Von Henryk M. Broder
Das ist das gute Recht der Mullahs. Wie in jedem totalitären System bestimmt der Wunsch, an der Macht zu bleiben, die Wahl der Mittel.
Der Skandal liegt darin, dass sie dabei Hilfestellung aus einem Land erhalten, in dem Parolen wie "Wehret den Anfängen!", "Nie wieder 33!" und "No blood for oil!" das Tischgebet und das Vaterunser ersetzt haben. Je länger das Dritte Reich zurück liegt, umso stärker artikuliert sich der Widerstand gegen die NS-Diktatur, während der Umgang mit gegenwärtigen Diktaturen umso lässiger und nachlässiger ausfällt, je größer die Kaufkraft der regierenden Despoten ist.
Wie krankhaft naiv oder unheilbar gesund Kulturschaffende sein können, die sich ihre gute Laune nicht einmal von den Schreien gesteinigter Frauen nehmen lassen, kann man derzeit jeden Tag in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" studieren. Da veröffentlicht einer der Musiker sein "Teheraner Tagebuch". In der ersten Folge beschreibt er noch die Freuden der Reise ("Und ich kann meine Passion ausleben: Fliegen! Für unglaubliche zweieinhalb Stunden darf ich im Cockpit bleiben - einschließlich Landung") und die Ankunft in der Stadt: "Und so fahren wir vom Imam-Khomeini-Flughafen am Imam-Khomeini-Mausoleum vorbei nach Teheran. Einen Tag haben wir jetzt Zeit, uns über den wahnsinnigen Verkehr in der Zwölf-Millionen-Stadt zu wundern und uns auszuruhen."
Bloß keinen Ärger
Gut erholt von den Strapazen holt er am nächsten Tag drei Bassgeigen und eine Harfe beim Zoll ab: "Der Beamte ist sehr hilfsbereit." Nur die Hitze macht ihm zu schaffen, "auf 40 Grad steigt das Thermometer heute".
Am dritten Tag wird es ernst. "Eine Stunde vor dem Konzert bekomme ich einen Hinweis von einer iranischen Frau: Im Saal werden nicht nur musikinteressierte Zuhörer sitzen, sondern auch Mitglieder der iranischen Behörden, die vor allem darauf achten werden, wie wir gekleidet sind." Daraufhin veranlasst er das Notwendige: " Ich gehe deshalb zu jeder Frau im Orchester und bitte sie, vor allem auf die Kopftücher zu achten. Die Damen reagieren und ziehen sich die Tücher bis tief in die Stirn oder legen sie neu an. Bloß keinen Ärger mit diesen Leuten bekommen."
Danach läuft alles "fantastisch": Am Ende sind alle glücklich. "Ich schaue in die erste Reihe. Dort sitzen die kulturellen Vertreter des Landes. Sie haben ein Lächeln im Gesicht. Wir spüren, wie sehr Musik in der Lage ist, die Herzen der Menschen zu erreichen...Wir feiern bis drei Uhr früh. Das Osnabrücker Symphonieorchester ist jetzt vielleicht das glücklichste Orchester der Welt."
Zur Ehrenrettung der Osnabrücker Symphoniker muss nur noch gesagt werden, dass 19 Mitglieder des Orchesters, also ein Drittel, nicht mitgefeiert haben. Sie sind in Osnabrück geblieben.
Korrektur: In einer früheren Version war die Anzahl der Orchester-Mitglieder, die nicht nach Teheran mitgefahren sind, mit zehn angegeben. Inzwischen hat uns ein Mitglied des Orchesters über die richtige Anzahl informiert: 19.
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