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09.09.2007
 

TV-Zweiteiler "Tarragona"

Camping-Lust und Katastrophen-Frust

Von Christian Buß

Ein Ereignis, zwei Filme: Das TV-Drama "Tarragona" zeigt das Feuerinferno auf dem spanischen Campingplatz "Los Alfaques" 1978. Doch dem gewitzten Sittengemälde über den deutschen Tourismus der siebziger Jahre in Teil eins folgt ein grobschlächtiges Disaster-Movie.

Man beachte die verbrannten Dekolletés und feuerroten Wampen. Wir schreiben das Jahr 1978. Damals dachten die Menschen, dass ihnen eine Creme mit Sonnenschutzfaktor zwei beim Bräunungsvorgang ein Optimum an Sicherheit bietet. Spanien stellte für den deutschen Camper noch eine weitgehend unerforschte Klimazone dar, drei Jahre nach Franco war das Land eine Art wilder Westen Europas. Man betrat Neuland, machte sich frei und manchmal sogar nackig.

Die strengen Sitten im katholischen Land interessierten dabei nicht, schließlich blieben die Touristen sowieso weitgehend unter sich. Sie lebten in kleinen Arealen wie dem Campingplatz "Los Alfaques" in der Provinz Tarragona, einer Mischung aus Wagenburg und Shangri-La. Und wenn man den Machern des RTL-Disastermovies ein Kompliment machen will, dann dieses: Noch nie wurde das Lebensgefühl der teutonischen Tourismus-Avantgarde für das deutsche Fernsehen stimmiger ins Bild gesetzt.

Der Campingplatz fungiert im ersten Teil von "Tarragona" als Tummelplatz deutscher Frei- und Kleingeister aller Art. Hier treffen unterschiedliche gesellschaftliche Strömungen so unvermittelt aufeinander wie die Lieblingsmusik ihrer Repräsentanten: Während die Bikergang im Dreck Steppenwolfs "Born To Be Wild" bis zum Anschlag aufreißt, hält das Spießerpaar vor dem frisch gewienerten Wohnwagen mit Peter Alexanders "Kleine Kneipe" gegen.

Freibrief fürs Machotum

Lockermachen heißt die Devise. Der deutsche Herr trägt bei der Ankunft das Freizeithemd noch zugeknüpft, nach der Akklimatisierung lässt er dann die üppigen Brusthaarbüschel aus dem Hawaii-Shirt quellen. Überhaupt die Haare: Sie wuchern dem Manne hier an allen Partien des Körpers, als feudaler Backenbart oder als feudeliger Schnauzer. So will man Eindruck schinden beim anderen Geschlecht, das wiederum unter den Freiluftduschen in Frottee-Badeanzügen die eigenen körperlichen Vorzüge ausstellt.

Kein Wunder, dass sich der deutsche Biedermann in diesem Ambiente liberal gibt. So wie Günter (Peter Benedict), der seiner verhuschten Frau Katharina (Laura Tonke) den Vorschlag macht, doch in einer Dreierbeziehung mit der blonden Wuchtbrumme Bärbel (Nina Proll) zu leben, die den beiden mit ihrem Wohnmobil aus Deutschland nachgereist ist. Was sagt der frisch befreite Spießer da doch gleich: "Hey, wir leben in den Siebzigern!" Die sexuelle Revolution als Freibrief fürs Machotum, auch das wird in diesem Sittengemälde hübsch aufgezeigt.

Doch ältere Herrschaften befreien sich ebenfalls unter der Sonne Spaniens von alten Zwängen: Der todkranke Bundeswehrgeneral a.D. Walter (Hanns Zischler) etwa nimmt beim Rotwein vor dem akkurat aufgestellten Zelt Abschied von seinen lebensfeindlichen Reglements. Er schließt bald nicht nur den vor vielen Jahren vertriebenen schwulen Sohn (Johannes Zirner) wieder in die Arme, sondern akzeptiert gleich auch noch dessen spanischen Lebensgefährten in Leopardenbadehöschen, den schönen José (Carlos Leal), als Schwiegersohn. Die in "Tarragona" so herzlich beschworenen Siebziger eröffnen eben auch ganz neue Familienkonstellationen.

