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24.07.2007
 

Zum Tode George Taboris

Die Theatersuppe auslöffeln

Von Jenny Hoch

Theater war sein Leben, und auch die schwersten Themen schulterte der dienstälteste Theatermann Deutschlands mit Humor: Jahrzehntelang half George Tabori mit Dramen und Inszenierungen bei der Vergangenheitsbewältigung. Jetzt starb der Regisseur und Dramatiker 93-jährig in Berlin.

Für die Jüngeren schien es, als sei George Tabori schon immer alt gewesen. 70. Geburtstag, 80. Geburtstag, 90. Geburtstag, die Zeit verrann, und Tabori schien immer derselbe unverwüstlich elegante, freundliche und ironische Bühnen-Methusalem zu bleiben, dessen Leben das Theater war und der Leben ins Theater brachte.

Fast hätte man ihn für einen Gott halten können, so unendlich würdevoll war Taboris Erscheinung, so weise seine Äußerungen, etwa wenn er sagte: "Im Theater gibt es keine Perfektion, darum ist es wie das Leben". Groß in der Öffentlichkeit stand der stolze, aber immer bescheidene Greis etwa zuletzt zu den Feierlichkeiten zu seinem 90. Geburtstag. Auf einem mit rotem Samt bezogen Thron nahm er huldvoll die Glückwünsche der gesamten Theaterwelt entgegen. "Deutschland liebt Sie! Deutschland dankt Ihnen!", rief der damalige Bundespräsident Johannes Rau ihm zu.

"Jetzt hat er die Bühne verlassen", bedauert der Intendant des Berliner Ensembles, Claus Peymann, der Tabori in den vergangenen sieben Jahren künstlerisches Asyl gewährt hatte, den Tod dieses großen Theatermannes. Und Peymann hat Recht, wenn er sagt: "Solche Menschen wachsen nicht nach." Gewiss, künstlerische Neuerungen, stilistische und inhaltliche Experimente fanden schon lange nicht mehr in seinen Arbeiten statt, doch stirbt mit Tabori neben dem Menschen und dem Dramatiker auch ein großer Schauspieler-Versteher, der niemals versuchte, seinen Schauspielern seine Idee einer Rolle aufzuzwingen, sondern der stets neugierig war auf ihre Angebote. "Kunst", schrieb der Schauspieler Gert Voss Tabori treffend zum 90. Geburtstag, sei in Deutschland "fast wie eine militärische Aktion; es geht um alles oder nichts. Bei dir ging es nie um alles oder nichts, es ging ums Leben und ums Überleben".

Witze über den Holocaust

Wie lautet der kürzeste deutsche Witz? "Auschwitz". Da, wo für andere der Spaß ein Ende hatte, machte George Tabori einfach weiter. Mit schwarzem Humor widmete er sich ernsten Themen wie Holocaust und Tod und war damit für die Deutschen jahrzehntelang so etwas wie ein Geburtshelfer für die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit.

Die Deutsche Erstaufführung von Taboris Stück "Kannibalen" 1969 am Berliner Schillertheater war für das damalige Publikum ein Schock. Es handelte von KZ-Häftlingen, die im Hungerdelirium einen Mithäftling erschlugen, die ungeheure Frage, die Tabori zu stellen wagte, war: Kannibalismus oder Gaskammer?

"Es gibt Tabus, die zerstört werden müssen, wenn wir nicht ewig daran würgen wollen", war sein lapidarer Kommentar zu seiner Art von Schocktherapie auf der Bühne. "Kannibalen" wurde zu einem Skandal sondergleichen, aber auch zu einem Triumph für den damals 55-jährigen Tabori.

Nach dieser Arbeit entschloss er sich, wieder nach Deutschland zurückzukehren und hier zu arbeiten – nach 23-jährigem amerikanischem Exil. Den Unterschied zwischen deutschem und amerikanischem Theater beschrieb er einmal so: "Amerikanisches Theater ist wie ein hastiger Bordell-Besuch, deutsches Theater ist wie eine Ehe." Dass er sich für Letztere entschied, also für den ruhigen Hafen, hat gewiss mit seiner lebenslangen Heimatlosigkeit zu tun. "Ich habe keine Heimat, in jedem Sinn des Wortes Heimat, nicht einmal einen Ruheplatz, außer dem Theater", sagte Tabori schon 1976.

