Aus Travemünde berichtet Sebastian Wieschowski
Gülcans Hochzeitstag ist der schönste Tag im Leben von Marion Stange: "So ne richtige Traumhochzeit, wann erlebt man sowas schon mal, und dann noch hier in Travemünde?", frohlockt die 52-jährige Hausfrau. "Was meinst du, was Sebastian heute anzieht?", kreischt Marion wenig später in ihr Mobiltelefon, ihr Hals nimmt dabei eine gefährlich rote Farbe an. Wenig später grinst sie und kichert wie ein Teenie nach einem schlüpfrigen Witz.
Marion Stange ist ein Insider für alles, was ProSieben und Konsorten im Segment der "Dokusoaps" zu bieten haben. Sie spricht von Sebastian Kamps und Gülcan Karahanci wie von engen Freunden. Auch die Dokumentation des Großereignisses wurde nicht vergessen: "Meine Schwägerin Anja nimmt die Traumhochzeit auf, und von Roswitha die Tochter nimmt das auch auf und das wird ja auch wiederholt", erklärt sie. Sie ist heute für die Vor-Ort-Observierung ihrer Fernsehhelden zuständig und versorgt die Daheimgebliebenen mit Live-Impressionen: "Ich steh' grad hinter dem Hotel. Hier steht das Auto von Sebastian. Mit dem Auto fährt er nachher los. Ich informiere dich, wenn ich mehr sehe", jauchzt Marion in ihr Handy.
Ein Hauch von Heiligendamm liegt über dem idyllischen Ostseebad Travemünde mit seinen majestätischen Prachtbauten, dem Meeresrauschen und dem langen Sandstrand. Ein Zaun wurde auch hier aufgebaut, allerdings etwas niedriger als beim G-8-Gipfel. Gestern Abend waren Zaungäste im noblen Seebad ausdrücklich erwünscht, um ein wenig vom Sternenstaub des Viva-Starlets Gülcan Karahanci zu erhaschen. "Pop-Queen heiratet Geldadel" - so fasste der Privatsender ProSieben ganz bescheiden den Plot seines neuesten Frontalangriffs auf die Einschaltquoten zusammen.
Zehn Sekunden für die Atmo
Musikmoderatorin Karahanci erhielt die Rolle des luxuriösen Möchtegern-Starlets, und Sebastian Kamps, hauptberuflicher Millionärssohn mit dauerhaft pubertärem Konfirmationsgrinsen, durfte den dynamischen Jungunternehmer mimen. Man gibt sich zielgruppenorientiert, also betont jung und unkompliziert: Die glorreiche Idee, im Fernsehen zu heiraten, kam aus heiterem Himmel, verriet Gülcan erst kürzlich. Es sei ihr ein persönliches Anliegen, in ihrer norddeutschen Heimat zu heiraten - und tausende fremde Zaungäste bei der Eheschließung vor der Tür stehen zu haben. Tatsächlich kamen rund 2500 Travemünder zum "Public Viewing". Tagsüber lagen sie am Strand, spielten Minigolf oder haben ein Eis geschleckt. Nun stehen Mütter und Väter mit ihren Kindern am Zaun und jubeln - in Jogginghose und Muskelshirt, mit Hawaiihemd oder neonfarbener Boxershorts zu einer "echten" Hochzeit, das geht nur im Privatfernsehen.
Der Balsam für die Seele der Dokusoap-Fangemeinde ist allerdings drehbuchmäßig geplant: Zehn Sekunden sind für die "Atmo" mit dem Titel "Emotionale Bilder" vorgesehen, 20 Sekunden nach Sendestart wird die Komparsengruppe Eins - sie sehen im Fernsehen wie Hochzeitsgäste aus - in den Garten gelassen, nach drei Minuten kommt der Talk mit der Kennziffer Eins und dem Schlagwort "Vorfreude" - so steht es in dem Skript, das einem der Kameramänner von seinem Arbeitsgerät baumelt.
