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21.08.2007
 

Natascha Kampusch im ORF

Die entfernte Bekannte

Von Sebastian Fischer

Ein Jahr danach: Mit einer Mischung aus Dokumentation und Interview bemühte sich das österreichische Fernsehen um Annäherung an das Entführungsopfer Natascha Kampusch. Das misslang – genau deshalb war es eine gute Sendung.

Der entscheidende Satz fällt erst gegen Ende der Sendung. "Ich grenze mich gern ab, Sie wissen ja." Das sagt Natascha Kampusch zum ORF-Reporter Christoph Feurstein. Ja, der Mann weiß. Denn es ist das dritte große Interview im österreichischen Rundfunk, das er mit ihr führt. Noch immer sind sie per Sie – doch gilt Journalist Feurstein schon beinahe als Vertrauter von Entführungsopfer Natascha Kampusch.

Medienstar Kampusch: Distanziert, inszeniert
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DPA

Medienstar Kampusch: Distanziert, inszeniert

Ein Jahr nach der Flucht der heute 19-Jährigen aus dem Wiener Vorort-Haus ihres Kidnappers Wolfgang Priklopil sendete der ORF eine Art Interview-Doku. Mit ihr und über sie. Achteinhalb Jahre war sie gefangen. Ein Fall ohne Beispiel, für die Menschen unfassbar. Der ORF versuchte es mit einem sehr persönlichen Format, gemeinsam flog man für ein paar Tage nach Barcelona. Neben Kampusch mit dabei: nur ihre Halbschwester, Feurstein, ein Sozialarbeiter und das Kamerateam.

Wenn der Sender mit der gestern Abend ausgestrahlten Aufzeichnung neue Einblicke geben wollte, misslang dies. Denn die Sendung geriet zu einem Distanz-Akt der Natascha Kampusch: Äußerlich verbarg sie sich oft hinter der Sonnenbrille oder zog eine silberne Handkamera hervor, mit der wiederum sie die Filmenden filmte. Dann wieder schauten ihre Augen ins Nirgendwo, verschleiert, nach innen gekehrt.

Ausgesprochen fern

Dazu Kampuschs distanzierte Sprache: Sie spricht in einem abgeklärt-ruhigen und jede Silbe artikulierenden Duktus, als ob sie Literatur vorläse. Benutzt nicht das Perfekt der Alltagssprache, sondern das Imperfekt. All dies scheint Schutzschild. Und daran änderte auch der ORF nichts.

Dem Opfer nahmen das nach der Sendung nicht wenige übel. Nur wenige Minuten später waren österreichische Internet-Blogs von jenen Stimmen dominiert, die Kampusch Verstellung vorwarfen: "Auswendig gelernt" sei ihr Part im Interview, "bestellt und aufgesetzt", überhaupt wolle sie ja nur "Kohle verdienen".

Es ist das altbekannte Nörgler-Schema: Klar sind acht Jahre Gefangenschaft schlimm, furchtbar, unglaublich, aber irgendwann ist ja auch mal Schluss, Ende, Feierabend. Muss man sich deshalb jetzt so benehmen? Die überaus kritischen Zuschauer zumindest werden dies ihrerseits allerdings nicht beantworten können, kamen sie doch höchstwahrscheinlich noch nicht in die Verlegenheit, diverse Jahre in einem Fünf-Quadratmeter-Kellerverlies zu verbringen. Kampusch: "Die sehen mich als Celebrity, nicht als Opfer."

Das Opfer offenbar hat all die Jahre mit ihrer Distanziertheit, mit ihrem verhangenen Blick nach innen überleben können. Einmal sagt sie, ihre Phantasie sei "so ausgeprägt, dass ich mir alles Mögliche herholen, vorstellen kann". An anderer Stelle: Nein, einsam sei sie nicht gewesen, die Familie sei ihr im Herzen gegenwärtig geblieben.

Touristisch? Journalistisch?

Das Rätselhafte der Protagonistin übertrug sich auf die Inszenierung: Der ORF präsentierte einen eigenartigen Mix aus Interview in einem weiß bestuhlten Wiener Fernsehstudio und in Barcelona gefilmter Dokumentation. Da liest Kampusch mit ihrer dünnen Stimme aus dem Reiseführer vor, freut sich über Brunnen und Kirchen. Reporter Feurstein knipst parallel die spanische Architektur. Später sitzen sie gemeinsam am Strand: Der Reporter eine armeegrüne Schirmmütze auf dem Kopf und eine kleine Kamera in der Hand, die Befragte im blauen Sommerkleid, ebenfalls mit Kamera.

Er fragt sie nach der Gefangenschaft. Sie schaut nach unten, auf das ausgeklappte Display ihrer Kamera. "Priklopil, er hat Ihnen schreckliche Dinge angetan, wie sehen Sie ihn", versucht es Feurstein erneut. "Ja", sagt Kampusch emotionslos, "er tut mir nach und nach immer mehr leid." Er sei "eine arme Seele, verloren und fehlgeleitet".

Beim zentralen Thema Distanz und Vertrauen sagt Kampusch, sie habe "ein klein wenig meine Scheu verloren". Ob sie schon vertrauen könne, fragt Feurstein. "Vertrauen. Das wird noch lange dauern, bis ich jemandem vollkommen vertrauen kann." Ob sie schon Freunde gewonnen habe? "Freunde gewonnen. Ich habe noch nicht herausgefunden, wie man Freundschaften definiert." Kampusch antwortet vorsichtig und langsam, leitet ihre Antwort jedes Mal mit dem Thema der Frage ein. Schwächen will sie verbergen: "Herr Feurstein, weil mir grad so die Tränen kommen, könnten Sie die Kamera abdrehen? Ich glaub', das ist das Salzwasser."

Respekt vor dem Rätsel

Es kommt auch zu lustigen Sequenzen, etwa wenn der Reporter fragt, was ihr denn am besten gefalle am Meer und Kampusch antwortet: "Herr Feurstein, Sie müssen sich schon anstrengen, Sie können hier nicht mit so Null-acht-fünfzehn-Fragen kommen." Andersherum: Stellt Feurstein ernste Fragen, spricht aus der Teenie-Hülle die Weisheit einer reifen Frau.

Etwa hier: Was sie denn sage zum gerade erschienenen autobiographischen Buch ihrer Mutter, in dem der Vater attackiert und Details von Kampuschs Gefangenschaft preisgegeben werden? "Ich würde anders handeln, jeder hat sein eigenes Gewissen", müsse "ethisch und moralisch" abwägen, sagt Kampusch. Wenn ihre Mutter ein Buch schreibe, "dann muss sie das selbst vertreten können", sie solle "das ruhig tun, das kann ihr keiner nehmen".

Am Ende bleibt Ratlosigkeit beim Zuschauer. Darüber, was für ein Mensch Natascha Kampusch ist. Darüber, wie sie achteinhalb Jahre in ihrer Zelle überleben konnte. Und auch darüber, was das denn jetzt für eine komische Sendung war.

Und das ist gut so. Denn die Preisgabe intimer Details, ungeschützte Nähe - genau das hätte in diesem Fall eine schlechte Reportage ausgemacht. Der ORF zeigte eine Frau, die auf dem Weg zu sich selbst ist.

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