Händchen halten mit Beckett

Denn Tabori, 1914 in Budapest als György Tabori geboren, lebte im Laufe seines Lebens in 17 Ländern. Der Vater, ein Journalist und weitere Angehörige seiner jüdischen Familie wurden in Auschwitz ermordet. Seine Mutter Elsa entkam dem Transport nach Auschwitz durch einen bizarren Zufall. Ihre Geschichte erzählte Tabori in den siebziger Jahren in dem Stück "My Mother's Courage", das von Michael Verhoeven unter dem Titel "Mutters Courage" erfolgreich verfilmt wurde.

Mit 18 Jahren kam Tabori nach Deutschland, um im Berliner Hotel Adlon eine Lehre als Hotelboy zu machen. 1936 emigrierte er nach London, wo er für die BBC und später für den Geheimdienst der britischen Armee im nahen Osten arbeitete. 1945 wurde Tabori britischer Staatsbürger. Zwei Jahre darauf ging er nach Hollywood, wo er unter anderem für Alfred Hitchcock schrieb. Während der McCarthy-Ära machte er sich "unamerikanischer Aktivitäten" verdächtig und kam 1952 auf die schwarze Liste.

Prägend für sein weiteres Leben war seine Begegnungen mit Bertolt Brecht, den er 1947 in Hollywood kennen lernte und dessen Stücke er übersetzte, und mit Samuel Beckett, den er in den siebziger Jahren traf. Beide, sagte er später, seien für ihn die Größen des Jahrhunderts gewesen, ohne sie sei das Theater viel harmloser und frivoler geworden. Seine Begegnung mit Beckett, erzählte er gerne, sei besonders denkwürdig gewesen. Man habe ihm vorher eingeschärft, Beckett nicht nach seinem Werk zu fragen, weil er solche Fragen hasse. Da er nicht wusste, was er sagen solle, habe er einfach seine Hand genommen und sie fünf Minuten lang gehalten.

"Tabori-TV" am Krankenbett

"Ich habe so viel erlebt, dass ich gar nicht mehr weiß, bin ich das, der es erlebt hat", schrieb Tabori einmal. Von der unvergleichlichen Fülle an Erfahrungen zeugt allein die schier unendliche Liste seiner Werke und Wirkstätten. In "Mein Kampf", das 1987 am Wiener Akademietheater uraufgeführt wurde, erzählt Tabori von Hitler, der als erbärmlicher Künstler in einem Wiener Männerwohnheim den jüdischen Bibelvertreter Schlomo Herzl kennen lernt. Im selben Jahr gründete er in Wien sein freies Ensemble "Der Kreis". Nach Jahrzehnten in Bremen, München und Wien und Erfolgen wie den "Goldberg Variationen" 1991, zog Tabori 1999 wieder nach Berlin, wo er Hausregisseur am Berliner Ensemble wurde und 2000 mit dem Stück "Die Akte" über zwei Spitzel des US-Geheimdienstes zu Brechts Exilzeiten die Ära Peymann eröffnete.

Taboris letztes Stück, "Gesegnete Mahlzeit", wurde im Mai dieses Jahres bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen uraufgeführt, es ist eine wehmütig-heitere Reflexion über das Werden und Vergehen. Der 93-Jährige war zur Probenzeit jedoch schon so geschwächt, dass er die Probenleitung dem Dramaturgen Hermann Beil überließ. Als klar war, dass Tabori die Berlin-Premiere einige Tage später zu verpassen drohte, übertrug man ihm die Aufführung live aus dem Berliner Ensemble an sein Krakenbett. Den Theatermann verließ auch in dieser Situation der Humor nicht. Gerührt bedankte er sich für das "Tabori-TV".

Seinen Tod hat Tabori vorausgesehen. In dem Bildband "Tabori zieht um" erinnert sich Peter Roos an folgende Worte des Regisseurs: "Ich habe geträumt heute Nacht ich käme auf die Bühne, die Bühnenarbeiter räumen gerade alles weg, lassen nur einen Teller Theatersuppe stehen, die ich aufesse, ich bin alleine, schreibe noch eine Szene und sterbe. Dann bin ich tot."

Die Theatersuppe, daran besteht keine Zweifel, hat dieser große Theatermann ausgelöffelt bis zum letzten Tropfen. Am Montagabend starb George Tabori im Alter von 93 Jahren in Berlin.

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