Von Henryk M. Broder
Nach fast zwei Wochen auf- und abschwellender Erregung hat sich die Lage wieder normalisiert. Nicht nur in Mügeln, auch in der übrigen Bundesrepublik. Und wenn man bedenkt, dass bei der kleinen Hetzjagd auf acht Mitbürger mit Migrationshintergrund keiner zu Tode kam, muss man zugeben, dass sich die Geschichte recht lange in den Nachrichten gehalten hat.
Nun wird wieder eine andere Sau durch das Dorf getrieben: Quark und Käse sollen bis zu 53 Prozent teurer werden, und Angela Merkel mahnt die Einhaltung der Menschenrechte an – in China, nicht in Sachsen, wo diese Aufgabe bereits mit dem Vorschlag des amtierenden Ministerpräsidenten, noch in diesem Jahr eine "Antirassismus-Konferenz" einzuberufen, bereits zur allseitigen Zufriedenheit gelöst wurde.
Mügeln ist jetzt schon Geschichte, ein kleiner Fleck in der Hall of Shame der Bundesrepublik, neben Rostock, Hoyerswerda, Solingen, Guben, Mölln, Cottbus und einigen anderen Orten, wo die amtlich propagierte Ausländerfreundlichkeit in ihr Gegenteil umgeschlagen ist. Das Resultat: Tote und Verletzte, garniert mit "Betroffenheit", "Entsetzen" und vor allem Ratlosigkeit, dass es so etwas wie Rassismus und Nazis überhaupt gibt. Wie Kinder, die sich immer wieder darüber wundern, dass eine Tasse, die sie fallen lassen, am Boden zerbricht, staunen die deutschen Mitbürger, die Politiker und die Berichterstatter, was so alles mitten unter ihnen passiert. Ja, wo gibt’s denn so was? Doch nicht bei uns!
Abschaffung der Wirklichkeit
Daraus Sympathien für die Täter abzuleiten, wäre verkehrt. Es ist schlimmer: Die immer wieder gleichen Reaktionen zeugen vor allem davon, wie gründlich in Deutschland die Wirklichkeit vernichtet wurde – zugunsten einer virtuellen Realität, die darauf basiert, dass man sich auf sie verständigt hat.
Wie das passieren konnte, ist relativ einfach zu erklären. Da waren erst einmal zwei Diktaturen, die aufeinander folgten. Dort, wo der Übergang von der einen zu der anderen fließend stattgefunden hat, sind die Folgen besonders krass und anschaulich. Einer Volksgemeinschaft, der man einen Völkermord als "Endlösung" irgendeiner Frage verkaufen konnte, konnte man auch den Bau einer Grenzanlage, die dazu bestimmt war, die eigene Bevölkerung einzusperren, als "antifaschistischen Schutzwall" auftischen, der Angreifer und Agenten abhalten sollte.
Angeblich hat niemand, weder im Osten noch im Westen, an dieses "Propagandamärchen" geglaubt. Als aber vor kurzem ein Schießbefehl entdeckt wurde, der schon eine Weile bekannt war, brach in der Republik ob des "menschenverachtenden" Dokuments das große Staunen aus. Sogar Mitglieder der PDS, die früher der SED angehört haben, wunderten sich. Es gab einen Schießbefehl! Skandal!
Die Reaktionen klangen so, als habe man eben noch geglaubt, die über 950 Menschen an der deutsch-deutschen Grenze seien unter bisher ungeklärten Umständen ums Leben gekommen. Als ob die einen von der Mauer gefallen seien und sich dabei tödliche Verletzungen zugezogen hätten, die anderen sich im Niemandsland verlaufen hätten und dabei verhungert seien.
Auch Egon Krenz, dem letzten Staats- und Parteichef der DDR, war von einem Schießbefehl nichts bekannt. Wobei seine Erklärungen sich so anhörten wie weiland die Versicherungen von Albert Speer, er sei von Hitler getäuscht worden und habe von der Existenz der KZs erst nach dem Krieg die volle Wahrheit erfahren.
Schönfärberei auf Kosten anderer
Aber man muss gar nicht so tief in der Geschichte graben und so schweres Geschütz auffahren, wenn man zeigen will, wie weit die Entsorgung der Wirklichkeit geht. Es reicht schon daran zu erinnern, dass Gerhard Schröder den russischen Präsidenten Wladimir Putin einen "lupenreinen Demokraten" genannt hat, und das zu einem Zeitpunkt, als dessen Politik in Tschetschenien und gegenüber russischen Bürgerrechtlern schon hinreichend bekannt war.
Was auf den ersten Blick wie der Versuch erscheint, sich einen "Freund" schönzureden, zu dem man keine Distanz halten mag, weil er immerhin ein wichtiges Amt innehat, ist zugleich noch etwas anderes: eine Strategie, der Wirklichkeit aus dem Weg zu gehen.
