Sonntag, 22. November 2009

Kultur



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
  • Merken
30.08.2007
 

Herlinde Koelbls "Haare"

"Schönheit allein ist langweilig"

Herlinde Koelbl wurde mit Portraits berühmt. Für ihr neues Projekt richtete sie ihre Kamera auf die behaarten Körperteile der Menschen - mit erstaunlichem Effekt. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht sie über die Verführungskraft des Haares und die Nöte glatzköpfiger Männer.

SPIEGEL ONLINE: Frau Koelbl, Sie zeigen in Ihrer Ausstellung "Haare" eine erstaunliche Vielfalt an Formen und Farben von Haaren. Von ästhetisch bis verstörend sind alle Facetten zum Thema vertreten. Wie lange haben Sie an diesem Projekt gearbeitet?

Koelbl: Die ersten Bilder sind bereits 2001 entstanden, damals habe ich meine Modelle zu Hause fotografiert. Doch nach einer Weile habe ich festgestellt, dass der bewegte Hintergrund enorm störend ist. Dessen Farben haben sich mit denen der Haare vermischt. Daraufhin habe ich in jedem Land und in jeder Stadt, in der ich war, ganz gezielt Studios gemietet, damit ich einen neutralen Hintergrund hatte, um mich ganz auf die Haare konzentrieren zu können.

SPIEGEL ONLINE: Im Gegensatz zu vielen Ihrer Projekte, die einen großen gesellschaftspolitischen Hintergrund haben, wie etwa "Spuren der Macht", für das Sie die Veränderungen in den Gesichtern von Politikern festhielten oder "Jüdische Portraits", für das Sie jüdische Intellektuelle portraitierten, scheint es, als würden Sie Ihren Fokus jetzt auf einen Teilaspekt der menschlichen Persönlichkeit verengen.

Koelbl: Wie ich festgestellt habe, sind Haare ein Thema, das zwar auf der ganzen Welt präsent ist, aber selten öffentlich wahrgenommen wird. Und trotzdem beschäftigen sich alle damit, egal, ob sie in Japan, Burma oder in London oder Paris sind. Insofern habe ich den Fokus eher erweitert.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es dabei einen weltumspannenden Aspekt oder sind die Haar-Themen je nach Kontinent unterschiedlich?

Koelbl: Die Religion ist ein Aspekt, mit dem sich die ganze Welt auch in punkto Haare beschäftigt. Was darf man? Was darf man nicht? Muss man die Haare verhüllen? Zweitens sind Haare ein archaisches kulturhistorisches Thema. Die Beschäftigung mit ihnen geht zurück bis zur Entstehung der Menschheit. Im Alten Testament etwa werden Haare gleich mehrfach erwähnt. Da ist zum Beispiel die Geschichte von Samson, der Delila verrät, dass seine unermesslichen Kräfte in seinen Haaren liegen. Sie schneidet ihm dann im Schlaf die Haare ab und er verliert seine Unbesiegbarkeit. Oder Maria Magdalena, die die Füße von Jesus mit ihren Haaren trocknet. Dieses Mystische, die Kraft und Schönheit des Haares wird in allen Kulturen beschworen.

ZUR PERSON

Herlinde Koelbl , Jahrgang 1939, studierte Modedesign in München. Ihre fotografische Karriere begann die Autodidaktin erst 1975. Inzwischen gehören international renommierte Magazine und Zeitschriften zu ihren Auftraggebern. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2001 mit dem Dr.- Erich- Salomon- Preis für Fotografie. Berühmt wurde sie mit ihrer Portraitserie "Spuren der Macht", für die sie Politiker und Wirtschaftsgrößen Jahre lang begleitete und deren physische Wandlung dokumentierte.
SPIEGEL ONLINE: Nimmt man etwa die Frisuren von Afroamerikanern, dann haben Haare auch eine politische Aussage. Hat Sie dieser Aspekt auch interessiert?

Koelbl: Haare sind immer auch ein Statement gewesen, sich abzugrenzen oder sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen. 1968 waren lange Haare und Koteletten ein Zeichen des Aufbegehrens. Auch die bunten Punkfrisuren waren ein antibürgerliches Statement. Das gehört zur Haargeschichte selbstverständlich dazu.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind bekannt dafür, mit Hilfe Ihrer Fotos sehr nah an die Menschen heranzukommen, doch hier dominiert oft die Oberfläche. Was hat sie daran interessiert?

Koelbl: Mir ging es hier weniger um die innere Persönlichkeit meiner Modelle, als darum, was sie mit ihren Haaren ausdrücken. Ich habe ihnen nicht vorgeschrieben, was sie tun sollen, sondern sie mit ihrem Haar spielen lassen. Ich achte immer sehr darauf, dass die Aussage der Bilder über die Individualität der jeweiligen Person hinausgeht.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben früher Modedesign studiert, sich davon aber schnell wieder abgewandt. Trotzdem wirken einige Ihrer Haar-Fotografien wie Inszenierungen zu einem Mode-Shooting.

