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Deutsches Symphonie-Orchester in Teheran Die wollen nur spielen

2. Teil: "Die kulturellen Vertreter des Landes haben ein Lächeln im Gesicht"

Das ist das gute Recht der Mullahs. Wie in jedem totalitären System bestimmt der Wunsch, an der Macht zu bleiben, die Wahl der Mittel.

Der Skandal liegt darin, dass sie dabei Hilfestellung aus einem Land erhalten, in dem Parolen wie "Wehret den Anfängen!", "Nie wieder 33!" und "No blood for oil!" das Tischgebet und das Vaterunser ersetzt haben. Je länger das Dritte Reich zurück liegt, umso stärker artikuliert sich der Widerstand gegen die NS-Diktatur, während der Umgang mit gegenwärtigen Diktaturen umso lässiger und nachlässiger ausfällt, je größer die Kaufkraft der regierenden Despoten ist.

Wie krankhaft naiv oder unheilbar gesund Kulturschaffende sein können, die sich ihre gute Laune nicht einmal von den Schreien gesteinigter Frauen nehmen lassen, kann man derzeit jeden Tag in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" studieren. Da veröffentlicht einer der Musiker sein "Teheraner Tagebuch". In der ersten Folge beschreibt er noch die Freuden der Reise ("Und ich kann meine Passion ausleben: Fliegen! Für unglaubliche zweieinhalb Stunden darf ich im Cockpit bleiben - einschließlich Landung") und die Ankunft in der Stadt: "Und so fahren wir vom Imam-Khomeini-Flughafen am Imam-Khomeini-Mausoleum vorbei nach Teheran. Einen Tag haben wir jetzt Zeit, uns über den wahnsinnigen Verkehr in der Zwölf-Millionen-Stadt zu wundern und uns auszuruhen."

Bloß keinen Ärger

Gut erholt von den Strapazen holt er am nächsten Tag drei Bassgeigen und eine Harfe beim Zoll ab: "Der Beamte ist sehr hilfsbereit." Nur die Hitze macht ihm zu schaffen, "auf 40 Grad steigt das Thermometer heute".

Am dritten Tag wird es ernst. "Eine Stunde vor dem Konzert bekomme ich einen Hinweis von einer iranischen Frau: Im Saal werden nicht nur musikinteressierte Zuhörer sitzen, sondern auch Mitglieder der iranischen Behörden, die vor allem darauf achten werden, wie wir gekleidet sind." Daraufhin veranlasst er das Notwendige: " Ich gehe deshalb zu jeder Frau im Orchester und bitte sie, vor allem auf die Kopftücher zu achten. Die Damen reagieren und ziehen sich die Tücher bis tief in die Stirn oder legen sie neu an. Bloß keinen Ärger mit diesen Leuten bekommen."

Danach läuft alles "fantastisch": Am Ende sind alle glücklich. "Ich schaue in die erste Reihe. Dort sitzen die kulturellen Vertreter des Landes. Sie haben ein Lächeln im Gesicht. Wir spüren, wie sehr Musik in der Lage ist, die Herzen der Menschen zu erreichen...Wir feiern bis drei Uhr früh. Das Osnabrücker Symphonieorchester ist jetzt vielleicht das glücklichste Orchester der Welt."

Zur Ehrenrettung der Osnabrücker Symphoniker muss nur noch gesagt werden, dass 19 Mitglieder des Orchesters, also ein Drittel, nicht mitgefeiert haben. Sie sind in Osnabrück geblieben.

Korrektur: In einer früheren Version war die Anzahl der Orchester-Mitglieder, die nicht nach Teheran mitgefahren sind, mit zehn angegeben. Inzwischen hat uns ein Mitglied des Orchesters über die richtige Anzahl informiert: 19.

