Von Marion Kraske, Wien
"Kurier"-Chef Christoph Kotanko ist ein hochgewachsener Mann mit kahlrasiertem Kopf und Nickelbrille. Von einer österreichischen Fachjury wurde er 2006 zum Chefredakteur des Jahres gewählt. Kotanko sieht sich in seinem Vorgehen gegen den Konkurrenten bestätigt: "'Österreich'", sagt er bedächtig, "begeht wilde Grenzüberschreitungen, die es in dieser Art hierzulande noch nicht gegeben hat."
Dabei ist man im Alpenstaat durchaus einiges gewohnt, denn auf dem Zeitungsmarkt geht es im Vergleich zum deutschen ungleich schonungsloser zu. Die Konkurrenz ist groß, knapp ein Dutzend Tageszeitungen und etliche Magazine buhlen um die Gunst von nur fünf Millionen potenziellen Lesern. Qualitätsmedien haben es da schwer – den Ton gibt der schrille Boulevard an. Dieser werde durch den "Fellnerismus, einem Mix aus unseriösem Journalismus und skrupelloser Kommerzialisierung, weiter radikalisiert", klagt der Herausgeber des spitzzüngigen Wiener Stadtmagazins "Falter", Armin Thurnher.
Kampf um den Boulevard
Tatsächlich macht Fellners "Österreich" mittlerweile vor allem der alteingesessenen "Krone" Konkurrenz. Das bisweilen eher bieder anmutende Revolverblättchen dominiert seit Jahrzehnten unangefochten den österreichischen Printmarkt. Ihr Macher, der konservative Mediendinosaurier Hans Dichand, residiert im 16. Stock seines Verlagshauses mit atemberaubenden Blick auf den Wiener Villenvorort Döbling.
Der 86-Jährige Senior empfängt Besucher lächelnd, im karierten Sacko samt grün-blau-roter Krawatte und Manschettenknöpfen wirkt er eher wie der nette Onkel von nebenan denn wie ein erfolgsverwöhnter Verleger. Dabei erreichen Dichand und seine Partner – die umtriebige WAZ ist auch hier dick im Geschäft – mit ihrer Zeitung knapp die Hälfte aller Österreicher – eine Marktmacht, die weltweit einzigartig ist. Zum Vergleich: In Deutschland müsste Springer seine Auflage mit "Bild" mindestens verdoppeln, wollte man an die Vormachtstellung der "Kronenzeitung" auch nur annähernd herankommen.
Ausgestattet mit so viel Macht, zieht das Dichand-Blatt unverhohlen gegen drogendealende Ausländer, gegen die undemokratische EU oder den Feind, die politische Linke, zu Felde, oft ist die xenophobe oder gar antisemitische Hetze anmutig in Reimform verpackt. Die Liebe zum Versmaß, erzählt der Senior stolz, habe ihn damals, in britischer Kriegsgefangenschaft erfasst.
Die jüngste Fellner-Offensive auf dem heimischen Markt sieht Dichand dagegen gelassen. Lediglich einige tausend Exemplare habe man verloren. "Der gibt Unsummen Geld aus mit seinen Hochglanzausgaben", sagt der Alte mit Blick auf seinen Konkurrenten. "Lange wird der das nicht durchhalten können."
Über Bankkredite hat Wolfgang Fellner 50 Millionen Euro zur Verfügung, mit voller Kraft pumpt er sie in das neue "Österreich". Das ist viel Geld für einen kleinen Markt – da müssen schnelle Erfolgsmeldungen her. Schon jetzt, prahlt der Unternehmer denn auch, sei das Blatt ein "enormer Erfolg", etwa 311.000 Exemplare würden täglich "verbreitet".
Was Fellner ungern erwähnt: Etwa die Hälfte davon werden in Wiens Straßen und anderswo tonnenweise verschenkt. Zudem wird ein Großteil über Rabatte und Sonderangebote regelrecht verramscht. Wie viele Exemplare überhaupt zum vollen Preis abgenommen werden, kann indes niemand genau sagen – auch die zahnlose Österreichische Auflagenkontrolle (ÖAK) nicht.
Mittelfristig, fürchten Branchenkenner, werde Fellner mit diesen undurchsichtigen Methoden womöglich das gelingen, was ihm einst schon einmal mit "News" glückte: Damals warb das Marketinggenie mit seiner aggressiven Geschäftspolitik Anzeigenkunden ab, schließlich schluckte er mit dem Politmagazin "Profil" den wichtigsten Konkurrenten. "Sollte dem Großmeister der Übertreibung Ähnliches auf dem Tageszeitungsmarkt gelingen, steuert das Land auf eine weitere ungesunde Medien-Konzentration zu", sagt der Wiener Publizist Oliver Lehmann. "In letzter Konsequenz werden dadurch wieder einmal die Qualitätsmedien geschwächt."
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