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21.08.2007
 

Global City Hamburg

Bukowski for Bürgermeister!

Der Berliner Harald Martenstein beneidet die Hamburger eigentlich nicht. Oder doch?

Dies wird den Hamburgern jetzt nicht gefallen. Meiner Ansicht nach ist Hamburg eine deutsche Stadt. Schau eine an, dann kennst du alle, zumindest in groben Zügen. In der Mitte wird sich höchstwahrscheinlich das urban und intellektuell unterbelichtete Einkaufsviertel mit Karstadt, Media Markt und Fußgängerzone befinden, dann werden sie sicher das übliche Villenviertel für ihre Millionäre und Großkriminellen haben und das Viertel mit den Altbauwohnungen für ihre kreativen Querdenker über vierzig sowie das Alternativ-Viertel für die jüngeren Querdenker mit viel Bio und Latte macchiato, das sich möglicherweise in einigen Straßenzügen mit dem Ausländerviertel deckt. Jenseits des Zentrums die langweilige Vorstadt für die Geradeausdenker sowie das harte Problemviertel. Dieses Setting gibt es in Deutschland in der Variante "mit Fluss und Dom", dann heißt es Köln, in der Variante "mit Hochhaus-Skyline", dann heißt es Frankfurt, oder "mit Bergen, Bazis und Dorfambiente" - muss ich den Namen der Stadt wirklich nennen? - oder "mit Osten und Nazis drum rum" oder eben "mit Außenalster". Nur Berlin ist anders gestrickt und echt geil. Aber Berlin ist leider nicht das Thema.

Drei Phänomene sind in Hamburg aus Berliner Sicht besonders. Erstens die Außenalster. Zweitens die Reeperbahn. Drittens die Schuhe.

Mit Mitte zwanzig bin ich zum ersten Mal in Hamburg gewesen. Ich wusste überhaupt nicht, was das ist, Reeperbahn. Ich kannte nur dieses Lied von Udo Lindenberg, eine Hymne auf die Reeperbahn. Aus diesem Song ging meines Erachtens hervor, dass es sich bei der Reeperbahn um einen Vergnügungspark handelt, ich dachte tatsächlich, die Reeperbahn ist eine Art Achterbahn. Das waren in Wirklichkeit natürlich Sexshops, Besoffski-Bars und Prostituierte. Da liefen echt noch mehr Prostituierte herum, als in Berlin linke Intellektuelle herumlaufen, zum Teil mit Peitschen, sehr häufig mit Stiefeln. Das finde ich sonderbar an Hamburg. Wieso tragen die Hamburger Prostituierten eigentlich fast alle Stiefel? Meiner Ansicht nach findet nur eine Minderheit der Männer Stiefel sexuell anregend. Andernfalls würden in erotisch grundierten Beziehungen viel häufiger Stiefel getragen werden. Die Menschen reden doch heute ganz offen über ihre Bedürfnisse.

Wieso tragen die Hamburger Prostituierten eigentlich fast alle Stiefel?

Ich habe mich außerdem darüber gewundert, dass in Hamburg das Prostituiertenviertel als eine der Sehenswürdigkeiten gilt. In den anderen Städten der Erde geniert man sich dessen eher ein wenig. Die Hamburger sagten: "Nee, dat is nich wegen de Deerns. Dat ist wegen de Stimmung." Da würde es Volkstümlichkeit in extrem hohen Dosen geben, eben eine typisch-autochthon-authentische Hamburger Atmosphäre. Da bin ich also noch mal hingegangen und habe mich an eine Bar gesetzt und habe festgestellt, dass all diese Leute mit einer Radikalität Schnaps getrunken haben, wie ich überhaupt noch nie Leute habe Schnaps trinken sehen.

Hamburg ist, neben anderen Errungenschaften, die Welthauptstadt der Prostitution, die deutsche Stiefelmetropole und die Megacity des Tresenschnapses, und man ist stolz darauf, was ja irgendwie grundehrlich und sympathisch rüberkommt als Haltung. Die Hamburger müssten also eigentlich einen Typ wie den Trashdichter Charles Bukowski zum Bürgermeister machen und Courtney Love zur Senatorin für Kirchenfragen. Stattdessen wählen sie meistens so blonde Jungs mit Goldknöpfen am Jackett.

Einige Jahre später wurde ich in Hamburg einige Male zu gesellschaftlichen Anlässen eingeladen. Die Leute waren extrem korrekt angezogen und redeten fast nur über ihren Beruf. Es ging alles andere als lässig zu. In Hamburg gibt es eben noch eine richtige Bourgeoisie mit Sitten, Tradition und Werten, wie in England. In Berlin haben wir das alles nicht, wir sind Prolls. Mein Büro liegt direkt neben der Kurfürstenstraße, sozusagen an der Berliner Reeperbahn. Die Prostituierten tragen Flipflops und fast nie Stiefel, und das hängt sicher damit zusammen, dass es in Berlin, anders als in Hamburg, keine traditionsbewusste Bourgeoisie gibt, die der Stadt ihren Stempel aufdrückt, auch der Schuhmode.

Harald Martenstein, 53, ist Kolumnist ("Tagesspiegel", "Die Zeit") und schreibt Bücher, zuletzt den Roman "Heimweg".

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insgesamt 36 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
29.08.2007 von kowalim: oder so?

Hier kommen wir dem Kern der Sache naeher. Was Sie fuer eine objektive Betrachtung halten, naemlich dass es sich faktisch um "Kälte und Herzlosigkeit" handelt, ist fuer die allermeisten Leute sicher ganz normales [...] mehr...

29.08.2007 von shiloh716: Yep

Hier kommen wir dem Kern der Sache naeher. Was Sie fuer eine objektive Betrachtung halten, naemlich das es sich faktisch um "aufdringliche Kumpanei" halten, ist fuer die allermeisten Leute sicher ganz normales [...] mehr...

28.08.2007 von Gaztelupe: Lausige Qualität

Nicht sehr gelungen, Harald M., 53. Ich hatte schön subtile Beleidigungen, inspirierte Gehässigkeiten und tatsächlich so etwas wie Substanz erwartet, stattdessen schreiben Sie irgendetwas von Schuhen ... Wohl eine alte Arbeit [...] mehr...

24.08.2007 von kowalim: na ja

Also für mich persönlich gibt es halt wenig, was unangenehmer ist als aufdringliche Kumpanei. Ich will beim besten Willen von niemandem die halbe Lebensgeschichte hören, den ich 5 Minuten vorher an einer Bar das erste Mal [...] mehr...

24.08.2007 von shiloh716: Alles Klischees

Hier im Forum alleine 10x nachzulesen - auch bei Ihnen ;-) Tja, das war wohl ein klassisches Eigentor. Allgemein ist dazu zu sagen, dass es sich um eine sehr arrogante Haltung Anderen gegenueber handelt, wenn Konsens besteht [...] mehr...

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