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insgesamt 63 Beiträge
johol 31.08.2007
Es ist immer wieder schoen zu sehen, wie viele verkappte Widerstandskaempfer uns doch heutzutage verloren gehen. All jene, die meinen, sie haetten im Dritten Reich gegen jedes Unrecht revoltiert und jede Reaktion seitens des [...]
Es ist immer wieder schoen zu sehen, wie viele verkappte Widerstandskaempfer uns doch heutzutage verloren gehen. All jene, die meinen, sie haetten im Dritten Reich gegen jedes Unrecht revoltiert und jede Reaktion seitens des Staates heldenhaft ueber sich ergehen lassen. Schade, dass so viele Helden erst so spaet geboren wurden....
Uhlenspigel 31.08.2007
obwohl ich hauptberufliche wichtigtuer vom schlag eines h.m.b. aus ganzem herzen verabscheue - schliesslich findet der herr nichts dabei, den "islamischen" regimen jeden toten vorzuhalten, den apartheidsstaat israel [...]
obwohl ich hauptberufliche wichtigtuer vom schlag eines h.m.b. aus ganzem herzen verabscheue - schliesslich findet der herr nichts dabei, den "islamischen" regimen jeden toten vorzuhalten, den apartheidsstaat israel dagegen unkommentiert zu lassen - in diesem fall hat er (leider) zutiefst recht. was für ein erbämlicher kotau.
Paulchen Panther 31.08.2007
Zum kulturellen Austausch gehört eben nicht nur das Vortragen/Vorzeigen von Worten, Klängen oder Bildern, sondern auch kleine Demonstrationen der eigenen politischen bzw. gesellschaftlichen Kultur. Die Osnabrücker haben sich [...]
Zum kulturellen Austausch gehört eben nicht nur das Vortragen/Vorzeigen von Worten, Klängen oder Bildern, sondern auch kleine Demonstrationen der eigenen politischen bzw. gesellschaftlichen Kultur. Die Osnabrücker haben sich dummerweise auf den ersten Punkt beschränkt. Dass sie in ihrem Auftreten kaum noch von ebenso gegängelten Iranern zu unterscheiden waren, lässt ihren Beitrag zum Kulturaustauch tatsächlich im Nichts verpuffen. Beethoven und Brahms alleine machen es nicht, die kannte man in Teheran sicherlich schon. Ups, jetzt habe ich eigentlich nur H.M.B.s Artikel mit anderen Worten wiedergegeben. Hab' eben dieses Mal nix zum Meckern gefunden...
Robert32 31.08.2007
Henryk M. Broder hat wieder mal ein neues Opfer gefunden: Die "nützlichen Idioten" unter den Künstlern. Er ärgert sich darüber, dass ein deutsches Orchester in Teheran auftritt, ist doch Ahmadinedschad, wie jeder Gegner [...]
Henryk M. Broder hat wieder mal ein neues Opfer gefunden: Die "nützlichen Idioten" unter den Künstlern. Er ärgert sich darüber, dass ein deutsches Orchester in Teheran auftritt, ist doch Ahmadinedschad, wie jeder Gegner Israels, irgendwie auch ein Nazi, ja geradezu die Reinkarnation Adolf Hitlers. Der Auftritt des Orchesters ist folgerichtig nicht anders zu beurteilen als - nun fällt es uns allen wie Schuppen von den Augen - die olympischen Spiele 1936! Welche amerika- und israelfreundlichen Protestnoten die Musiker hätten einlegen sollen, sagt Broder nicht. Vielleicht während der Aufführung ein Transparent entrollen? Statt politisch korrekt zu demonstrieren, ärgern sich diese törichten Schafe über so banale Dinge wie das heiße Wetter, während draußen eine Frau gesteinigt, ein Regimegegner gefoltert, der atomare Holocaust vorbereitet wird. Woher Broder die Information nimmt, dass die Musiker sogar die Schreie einer Steinigung vernommen haben, bleibt freilich offen. Allgemeine Leitlinien politisch korrekten Verhaltens für Orchestermitglieder teilt Broder nicht mit. Die Musiker werden es schwer haben. Wie etwa soll ein deutsches Orchester in Israel reagieren, wenn es die Schreie malträtierter Palästinenser vernimmt? Richtig und unbestritten ist, dass in Iran ein verbrecherisches Regime von Fanatikern an der Macht ist. Wie jedes kulturelle Ereignis wird auch der Auftritt der Orchestermusiker das Regime in gewissem Umfang stützen. Die deutsche Wirtschaft und damit auch Deutschland haben indes ein vitales Interesse, die Beziehungen zu Iran (nicht nur: zum Regime) zu pflegen. Was den Vorrang genießt, ist Abwägungsfrage. Naiv wäre es, der Moral stets den Vorrang einzuräumen. Mit Sicherheit wird jede zerstörte Geschäftsbeziehung deutscher Unternehmen (vgl. etwa die erpresserische Taktik der USA im Zusammenhang mit der Tätigkeit deutscher Banken im Iran) dankbar von französischen und russischen Unternehmen aufgegriffen.
unicoma 31.08.2007
Der Vergleich des Orchesters mit den Sportlern der Olympiade von 1936 in Berlin ist etwas überzogen. Bei dem Auftritt in Teheran handelte es sich um einen Gastauftritt, die iranische Regime hat zweifellos große Verbrechen [...]
Der Vergleich des Orchesters mit den Sportlern der Olympiade von 1936 in Berlin ist etwas überzogen. Bei dem Auftritt in Teheran handelte es sich um einen Gastauftritt, die iranische Regime hat zweifellos große Verbrechen begangen, aber ein Völkermord, wie ihn die Nazis verübten, ist mitnichten darunter und mir wäre neu, dass kulturelle/gesell. Gepflogenheiten in anderen Ländern neuerdings einfach, bei offiziellen Besuchen/Gastspielen, ignoriert würden. Wenn ein großes Symphonieorchester in den VAE auftritt, werden die weiblichen Mitglieder ebenfalls Kopftücher tragen. Was ich als sehr treffend empfand: Der Skandal liegt darin, dass sie dabei Hilfestellung aus einem Land erhalten, in dem Parolen wie "Wehret den Anfängen!", "Nie wieder 33!" und "No blood for oil!" das Tischgebet und das Vaterunser ersetzt haben. Je länger das Dritte Reich zurück liegt, umso stärker artikuliert sich der Widerstand gegen die NS-Diktatur, während der Umgang mit gegenwärtigen Diktaturen umso lässiger und nachlässiger ausfällt, je größer die Kaufkraft der regierenden Despoten ist.
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