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27.09.2007
 

Sammlertreffen im Grand Hotel

Notbremse für die Kunst

Aus Zuoz berichten Nicole Büsing und Heiko Klaas

Um Inhalte geht es im internationalen Kunstzirkus längst nicht mehr. Sammler und Galeristen haben von dem ganzen Tamtam zunehmend die Nase voll. Im Schweizerischen Hotel Castell traf sich ein intimer Kreis zur Diskussion - und versorgte sich mit Geheimtipps.

Der Kunstmarkt boomt. Die Art Basel Miami Beach wird auch in diesem Dezember wieder zum Hot Spot des internationalen Kunst-Jet-Sets werden. Und auch die großen Auktionen in London und New York machen bereits im Vorfeld kräftig von sich reden. Wird es neue, spektakuläre Rekorde geben, oder erhält das Geschäft mit der Kunst, wie von einigen Kassandra-Rufern prophezeit, im Herbst 2007 einen kräftigen Dämpfer?

Aber geht es wirklich darum? Auktionsrekorde, hochstilisierte Kunstmarktstars und extravagante Partys an Hotelpools haben vielleicht etwas mit Lifestyle und Glamour zu tun. Doch letztlich sind es oberflächliche Phänomene. Dem Zürcher Künstler, Kunstsammler und Mäzen Ruedi Bechtler, 64, ist dieser Trend schon lange suspekt. Er wünscht sich, dass endlich die Kunst und ihre Inhalte wieder größere Beachtung finden. Für ihn hat Sammeln etwas mit Leidenschaft und nicht mit Investment zu tun. Bechtler setzt daher auf Entschleunigung. Und er kann der Kunstszene dafür einen idealen Ort anbieten.

Ihm gehört das Hotel Castell, ein auf 1800 Meter Höhe im Engadin gelegenes Alpenschloss, Baujahr 1912. Ausgestattet mit Kunst aus seiner Sammlung und behutsam und modern renoviert, ist das etwas andere Grandhotel seit seiner Wiedereröffnung 2004 zum Treffpunkt der Kunstszene geworden. Arbeiten von Pipilotti Rist, Angela Bulloch, Martin Kippenberger oder Carsten Höller begegnet man hier auf Schritt und Tritt. Und der "Skyspace" des amerikanischen Licht-Raum-Künstlers James Turrell, ein sinnliches Himmelsobservatorium etwas abseits vom Hauptgebäude, lohnt allein schon die etwas beschwerliche Anreise. Regelmäßig stattfindende Art Weekends mit namhaften Künstlern, Aktionen und Performances gehören hier zum festen Programm.

Unmittelbar vor dem heißen Kunstherbst fanden jetzt zum zweiten Mal die "Collector's Days" statt, eine von Bechtler zusammen mit dem Basler Kurator und Kritiker Daniel Baumann, 40, organisierte Veranstaltung, die Kunstsammler und Galeristen in lockerer und entspannter Atmosphäre zusammenbringen soll. Ruedi Bechtler: "Das Hotel ist ein Ort, der sich für einen vertieften persönlichen Austausch über eine längere Zeit sehr gut eignet."

Die neue Ernsthaftigkeit

Drei Tage lang traf man sich zum intensiven Reden über Kunst. Galeristen und Sammler stellten in Einzelvorträgen die Arbeiten ihrer interessantesten Künstler vor. Ein schickes Apple-Laptop nach dem anderen kam zum Einsatz, um kleine Diashows und kurze Filmchen vorzuführen. Es wurde interessiert geschaut und später auch nachgebohrt. Was soll an diesem oder jenem Künstler denn so einzigartig sein? Was ist daran Kunst, was reine Provokation, wenn der Bulgare Plamen Dejanoff einen handelsüblichen Porsche Cayenne, das Hassobjekt aller Klimaschützer, im Museum ausstellt?

Das aus Schweizern, Deutschen, Amerikanern, Mexikanern, Polen und Franzosen bunt zusammengewürfelte Publikum diskutierte teils heftig und kontrovers. Anonyme Künstlerkollektive, so war zu erfahren, schließen sich in letzter Zeit immer häufiger zusammen und firmieren unter fiktiven Namen wie Claire Fontaine, Reena Spaulings oder Bernadette Corporation. Müssen wir uns also langsam von der nostalgischen Vorstellung verabschieden, dass der Künstler immer eine reale Person ist? Daniel Baumann meint, ja und plädiert für ständige Offenheit und Neugier.

