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17.09.2007
 

Talk-Premiere

Volkstrauertag mit Schwester Anne

Von Reinhard Mohr

Ein Fall aus dem wahren Leben - und schon muss Deutschland auf die Couch. Anne Will manövrierte in ihrer ersten Talkshow die Diskutanten durch ein melancholisches Gespräch über die Ungerechtigkeit des Marktes. Wird das der Stil der ARD-Frontfrau: gepflegte Betroffenheit?

"Entscheidend is' auf'm Platz!", sagt die Fußballerweisheit und hat ja so recht damit. Nach wochen-, ach, monatelanger Vorberichterstattung, nach Joggen, Kaffeetrinken, Essen, Spazierengehen und Reden mit Anne Will ging es gestern Abend endlich zur Sache.

Die Wahl des Themas zur Premiere von "Anne Will" im Ersten, formerly known as "Sabine Christiansen", war auf jeden Fall apart. Der Bundesinnenminister warnt vor Terroranschlägen mit Atomwaffen; der Verteidigungsminister kündigt den Abschuss von Passagierflugzeugen an, die Terroristen als fliegende Bombe missbrauchen wollen; die islamistische Anschlagsgefahr in Deutschland insgesamt steigt spürbar an – doch die Gesprächsrunde im neuen Studio in Berlin-Adlershof beschäftigte sich mit Hartz IV. "Rendite statt Respekt - wenn Arbeit ihren Wert verliert".

Nicht wirklich brandaktuell, aber ein klassisches Thema für den Sonntagabend, an dem der vorhergehende "Tatort" schon den kongenialen Titel der Woche für sich beansprucht hatte: "Macht der Angst".

Bei Anne Will, die im grauen Hosenanzug lächelnd die gewohnt gute Figur abgab, ging es um den Menschen zwischen Wert und Würde. Nur verknöcherte Marxisten würden hier leise auf den Doppelcharakter der Ware Arbeitskraft hinweisen, der aus Gebrauchswert und Tauschwert besteht. Neoliberale Beckmesser wiederum könnten monieren, dass es durchaus Rendite und Respekt im Doppelpack gibt, den homo oeconomicus und den Citoyen. Sei's drum.

Immerhin wurde zur Premiere nicht gleich Oskar Lafontaine eingeladen. Das muss man anerkennen. Oder Guido Westerwelle. Oder Gregor Gysi, die ewige Rache des Ostens an den "Blühenden Landschaften" Helmut Kohls. Oder Norbert Blüm, der gerade auf Kabarett-Tournee ist. Nicht einmal Kardinal Meisner, obwohl der zum Verhältnis von weltlichem Mammon und göttlicher Barmherzigkeit gewiss Artgerechtes zu erzählen hätte.

Postmoderne Gemütlichkeit

Dafür kamen Kurt Beck und Jürgen Rüttgers, zwei unverbrauchte Ministerpräsidenten aus dem Westen Deutschlands, dazu die evangelische Landesbischöfin von Hannover, Margot Käßmann, und Telekom-Chef René Obermann. Man saß in roten Schalensesseln, und das beige-rot-braune Ambiente verbreitete eine Art post-postmoderne Gemütlichkeit. Die sollte zu einem Teil des Problems werden.

Gleich zu Beginn schritt Anne Will, bis in den Frühsommer hinein Moderatorin der ARD-"Tagesthemen", zum Einzelgespräch mit einer Diplom-Bauingenieurin aus Bautzen, die nun in einem Callcenter arbeitet – für fünf Euro pro Stunde. Nur mit Hilfe der gesetzlich geregelten Aufstockungshilfe kommt sie auf 1100 Euro netto. "Entwürdigend" sei das, sagte sie, obwohl ihr die Arbeit Spaß mache. Bei Anschaffungen griffen ihr die Eltern unter die Arme. Rücklagen könne sie aber nicht bilden.

Als wäre ein unsichtbarer Schalter umgelegt worden, verwandelte sich die großzügige Lounge-Atmosphäre des Studios binnen weniger Sekunden in eine einzige große Couch. Auf dieser Couch lag Deutschland. Das kalte, unsoziale Deutschland, versteht sich.

Nebel der Betroffenheit

Hatte Sabine Christiansen mit Themen wie "Später in Rente? Rettet das Deutschland?", "Deutschland bankrott? Euro in Gefahr?", "Kassen leer, Nerven blank – Regierung ratlos" oder, passend zur Weihnachtszeit, "Advent, Advent – die Kasse klemmt" ihre blechernen Tenor gefunden, so sucht Anne Will verständlicherweise etwas leisere Töne. Doch allzu leise dürfen sie nicht sein.

