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19.09.2007
 

US-Serie über New Orleans

Erst "Katrina", jetzt TV-Cops

Von Nina Rehfeld

Zu früh fürs Fernsehdrama? Schon vor dem Start war die im zerstörten New Orleans spielende Serie "K-Ville" höchst umstritten: Nur zwei Jahre nach "Katrina" degradiert der US-Sender Fox die Zerstörung einer ganzen Region zur Kulisse für eine müde Krimi-Handlung.

Es ist in den USA viel über die Taktlosigkeit diskutiert worden, die verwüstete Stadt New Orleans als Kulisse für eine Polizisten-Serie auszubeuten – womit man sich die Entrüstung allzu leicht machte. Immerhin ist es Aufgabe der Kunst, von Literatur und Theater, Fernsehen und Kino, die Dinge in einen Zusammenhang zu stellen, zu kommentieren und im Namen der Sinnstiftung erneut vor Augen zu holen. Doch auf welch schmalem Grat es dabei zu manövrieren gilt, zeigen einige amerikanische TV-Projekte aus der jüngeren Vergangenheit.

Promotion-Artwork für "K-Ville": Auf "Katrina" folgt Kalkül

Promotion-Artwork für "K-Ville": Auf "Katrina" folgt Kalkül

Als drei Jahre nach dem 11. September 2001 mit "Rescue Me" die erste Serie zur Tragödie ins Fernsehen kam, musste man Schlimmes befürchten, bestenfalls sentimentalen Kitsch. Stattdessen stürzte sich der Schauspieler und Autor Denis Leary mutig mitten in die Trümmer der Nachwehen und wagte es, darin zu verweilen. Leary scheute weder Tabus noch politische Taktlosigkeiten noch hemmungslose Emotionen bei der Erzählung seiner Geschichte um einen New Yorker Feuerwerhmann, dessen Leben nach den Angriffen aus den Fugen gerät, und der verzweifelt versucht, den Kollaps abzuwenden.

Das Gegenbeispiel folgte prompt. Beflügelt vom "Rescue Me"-Erfolg, wandte sich 2005 der Sender FX, eine Tochter von Fox, einem noch immer aktuellen Drama zu: dem US-Feldzug im Irak. Offenbar unter dem Eindruck, der Krieg könnte bald erfolgreich beendet sein, konzipierte Autor Steven Bosco ("NYPD Blue") die Geschichte einer Handvoll junger Rekruten, die ihr amerikanisches Alltagsleben zum Einsatz am Tigris verlassen. Doch mit der betonten Bemühung, keine politische Haltung einzunehmen, schoss man sich selbst in den Fuß: "Over There" geriet zum bemühten Schlaglicht auf das Leben der US-Truppen, die vor Ort immer tiefer in einem politischen Desaster versanken. Nach der ersten Staffel war Schluss.

Nun also "K-Ville", bei dem sich schon der Titel in einer Anmaßung vergaloppiert. Jonathan Lisco, der Produzent, will von einem entsprechenden Graffito auf einer Hauswand in New Orleans dazu inspiriert worden sein, doch unter den Bewohnern wird der Terminus, eine Verkürzung von "Katrina-Ville", offenbar nicht verwendet. Warum auch, wenn doch die Zerstörung und de schwierige Wiederaufbau ihrer Stadt für die meisten weit mehr als eine flotte Sprachfigur ist?

"K-Ville" war bereits im Vorfeld der Ausstrahlung so umstritten, dass Fox sich entschloss, die Pilot-Episode, die Anfang der Woche gezeigt wurde, vorab im Internet verfügbar zu machen, um Bedenken zu zerstreuen, dass es "sich um nichts weiter als den Wirbelsturm drehen würde", wie ein Sendersprecher der Tageszeitung "USA Today" sagte.