Koelbl: Das mag auf den ersten Blick so wirken, doch obwohl ich Schönheit und Verführung zeige, sind sie nie so oberflächlich und glatt wie Mode- oder Werbefotografie. Zudem ist es wichtig, dass die Struktur der Haare sicht- und fühlbar wird. Deshalb habe ich viel mit Licht gearbeitet. Zugleich wollte ich aber auch deren ambivalente oder verstörende Seite zeigen. Schönheit und Hässlichkeit sind für mich die zwei wichtigsten Pfeiler zum Thema Haare. Schönheit allein ist langweilig. Hässlichkeit gehört genauso dazu.

SPIEGEL ONLINE: Sie zeigen auch Bilder, etwa von Intimrasuren, die das Gegenteil von behaart abbilden, nämlich den Trend, sich komplett zu enthaaren. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Koelbl: Bei Frauen wird dadurch eine Illusion von Kindlichkeit aufgebaut. Früher war es positiv besetzt, eindeutig als männlich oder weiblich erkennbar zu sein. Inzwischen wollen vor allem junge Männer das Animalische, für das starke Behaarung steht, loswerden. Es gibt natürlich noch einige Männer, die gerade das zelebrieren ...

SPIEGEL ONLINE: ... so wie der französische Präsident Nicolas Sarkozy, der sich oben ohne fotografieren ließ und sich auch sonst wie ein Alphamännchen geriert.

Koelbl: Das ist neu. Ich nehme nicht an, dass dieses Pfauengebaren einen Trend setzt. Denn der Status quo ist, dass Männer eher ihre Männlichkeit reduzieren. Schauen Sie sich die Jünglinge auf Modenschauen an. Sie tragen Mode, die extrem eng geschnitten ist. Man darf nicht vergessen: Mode ist ein gesellschaftlich beherrschendes Element, dem sich die meisten unterwerfen.

SPIEGEL ONLINE: Zeigen Sie deshalb so viele ambivalente Bilder, die eine eindeutige Geschlechtszuschreibung nicht zulassen?

Koelbl: Diese Zwischenstation zwischen den Geschlechtern ist ebenfalls ein Urthema. Der freie Mann hatte früher lange Haare, genau wie die Frauen. Auf der Straße fallen mir oft Frauen mit männlichen Gesichtern auf, die mit kurzen Haaren als Mann durchgehen könnten, und umgekehrt. Es gab diese Vermischung zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit schon immer, nur wird sie meistens unterdrückt. Haare sind ein Instrument, um das zu bewerkstelligen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Unterschiede gibt es zwischen Männern und Frauen, wie sie mit ihrem Haar umgehen?

Koelbl: Erst einmal geben Frauen für den Friseur viel mehr Geld aus. Außerdem setzen sie ihr Haar gezielt ein. Es gibt diese langhaarigen Frauen, die sich besonders im Gespräch mit Männern gerne mit den Fingern durch die Haare fahren, sie locken sie förmlich. Viele lassen sich auch blonde Strähnchen färben, weil blond immer noch die Farbe ist, die anziehend wirkt. Viele brünette Frauen erzählten mir, dass sie sich attraktiver fühlen, wenn sie sich blond färben und auch mehr Aufmerksamkeit erhalten.

SPIEGEL ONLINE: Betrachtet man die vielen kahlen Häupter in der Ausstellung, wird deutlich, dass das Haarthema bei Männern ein sehr sensibles Feld zu sein scheint.

Koelbl: Das stimmt. Als ich Männer mit Glatzen suchte, die sich die Haare über die kahlen Stellen kämmen, habe ich mehrere angesprochen, aber keiner wollte sich fotografieren lassen. Und das, obwohl man sie auf dem Bild gar nicht erkannt hätte. Einer sagte, ich hätte ihn am empfindlichsten Punkt seiner Männlichkeit getroffen. Das ist für Männer wirklich ein Problem, die Kopfhaare zu verlieren, weil sie ein Zeichen von Jugendlichkeit und Potenz sind.

SPIEGEL ONLINE: Frau Koelbl, Sie tragen selbst seit Jahren eine markante Frisur, die zu Ihrem Markenzeichen geworden ist. Warum haben Sie kein Selbstportrait in die Ausstellung aufgenommen?

Koelbl: So wie Hitchcock? (lacht) Ich fühle mich hinter der Kamera einfach wohler. Außerdem ist meine Hochsteck-Frisur durch Zufall entstanden. Ich habe Naturlocken, da ist es praktisch, wenn die Haare beim Arbeiten nicht in die Kamera hängen.

Das Interview führte Jenny Hoch


Herlinde Koelbl: Haare. Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, 31. August bis 18. November
Katalog: "Haare", Hatje Cantz Verlag, 176 Seiten, 39,80 Euro

Social Networks

  • Twitter
  • Facebook
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Folkd
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • reddit
  • StumbleUpon
  • Windows Live
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Service von SPIEGEL-ONLINE-Partnern