Wenn selbst Telekom-Chef Obermann, der gerade Tausende Angestellte entlassen hat, seine Betroffenheit über das Schicksal der unterbezahlten Callcenter-Mitarbeiterin bekundet, was soll dann noch SPD-Chef Beck sagen? Oder CDU-Ministerpräsident Rüttgers, laut Volksmund der "bekannteste Sozialdemokrat" Nordrhein-Westfalens? Gar Bischöfin Käßmann?

Wie schwerer Nebel legte sich das offensichtlich peinigende Exempel lähmend über die Diskussionsrunde, und wären nicht Kurt Becks parteipolitische Attacken in Sachen Mindestlohn auf Jürgen Rüttgers gewesen, der den barmherzigen Samariter der CDU gab, so hätte manch ein Zuschauer womöglich noch früher das wärmende Bett aufgesucht.

Einigkeit im Elend

Gewiss, Anne Will fragte nach, hakte ein, aber sie vermochte nicht, sich von dem gezeigten Fall zu lösen, Gegenbeispiele und Erfolgsgeschichten zu liefern, den Gesamtzusammenhang herzustellen, verschiedene Aspekte gegeneinander zu schneiden und Widersprüche unter den Diskutanten hervorzulocken. "Politisch denken, persönlich fragen" wolle sie, hieß es in den unzähligen Werbetrailern. Vielleicht wäre "Persönlich denken, politisch fragen" doch besser.

So blieb eine diffuse Einigkeit im Elend, ein vorweg genommener Volkstrauertag. Laues Mitgefühl statt klarer Analyse. Wohlfeile Bekundungen statt politischem Meinungsstreit.

Zuweilen kam eine bleierne Stille im Publikum auf, und auch die Talkprofis in der edlen beige-rot-braunen Runde hatten merkwürdig belegte Stimmen, mit Verlaub, fast so, als hätten sie Kreide gefressen. In diesen Augenblicken wünschte man sich von Herzen einen "neoliberalen Scharfmacher", der frischen Wind in die konsensselige Gemeinde hätte bringen können.

Gute Nachrichten? Nein, danke

Einzig René Obermann erinnerte die merkwürdig befangene Trauergesellschaft daran, dass die Bundesrepublik sich mitten in einem wirtschaftlichen Aufschwung befindet, der die Arbeitslosigkeit binnen zwei Jahren von 5,1 auf 3,8 Millionen reduziert hat. In Frankreich und weiten Teilen Europas gilt Deutschlands Entwicklung gar als Vorbild. Doch für gute Nachrichten rührte sich keine Hand im Studio.

Lieber zeigte man sich ein weiteres Mal betroffen, wenn es plötzlich um das "Burn-Out-Syndrom" von überforderten Ärzten, Lehrern und Topmanagern geht. Die verdienen nun wirklich mehr als genug, aber so ist es auch wieder nicht recht. Ihnen fehle, so Chefarzt Bernd Sprenger, das "innere Wertesystem".

Das scheint das Problem der Gesellschaft überhaupt zu sein. Ein Selbstbewusstsein, das kritisch ist und gerade deshalb jener deutschen Macht der Angst trotzt, die vor lauter – kranken – Bäumen den grünen Wald, vor lauter Problemfällen die große Chance nicht mehr sieht.

Daher unser bescheidener Appell an Schwester Anne: ein bisschen mehr Dampf, Tempo, Leidenschaft und Streit.

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22.10.2007 von samsonax:

Ihre Premiere fand ich beinahe exzellent, jedenfalls im Vergleich zu Sabine Christiansens "Politik für die Armen im Geiste". Aber Anne Will wird von Woche zu Woche schlechter. mehr...

16.10.2007 von Mittelfeldmotor:

Ja, Anne Will macht es immer besser! Vor allem hakt sie bei den dampfplaudernden Politikern richtig nach, rührt in der Wunde. Sehr gut! Bei Sabine Christiansen konnte doch jeder sagen, was er wollte. Sabine hat ihn/sie gewähren [...] mehr...

15.10.2007 von Schacht:

Genau das ist es, was mich ebenfalls ungeheuer stört, ich habe das auch schon mehrfach bekundet. Frau Will sollte sich entweder mehr an der Garderobe ihrer Vorgängerin orientieren und kniefreie Röcke tragen oder vielleicht [...] mehr...

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