Feriensoftsex und Haifischflossenwitz

Das Beziehungswirrwarr bleibt im Zweiteiler zwar weitgehend im Küchenpsychologischen stecken, dafür gelingt es Regisseur Peter Keglevic jedoch perfekt, das zeitgeistliche Flair aufzubereiten. Und das liegt nicht nur an der tadellosen Maske und den vielen authentischen Requisiten. Keglevic, der schon Mehrteiler wie "Black Out – Die Erinnerung ist tödlich" mit Gespür für entscheidende atmosphärische Details in Szene gesetzt hat, legt mit "Tarragona" eine kleine Kulturgeschichte der späten Siebziger vor, in der auch das mediale Selbstbild der Ära reflektiert wird. Leichthändig hat er die kollektive Kinoerfahrung jener Jahre in seine Geschichte eingearbeitet: vom Haifischflossenwitz aus "Der weiße Hai" über die Tanzszenen von "Saturday Night Fever" bis zum Feriensoftsex a la "Bilitis".

Beinahe verliert der Zuschauer sich im lustvollen Dickicht der Referenzen – würde er nicht wieder und wieder durch eine Parallelmontage aufdringlich daran erinnert werden, dass er sich ja eigentlich in einem Katastrophendrama befindet: Unheilvoll nimmt ein überladener Gas-Transporter Kurs auf Tarragona; immer wenn die Filmhandlung während des ersten Teils pflichtschuldig auf den Koloss schaltet, löst sich eine Schraube am Tank. Steht dann schließlich am Ende des ersten Teils das Camper-Paradies in Flammen, bleibt auch das Zeitpanorama auf der Strecke.

Was in Teil zwei folgt, ist Zerstörungsarbeit, wie sie das deutsche Fernsehen seit einigen Jahren kultiviert und das regelmäßig schöne Quoten einfährt. Ob Flut oder Feuerinferno, die Rezeptur variiert wenig und kam erstmals beim Gruben-Melodram "Das Wunder von Lengede" zur Anwendung, das ebenfalls von der "Tarragona"-Produktionsfirma Zeitsprung hergestellt wurde. Zeitsprung steht inzwischen für die riskante Fiktionalisierung von historischen Stoffen. Gerade wurde nun nach langer Auseinandersetzung vor Gericht die Sendeerlaubnis für ihren umstrittenen Contergan-Skandal-Zweiteiler "Eine einzige Tablette" erkämpft, gegen den Beteiligte geklagt hatten.

"Tarragona" nun rekonstruiert jenes Tanklasterunglück auf dem vor allem von Deutschen frequentierten Campingplatz "Los Alfaques" am 11. Juli 1978, bei dem 215 Menschen ums Leben kamen. Eine Katastrophe, die durchaus eine zeitgeschichtliche Dimension besitzt. Markiert sie doch den Verlust der Unschuld des deutschen Mittelmeertourismus: Bald darauf wurden die südlichen Regionen Europas von mehr oder minder korrekt organisierten Touristikanbietern industrialisiert.

Edles Zeit-Porträt, billiger Event-Schmonz

Doch so hintersinnig die Kulturhistorie im ersten Teil aufbereitet wird, so grobschlächtig kommt das Katastrophenszenario im zweiten daher.

"Hilf Dir selbst!" Das Motto des deutschen Disaster-Films führt auch hier zu allerlei abstrusen Rettungs- und Tötungsmaßnahmen. Da der Katastrophenschutz in der jungen Republik Spanien so gut wie nicht vorhanden ist, müssen die Überlebenden des Unglücks eben selbst Hand anlegen.

Da schiebt dann schon mal ein besorgter Mann mit zwei kleinen Kindern die schwerstverletzte Frau in einen gestohlenen Krankenwagen, um sie in ein besser ausgestattetes Hospital zu bringen. Zwei Herren, deren Kinder auf dem Campingplatz Urlaub gemacht haben, kapern in Deutschland gleichsam einen Medikamenten-Flieger, um vor Ort zu helfen. Und ein Opfer mit schwersten Verbrennungsgraden fordert von einer jungen Frau, dass diese ihr beim Freitod zu Hand gehen solle. Ein bisschen Gesülze, ein bisschen Augenklimpern, schon läuft der Abgang in eine bessere Welt: Sterbehilfe auf die saloppe Art. Das darf man schon grob fahrlässig nennen.

So stellt sich nach dem edlen Siebziger-Porträt und dem billigen Inferno-Schmonz nur eine Art von Trauer ein: Schade um all die schönen Requisiten, die in Rauch aufgegangen sind.


"Tarragona – Ein Paradies in Flammen", Sonntag, 9.9. und Montag, 8.9., 20.15 Uhr, RTL

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