Das ganze Gelände ist verkabelt und ausgeleuchtet, vor dem Casinohotel kümmern sich Spezialkräfte um den Feinschliff. Ein wichtig aussehender Kerl vom Format eines Eichenschrankes spricht eine Gruppe junger Mädchen an: "Wollt ihr ins Fernsehen?" Natürlich wollen die Mädchen. Kurzerhand werden sie von dem TV-Profi mit Gülcan-Fähnchen und Gülcan-Plakaten ausgestattet und kamerawirksam in Position gebracht. Die Kaiserallee, wo einst tatsächlich seine Majestät entlang kutschiert wurde und heute "Prinzessin" Gülcan vorbeirollt, ist für Otto Normalgaffer tabu – Polizisten riegeln die Straße ab.
Anfassen verboten
Hinter dem Hotel wird noch der gelbe Lamborghini Gallardo auf Hochglanz poliert, mit dem später Millionärssohn Sebastian ein paar hundert Meter um die Ecke vor das Gebäude fahren soll. Hotel- und Hochzeitsgäste stellen sich vor das Gefährt, streicheln es und machen Erinnerungsfotos. Aber wehe, wenn das gemeine Volk dem Autojuwel zu nahe kommt. "Zurück bis hinter die Säulen", schnauzt ein schwarz gekleideter Autobewacher die Zaungäste an und kommandiert: "Noch ein Stück, noch ein Stück, so ist gut." Interessenten für ein Erinnerungsfoto mit Sebastians Sportwagen, der ein bayerisches Kennzeichen hat und eigentlich nur geliehen ist, gibt es reichlich.
Ganze Horden präpubertärer Mädchen drängeln sich vor dem Hotel. Sie tragen schwarze Tops, weiße Hotpants und billige Kettchen auf für norddeutsche Verhältnisse etwas zu braun gebrannter Haut. Sie quietschen und schnattern und sehen dabei alle ein wenig so aus wie ihr großes Vorbild, die trendige Trendmoderatorin aus dem Musikfernsehen. Im Hintergrund dudelt der Hochzeits-Titelsong von Schmachtfetzensänger Ben, der pünktlich zur Hochzeit auf CD veröffentlicht wurde. Auf der Videoleinwand wird die Quizfrage des Tages eingeblendet: "Kommt die Braut in Weiß oder trägt sie doch eher Camouflage?"
Ein Freund, ein echter Freund
Dann kommt der große Auftritt von Michael Schmidt. Der alte Freund von Sebastian Kamps ist extra aus London mit seiner Gattin angereist und soll für ProSieben einen Luxusgast mimen. Stundenlang spazierte er am gestrigen Nachmittag in Travemünde umher, während der Livesendung steigt er unbemerkt vom jubelnden Fußvolk auf einer nahe gelegenen Wiese in den TV-Helikopter, der bereits den ganzen Abend Live-Bilder aus der Luft liefert und jetzt erneut abhebt, um einige Runden über der Ostsee zu drehen.
Drehbuchgemäß flimmern kurz darauf dramatische Szenen über die Mattscheibe: In der Ferne dröhnt es, Moderator Gätjen dreht sich auf der Aussichtsterrasse verwundert um, die Kamera schwenkt in den orangefarbenen Sommerabendhimmel. Ob Papa Kamps, der eigentlich keine Zeit für die Hochzeit seines Sohnes hatte und sich entschuldigen ließ, doch noch kommt? Der schwarze Helikopter landet, ProSieben-Newsfrau Natascha Berg, ganz im journalistisch-aufklärerischen Auftrag unterwegs, hetzt hin. Die Frisur sitzt längst nicht mehr, doch das ist egal.
"Manche Gäste mögen es etwas auffälliger und reisen extra mit dem Helikopter an", schreit Berg ins Mikrofon und begrüßt den vermeintlichen Flugreisenden und seine Gattin. "Nehmt ihr immer den Helikopter?" will Berg wissen. Weil die Frage vielleicht etwas zu spontan kam, verkneift sich Schmidt eine Antwort und lächelt lieber. Gätjen gibt sich beeindruckt: "Es ist wirklich unglaublich, welchen Aufwand einige Menschen betreiben, um bei der Hochzeit dabei zu sein." Und wer einen derartigen Aufwand betreibe, so Gätjen, der sei natürlich ein echter Freund.
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