Die 47 Teilnehmer nehmen jeden Hinweis dankbar auf, besonders die Insider-Tipps. Welche neuen Talente hat etwa die Warschauer Trend-Galerie Foksal ausgespäht? Welche Künstler sammelt der Berliner Architekt Wilfrid Kühn? Was plant der Turiner Vorzeigegalerist Franco Noero? Der Italiener erzählt nicht ohne Selbstironie, dass er gerade ein Haus gekauft hat, das im Volksmund wegen seiner unmöglichen Maße nur "Die "Polentaschnitte" genannt wird. Ein spannendes Experiment: Künstler der Galerie werden auf allen neun Etagen Arbeiten installieren - dazwischen werden er und seine Familie wohnen.

Preise interessieren nicht

Ob die junge Galerie "The Store" aus London oder "Perros Negros" aus Mexico City - in allen Vorträgen wird eine unbedingte Leidenschaft für die Kunst spürbar, der Glaube an die eigenen Künstler, der Wille, sie fest im Kunstbetrieb zu verankern. Es geht tatsächlich um Inhalte. Das Erstaunliche: Nach Preisen wird an drei Tagen gerade zwei Mal gefragt. Teilnehmerin Cristina Bechtler, die selbst den kleinen, feinen Kunstverlag "Ink Tree Editions" in Zürich betreibt, ist von den "Collector's Days" begeistert: "Die jungen Galerien sind euphorisch und optimistisch", findet sie. "Vielleicht ist das eine romantische Haltung. Man bekommt hier das Gespür dafür, dass Künstler die Seismographen von gesellschaftlichen Prozessen sind. Das wird hier vermittelt. Ich mag den Idealismus, den man hier spürt."

Handfeste Kunstmarktfakten vermittelt dann Nadine Kriesemer vom Auktionshaus Sotheby's. Sie versucht schließlich die Frage zu beantworten, ob der Kunstmarkt in Kürze einen Crash erleben wird wie zuletzt 1990. Kriesemer hat viele Argumente dagegen. "Der Kunstmarkt ist heute kein monolithischer Block mehr", sagt sie. "Es gibt viele Teilmärkte." Kleine Minikorrekturen seien da viel wahrscheinlicher als ein großer Crash. Schließlich hat auch Daniel Baumann noch ein paar Geheimtipps für Einsteigersammler parat. Er hat im Internet die ungewöhnlichen Zeichnungen einer Psychiatriepatientin entdeckt. Modernistisches Mobiliar und Kostümentwürfe im Stil der Neuen Sachlichkeit - zu haben noch für einige Hundert US-Dollar. Auch dieser Name wird eifrig in das ein oder andere Notizbüchlein gekritzelt. Schließlich, so lernen die Teilnehmer, sollte jede gute Sammlung auch ihre Fremdkörper haben.

Zwangloser Austausch und angeregte Plaudereien machen für viele den Reiz der "Collector's Days" aus. Man erholt sich zwischendurch im stylish-designten Hamam, nimmt den Aperitif an Pipilotti Rists "Roter Bar" und trifft sich dann zum gemeinsamen Nachtmahl und Tischgespräch. Es geht schon wieder um Kunst, um gemeinsame Erfahrungen zu Hause und unterwegs. Alte Hasen und blutige Anfänger plaudern über die diesjährige Grand Tour und spannende neue Galerien.

Ruedi Bechtler ist mit der Veranstaltung zufrieden. Die ungefähre Zielgröße ist erreicht. Zwischen 50 und 60 Teilnehmer, das soll reichen. "Das soll hier intim bleiben", meint Bechtler in bester Schweizer Bescheidenheit. Und Daniel Baumann gibt zum Abschluss den Teilnehmern sein persönliches Credo mit auf den Weg: "Wenn du tief in die Kunst eintauchen willst, musst du deine Augen öffnen. Es reicht nicht, auf die großen Messen zu gehen. Geht an die besonderen, abgelegenen Orte, redet mit den Leuten, hakt nach, lest entsprechende Magazine."

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