene Tapas-Bar in Andalusien. Echte Fluchtgründe sehen anders aus.

Und dennoch erfolgt die Auswanderung oft ebenso mies vorbereitet wie nach einem Erdbeben. Da wundern sich Deutsche auf fernem Boden, dass es im Sommer ganz schön heiß sein kann in Tropennähe, dass bayerische Dialekte in Südamerika nicht zur Verkehrssprache zählen, dass auch dort Behörden, Recht und Regeln herrschen. Dass, um es auf den Punkt zu bringen, Migration kein Zuckerschlecken ist. Für niemanden. Auch nicht für Mario und Mirjam, die vor zwei Jahren mit 20.000 Euro Startkapital von Hamburg ins warme Griechenland zogen, um dort einen Frisiersalon zu eröffnen.

Die Kraft der Verwurzelung

"Nach einem verkorksten Jahr", heißt es heute bei "stern TV" düster, müssen die beiden Thirtysomethings zurück nach Deutschland, und Vox begleitet sie beim Weg voran in die Vergangenheit. Man wünschte den Millionen Elendsflüchtlingen rund um den Globus auch nur ein klitzekleines Stückchen dieser Flexibilität. Nicht, dass im Rückkehrerbegleitformat ("Endlich wieder zuhause!") ausschließlich die Kraft der Verwurzelung besungen würde; aber von Fernsehauswanderern auf den Prüfstand gestellt obsiegt sie am Ende eben doch. Etwas milder betrachtet, folgt das Format allerdings vor allem dem Drang des Mediums nach unablässiger Replikation.

Weil bei "Das perfekte Dinner" die Quote stimmt, werden die Sieger zum direkten Duell in der Großküche gebeten; weil Autorennen gut laufen, ziehen sich die Übertragungen vom belanglosesten Training bis zum harmlosesten Interview Siebtplazierter über viele Stunden; weil tierische Dokusoaps en vogue sind, werden uns längst Harnröhrenoperationen von Hamstern zugemutet; weil der Fundus an B- bis C-Promis unversiegbar ist, werden sie von ihren Haussendern permanent auf Bühnen gezerrt oder gleich zur eigenen Sparte erkoren, wenn RTL "Die 10 witzigsten DSDS-Castings" oder "spektakulärsten Casting-Shows" kürt.

Es könnte also sein, dass die erste Welle zurückgekehrter Auswanderer irgendwann auf Neue abzischt, zu ganz anderen Ufern. Und wenn die dann wieder scheitern, werden Vox oder RTL II sicher ganz in der Nähe sein. Das wird leider nicht unseren Horizont erweitern oder gar unser verstocktes Verhältnis zur Migration verändern, aber vielleicht ja unser Sehverhalten – in dem wir einfach abschalten.

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