Sonntag, 22. November 2009

Kultur



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04.12.2007
 

Gestörte Kommunikation

Die Sprechblasen der Kunstexperten

Von Stefan Schultz

Moderne Kunst ist oft abstrakt, die Beschreibung moderner Kunstwerke dafür Abstraktion im Quadrat: Wo klärende Worte hilfreich wären, stehen häufig Sprechblasen. Zwei Kasseler Sprachforscher fanden heraus, warum das so ist.

Über moderne Kunst zu sprechen, gleicht ein wenig dem Versuch, einen Pudding an die Wand nageln. Die hinter dem Kunstwerk stehenden Konzepte sind oft so abstrakt und vieldeutig, dass man sie nur schwer in konkrete Worte fassen kann.

Documenta-Leiter Buergel: "Schaumkronen und Formenschicksale"
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DPA

Documenta-Leiter Buergel: "Schaumkronen und Formenschicksale"

Hört oder liest man aber Sätze wie den folgenden, hat man das Gefühl, da versucht jemand, einen Pudding mit einem Pudding an die Wand zu nageln:

"Seine eigenständige, subjektive Bildsprache basiert auf einer strengen kompositorischen Bildsprache, die durch die vielschichtigen Grauwerte, die nur analoge Fotografie in dieser Intensität hervorbringen kann, eine ungeahnte Tiefe erreicht."

Mit diesem verschwurbelten Allgemeinplatz bewarben die Hamburger Deichtorhallen ihre Roger-Ballen-Ausstellung "Schattenkabinett".

Großmeister der Sprechblasen ist und bleibt aber der Documenta-Macher, Kritiker und Dozent Roger Martin Buergel. Von ihm stammt unter anderem dieses Bonmot:

"Ein zeitgenössisches Kunstwerk ist die Schaumkrone einer Welle, die von ganz weit her kommt."

Im Programm der 12. Documenta, deren künstlerischer Leiter Buergel war, geht dieser Satz beinah unter, bleibt Geistesblitz im Geistesblitz-Gewitter aus "Formenschicksalen", "autistischen Monaden" und "synthetisch-kaufhaustüchtiger Bildqualität".

Sprechblasen aus der Buergel-Maschine

Im Internet wird Buergel sogar mit einer eigenen digitalen Persiflage gewürdigt: Nutzer können dort ihre eigenen Bilder hochladen, sich einen Künstler- und Werknamen ausdenken und die sogenannte Buergel-Maschine anwerfen. Ein Zufallsgenerator deutet dann wortgewaltig das eigene Kunstwerk aus.

Unter der Buergel-Maschine prangt zum Beispiel ein Bild mit auf dem Kopf stehenden ins Negative verkehrten Menschen. Quer über ihre Torsos verläuft in roter Airbrush-Schrift das Wort "Tor". Das Werk, eingestellt von einem Nutzer namens Van der Börken, trägt den Titel "Die gelbe Muse". Interpretation der Buergel-Maschine:

"In naiver Überschätzung des Projektes der Moderne versucht Van der Börken, neue Bedeutungsebenen zu begründen und neue Formen der Organisation als Kanonisierungssystem zu zerreden. Mittelpunkt der ironischen Arbeit "Die gelbe Muse" ist die Schwarmintelligenz."

Die Kunst, über Kunst zu sprechen

Nur: Warum ist es eigentlich so schwierig, über Kunst zu reden? Warum steht dort, wo klärende Worte hilfreich wären, oft nur Kauderwelsch? Und: Sind Experten-Statements wirklich oft Sprechblasen oder fehlt dem Laien schlicht die ästhetische Auffassungsgabe, den nuancierten Beobachtungen eines Carsten-Nicolai- oder Gerwald-Rockenschaub-Kritikers zu folgen?

Sprachforscher Gardt, Warnke: "Sprachlich schwer vermittelbar"
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Andreas Gardt

Sprachforscher Gardt, Warnke: "Sprachlich schwer vermittelbar"

Die Kasseler Professoren Andreas Gardt und Ingo Warnke gingen diesen Fragen in einem Forschungsprojekt nach, unterstützt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und der Robert-Bosch-Stiftung.

Mit Methoden der Semantik sowie der Text- und Diskurslinguistik entschlüsselten die Professoren und ihre Studenten zahlreiche Kunstexperten-Interviews und -Essays auf Duktus und sprachliche Besonderheiten. Ergebnis: Kunst-Sprech ist oft deshalb schwer verständlich, weil er die Offenheit der Kunst stilistisch imitiert. Das klingt dann zum Beispiel so:

"Die Ausstellung oszilliert, hält sich unentschieden zwischen einer physischen, individualisierten Existenzweise und einem Sein in Gestalt eines gestreuten Verbundenseins innerhalb des Universums."

Besonders Buergel neige dazu, Fragen nie konkret zu beantworten, sondern "ein komplexes Spannungsfeld von Möglichkeiten aufzuzeigen". "Die Aussage etwa, die Documenta befasse sich zugleich mit der 'Zukunft der Menschheit' und der 'Existenz des Einzelnen' ist unendlich weit gefasst - und daher kaum nachvollziehbar", erläutert Warnke.

Allein mit Gespenstern unter der Sonne des Systems

Es sind diese sprachlichen Möglichkeitsräume, die die Kunstkritik oft unverständlich machen. So retten sich Kunstkenner, die sich nicht angreifbar machen wollen, gerne in vage Metaphern. Der Performance-Künstler Olaf Arndt schreibt beispielsweise in einem Bericht zum Projekt "Der gläserne Block" folgenden Satz:

"Ein klärender Blick durch den Glast der mächtigen Sonne des Systems oder hinter den nebelgrauen Vorhang, dorthin, wo die Geister der geheimen Dienste schweben, bleibt uns versagt."

"Wer so etwas liest, fühlt sich zwangsläufig eingeschüchtert", sagt Gardt. Schließlich lasse einen der Autor mit Gespenstern allein - und mit einer gleißenden Sonne, die einem den Schädel versengt. Der Leser bekommt ein verwirrendes Bild serviert, und dem Experten kann hinterher niemand nachsagen, er hätte das Kunstwerk falsch interpretiert.

Angst vor Bloßstellung hemmt Kommunikation

Doch auch das Publikum ist nicht ganz unschuldig daran, dass die Kommunikation über Kunst bisweilen entgleist. "Oft genug verschweigt der Zuschauer, dass er nichts versteht, um nicht als ungebildet dazustehen", sagt Gardt.

Um diese Hemmschwelle zu überwinden, machten die Sprachforscher auf der Documenta eine anonyme Umfrage. Ergebnis: 95 von 219 Befragten gaben an, sie hätten "kaum oder gar nicht" vom Leitfaden der Kunstausstellung profitiert - dabei soll gerade dieser den Zugang zur Ausstellung erleichtern.

Gardt findet das problematisch: Man müsse bedenken, dass die meisten Menschen sich Ausstellungen ohne breites Vorwissen anschauen. "Erklärende Worte steuern in diesem Fall ganz entschieden die Wahrnehmung des Betrachters. Wenn die Erklärungen ebenso unverständlich wie die Kunstwerke sind, ist das für alle Beteiligten ein unbefriedigendes Ergebnis."

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