SPIEGEL ONLINE: Frau Rosmair, als deutsch-türkischer Teenie-Rapper "Kismet sein Bruder" fordern sie in ihrem ersten Musikvideo in drastischer Gossensprache "Ausländer rein". Erschienen ist der Clip jetzt in der Woche der Ausländerhatz von Mügeln - dort hieß es "Ausländer raus", und zwar unter Schlägen. Kann die Kunst überhaupt gegen Gewalt ankommen?
Rosmair: Ich war von dieser kollektiven Gewalttat und den dummdreisten Parolen total schockiert, der Titel meines Songs hat dadurch eine traurige Aktualität bekommen. Von Seiten aller Bürger und Institutionen muss mit Courage ganz klar signalisiert werden: So etwas wird hier nicht geduldet. Ich bin auch für ein Verbot rechtsradikaler Parteien und fremdenfeindlicher Gruppierungen. Was die politische Macht der Kunst angeht: Satire ist ein verdammt gutes Instrument.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben das "Kismet sein Bruder"-Video selbst geschrieben, selbst produziert und mit Freunden und einem Nullbudget gedreht. Warum?
Rosmair: Ich liebe diese konzentrierte Form, mit einem Song in drei Minuten eine ganze Geschichte zu erzählen. Das Video erzählt Kismets Traum: ein stinkreicher, obercooler und megageiler Gangsta samt heißer Braut und fettem Schlitten zu sein - allerdings macht er sich damit ähnlich lächerlich wie manche von den Rappern, die so dicke Eier haben, dass sie nicht mehr gerade stehen können. Als Performerin ist mein Hauptmotiv, die Menschen zu berühren: sie zu erfreuen, zu schockieren, sie zum Denken zu bewegen, dazu zu bringen, eine Haltung zu entwickeln. Und das Internet erreicht auch junge Menschen, die noch nie im Theater waren.
SPIEGEL ONLINE: Im Song droht Kismet mit der Umkehrung der Verhältnisse: "Wir icken so lang bis euch die Glocken schellen / Und wir hier in Deutschland die Mehrheit stellen ... In zehn Jahren ist hier ’n Türke Kanzler / und dann schnakt man Kanak-Sprak, ihr kleinen Schlappschwanzler".
Rosmair: Tja, how does it feel ... auf der Minderheitenseite? Kismet sein Bruder will rein, deshalb reißt er sein Maul auf. Mit seinen Mitteln sagt er: Wir haben das Recht hier respektiert zu werden, als Menschen, als Bürger, als kommende Generation. Und er hat Recht: Das Kostbarste, was wir überhaupt haben, sind die jungen Menschen, die dieses Land gestalten werden. Chancengleichheit ist entscheidend! Ich glaube, es ist total wichtig, dass Deutschland sich als Einwanderungsland begreift und es als Qualität sieht, dass sich hier sehr viele Ethnien und Kulturen mischen.
SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren Deutschtürken auf "Kismet sein Bruder"?
Rosmair (imitiert Akzent): Mördergeil, Digger! Konkrrrret krrrrass geile Moves, ey! (lacht). Durch YouTube kann sich jetzt mal zeigen, wie die das finden. Ins Theater kommen ja eher keine Ghettokids. Ich bin sehr gespannt, wie ganz junge Leute darauf reagieren. Die Zuschauer im Internet wissen ja auch nicht, dass Kismet sein Bruder von einer Frau gespielt wird. Das könnte interessant werden.
SPIEGEL ONLINE: Eigentlich stecken Mädchen aus muslimischen Migrantenfamilien doch noch tiefer in der kulturellen Kluft, in der nämlich zwischen Kopftuchträgerin und bauchfreier "Bitch". Stoff für "Kismet seine Schwester"?
Rosmair (rapt): Wenn ich ein Junge wär’ / das wär’ wunderschön / dann würd’ ich endlich wissen / wie es ist, ein Mädchen zu küssen / nachts auf dem Heimweg nie mehr schissen / einfach an jeder Ecke im stehen pissen / Ich hätt’ ’ne Schwäche für Schaufelradbagger und Monstermaschinen / für schwarze, rote und blaue Blondinen ...
SPIEGEL ONLINE: Das Skript liegt offenbar schon fertig in der Schublade ...
Rosmair: Tatsächlich, es gibt "Kismet seine Schwester" schon, der war für "Vatertag" angedacht. Da sang das Migrantenmädchen mit Kopftuch auf die Melodie dieses alten Fünfziger-Jahre-Schlagers: "Wenn ich ein Junge wär', das wär’ wunderschön / dann würd’ ich auf der Straße zwei Meter vor mir gehen". Das bringt ihren Konflikt doch ziemlich genau auf den Punkt. Trotzdem glaube ich, dass die Jungs genauso zerrissen sind wie die Mädchen.
SPIEGEL ONLINE: Man fragt sich unwillkürlich, wie es weitergeht mit Kismet seinem Bruder - hat er als Balljunge auf dem Golfplatz die richtigen Kontakte geknüpft und sitzt in zehn Jahren in einer Arztpraxis oder Anwaltskanzlei? Oder wird er vielleicht doch zum Terroristen?
Rosmair: Kismet ist zwar rotzfrech, aber er hat ja keine ernsthaft gewaltätigen Züge. Wenn der kleine Maulheld sich aufmandelt und versucht gefährlich zu sein, wird er gleich immer saukomisch. Deshalb finden ihn die Frauen ja auch so süß. Ich entwickle gerade mit einem Freund die Idee zu einer Faust-Adaption, "Kismet sein Faust". Da gerät Kismet dann wirklich in Versuchung. Das Gretchen wäre natürlich ein urdeutsches Mädchen (lacht).
SPIEGEL ONLINE: Und Mephisto? Käme er als Imam oder als Konzernvorstand daher?
Rosmair: Eine interessante Frage. Ich finde es jedenfalls sehr reizvoll, diesen urdeutschen Mythos, diese archaische Geschichte neu zu erzählen, als Rap-Musical. Das Tolle ist, dass man "Faust" auf wenige Figuren reduzieren kann, ohne dass die Konstellation an Spannung verliert.
SPIEGEL ONLINE: Zurzeit drehen Sie mit Robert Atzdorn den Psychothriller "Im Gehege" für das ZDF unter der Regie von Kai Wessel. Aber ist "Kismet sein Bruder" die Fingerübung für ein Regiedebüt der Judith Rosmair?
Rosmair: Erstmal möchte ich etwas schreiben, was über die Länge eines Songs oder eines Theatermonologs wie der von Dorine im "Tartuffe" hinausgeht. Ich schleiche mich da so von der Seite an.
Das Interview führte Hannes Kloth
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