Denn würde man sich auf eine Konfrontation mit der Wirklichkeit einlassen, müsste man vor ihr entweder kapitulieren oder etwas unternehmen. So aber kann man sich durchmogeln wie bisher – den Preis für diese Haltung zahlen andere, wie die ermordete russische Journalistin Anna Politkowskaja zum Beispiel.
War zu Kaisers Zeiten "Ruhe die erste Bürgerpflicht", so sehen es heute Politiker und Berichterstatter als ihre Pflicht an, zu große Unruhe zu vermeiden. Deswegen ist von "mutmaßlichen Terroristen" die Rede, wenn irgendwo ein vollbesetzter Bus in die Luft fliegt – theoretisch könnte ja auch ein geplatzter Reifen an dem Unglück schuld sein -, deswegen wird sauber zwischen "kriminellen" und "politisch motivierten" Gewalttaten unterschieden, wenn Menschen entführt und ermordet werden.
Ein Außenminister wie Frank-Walter Steinmeier, der angesichts einer toten Geisel erklärt, diese sei nicht ermordet, sondern an den "Strapazen", die ihr auferlegt wurden, gestorben, glaubt nicht nur, was er sagt, er setzt auch Maßstäbe im Fach Wirklichkeitsverweigerung, die kaum noch zu übertreffen sind. Dagegen ist ein Theaterintendant, Claus Peymann vom Berliner Ensemble, der RAF-Mörder als Idealisten verteidigt, die eine bessere Welt wollten, nur ein kleiner Fisch, allerdings für den Kulturbetrieb überaus symptomatisch.
Nationalsozialismus, konzeptionell gesehen
Unter solchen Umständen muss man schon froh sein, dass dem rechtskräftig verurteilten Kindermörder Magnus Gäfgen die Erlaubnis verweigert wurde, eine Stiftung zugunsten missbrauchter Kinder zu gründen. Er hat es ja "gut gemeint", und wer es gut meint, der kann schon mal übers Ziel hinausschießen. Eine erschreckend große Anzahl von Deutschen ist davon überzeugt, dass der Nationalsozialismus eine gute Idee war, die nur schlecht ausgeführt wurde, im Fall der DDR ist diese Zahl noch größer.
So kommt die Wirklichkeit unter die Räder des Wunschdenkens. Dabei wird nicht nur die Vergangenheit aufgehübscht, sondern auch die Zukunft rosa eingefärbt.
"Europa wäre sicher das letzte Ziel, das Iran einfallen würde, falls er wirklich aggressive Absichten verfolgen sollte", sagte vor kurzem ein bekannter Nahost-Experte. Wenn eine Atommacht Iran entstünde und für irgendjemanden zur Bedrohung würde, dann eher für seine Nachbarn. "Zum Beispiel für eine säkulare Türkei und natürlich für Israel. Ich glaube, dass Europa sich von Iran in keiner Weise bedroht fühlen müsste.”
Falls also die "Atommacht Iran" eines Tages beschließen sollte, ihre Waffen über der Türkei und über Israel auszuprobieren, wird der atomare Fallout einen großen Bogen um Europa machen. Nur diejenigen, die schon ihre Ferien in Antalya oder in Eilat gebucht haben, werden ein kleines Problem haben.
Mügeln mag geografisch in der Etappe liegen, mental aber liegt es im Zentrum des Zeitgeistes, auf gleicher Augenhöhe mit dem Rest der Republik. Die Abschaffung der Wirklichkeit ist keine Frage des Standortes. Zumindest in dieser Beziehung gibt es am Standort Deutschland schon lange weder ein Nord-Süd- noch ein Ost-West-Gefälle.
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Insbes. angesichts unserer Deutschen Geschichte ist es unsäglich, dass hirnlose Sozialversager Amok laufen und mit rechten Parolen Ausländer verprügeln. Das Phänomen ist bekannt: diejenigen, die auf der soz. Leiter (vermeintlich) [...] mehr...
Also wenn ich mir den Artikel durchlese muss ich mich echt fragen : Was will uns der Künstler , mit dem etwas surrealistischen, Werk sagen? Was hat eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof , Albert Speer , den Toten an dem [...] mehr...
Broder hat vor allem nichts Neues gesagt und niemanden weiter gebracht. Seine Israelkritik hat mir am besten gefallen. thinktwice mehr...
Tja, wie krass muß es noch kommen, bis mehr Leute aufwachen? Es scheint keine Grenzen für die möglichen Extremsituationen zu geben. Heute kam dieser schockierende Artikel über russische Verhältnisse raus [...] mehr...
Reden wir nicht lange um den heißen Brei herum und gratulieren Henryk M. Broder zu diesem treffenden Artikel, der die Zustände - wie man es von ihm gewohnt ist - auf den Punkt bringt. mehr...
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