Kein Handlungsstrang ohne "Katrina"-Bezug

Das ist eine fast schon unverschämte Aussage über eine Serie, die jedes noch so kleine Details ihres Dramas aus der Wetter-Katastrophe und ihren Konsequenzen bezieht: Der Polizist Marlin Boulet (Anthony Anderson) muss mitten im Hurrikan hinnehmen, dass seinem Partner Charlie (Derek Webster) Elend und Schrecken über die Hutkrempe stiegen und er die Flucht wählte. Seinem neuen Partner Trevor Cobb (Cole Hauser) gegenüber ist Boulet entsprechend misstrauisch.

Nicht zu Unrecht: Cobb, der sich als Afghanistan-Veteran ausgibt, verbrachte die Tage nach dem Sturm in einem gefluteten Knast und geht nun dem Schwur seiner dunkelsten Stunden nach, sein Leben umzukrempeln, falls er den Horror überleben würde. Boulet und Cobb ermitteln in kriminellen Immobilienspekulationen und Korruptionsfällen, wie sie im Post-"Katrina"-New Orleans nur so blühen und gedeihen. Kein narrativer Nebenstrang ist ohne "Katrina"-Bezug: Boulets Frau ist mit der gemeinsamen Tochter nach Atlanta gezogen, weil sie in New Orleans keine Zukunft sieht, und hat so die Familie zerrissen. Die Kleine wiederum "weint jedes Mal, wenn es regnet", wie ihre Mutter erklärt.

All das wäre großer Stoff, wenn es nicht von historischer Vergesslichkeit und kleinlichem Hollywood-Kalkül durchsetzt wäre. Die "Katrina"-Katastrophe ist zu jung, um eine mittelmäßige Polizei-Serie wichtigtuerisch mit den Trümmern spielen zu lassen. Denn mehr kann "K-Ville" abzüglich des Schauplatzes nicht von sich behaupten: Von den einander unliebsamen Partnern, die auch noch verschiedener Hautfarbe sind, über minutenlange Autoverfolgungsjagden bis hin zu schleppend inszenierten Aha-Momenten der Ermittlung und Lokalfolklore aus dem Reiseführer (Gumbo! Voodoo!) wird hier an kaum ein Klischee ausgespart, die Stadt und ihre Tragödie geraten darüber zum bloßen Energiereservoir für genau das voyeuristische Drama, das die Macher so vehement von sich weisen.

Es mag am allgemein hohen Niveau amerikanischer Fernsehproduktionen liegen, dass "K-Ville" einen so schweren Stand hat. Doch wer sieht, wie FXs "The Shield" sich des harten Pflasters von Los Angeles' Straßen annimmt, wie HBOs "Deadwood" und "Rome" mit den Mythen des Wilden Westens und der Antike ins Gericht gehen, den packt bei "K-Ville" nur die Abscheu vor einem kalt kalkulierten Projekt, das sich frech alle Mühe gibt, den gegenteiligen Anschein zu erwecken.

Die Sache ist nicht ohne Ironie: Ausgerechnet Fox Entertainment-Chef Peter Liguori, der einst bei FX so kontroverse Stoffe wie "Rescue Me", "Nip/Tuck" oder "The Shield" auf Sendung gebracht hatte, gebar nun auch die Idee der Polizei-Serie in New Orleans. Doch sein Sender bestand auf einem gewissen Abstand von den allzu harten Realitäten und ließ, wie die "New York Times" berichtete, Lisco wissen, er möge das Ganze nicht allzu negativ inszenieren. "Ich kann das von einem Marketing-Standpunkt aus verstehen", sagte der Produzent der "Times", offenbar ohne den Zynismus seiner Aussage zu bemerken.

Nach den Worten von Hauptdarsteller Anthony Anderson pumpt die Serie pro Folge eine Million Dollar in die Stadt. Das könnte ein Argument für "K-Ville" sein. Doch es ist bloß ein faustischer Deal, wenn im Gegenzug die Würde einer Region im Namen von flachem Entertainment verhökert wird.

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