Von Christian Buß
Der König der Samstagsabendunterhaltung residiert in seinem kleinen Reich am Ende der Welt und vertreibt sich den eintönigen Alltag, indem er sich farbenfrohe Gewänder aus aller Welt an den Hof bringen lässt. Nur manchmal, wenn Gesandte aus dem mächtigen Märchenreich Hollywood kommen, schreckt der Alte aus seinem Dämmerzustand auf. Dann stellen sich vor Freude seine Locken hoch, dann klimpert er kokett mit den Wimpern.

Gottschalk und Garner auf der Couch in Basel: Heranpirschen mit Hundeblick
Seit 20 Jahren regiert Thomas Gottschalk beinahe absolutistisch über das Reich der deutschsprachigen Samstagabendunterhaltung. Seinen Wirkungsbereich wagt ihm niemand abspenstig zu machen, die Konkurrenz baut ihre Termine bescheiden um die "Wetten dass ...?"-Sendungen herum. Emporkömmlinge, die doch die Machtübernahme versucht haben, scheiterten kläglich. Diese Selbstgewissheit hat bei Gottschalk längst zu einer ritualisierten Zeittotschlägerei geführt, die allenfalls durch den Besuch besagter US-Kinostars unterbrochen wird.
So war es auch gestern wieder im beschaulichen Basel. Nach dreimonatiger Abstinenz begann Gottschalk den Abend mit Sottisen über die freiwilligen und unfreiwilligen Rücktritte anderer Mediengestalten, von Stoiber über Christiansen bis Herman. So richtig warmgeredet hatte sich Gottschalk, gekleidet in ein lila Etwas mit Rüschen dran, als er die Vertreter aus Hollywood begrüßte.
Alleinherrscher und Autogrammjäger
Mit den Gästen aus Übersee ist das bei "Wetten dass ...?" ja so eine Sache: Die sehen immer benommen aus, so als wären sie aus dem Hubschrauber gestoßen worden; mit denen kann man eigentlich alles machen. Ein Situation, die Gottschalk stets für sich zu nutzen weiß. Diesmal umgarnte der deutsche Unterhalter die US-Schauspielerin Jennifer Garner, die mit ihrem Kollegen Jamie Foxx herübergejettet war, um das gemeinsame Kriegsepos "Operation: Kingdom" zu bewerben.
Als was zum Nachdenken bezeichnete Gottschalk - im Nebenberuf Filmkritiker beim Mini-Sender Tele 5 - den harten FBI-Schocker von Garner und Foxx, bei dem die Helden in einer gut halbstündigen Abfolge von Action-Sequenzen Saudi-Arabien in Schutt und Asche verwandeln. Egal, irgendwie musste er sich ja an Jennifer Garner heranpirschen. Einmal hätte er sie beinahe auf einer Premierenfeier angesprochen, berichtete Gottschalk der Umschwärmten mit bettelndem Hundeblick, dann habe er sich aber doch nicht getraut.
Der mächtigste Moderator im deutschen Fernsehen: eine Mischung aus Alleinherrscher und Autogrammjäger.
Doch so schnell sich Jennifer Garner in die Basler Halle runtergeseilt hatte, um ihren Interventionsschocker zu bewerben, so schnell seilte sich die Action-Actrice auch wieder ab. Sorry und farewell, der nächste Einsatz rief. Die Welt ist groß, Deutschland allenfalls mittelwichtige Provinz.
Paola Felix im Nylon-Nichts
Da saß Gottschalk dann wieder alleine mit seinen deutschsprachigen Gästen auf der Couch und musste dabei zusehen, wie sie ihm zielsicher den Restglamour zerredeten. Die beiden TV-Darsteller Suzanne von Borsody und Michael Mendl zum Beispiel, die ebenfalls irgendein Filmprojekt bewarben, referierten ein wenig Irres und irre viel Langweiliges über Gott und die Welt.
Noch effizienter demonstrierte das Ehepaar Paola und Kurt Felix, das nichts als sich selbst promotete, wie man mit atemberaubender Effizienz jeglichen schönen Schein tilgt: Sie hatte ein Nylon-Nichts an und wollte wohl zeigen, dass auch mit 57 noch Freizügigkeit erlaubt ist; er erzählte fünf Minuten lang, wie seine Frau sich das Ding angezogen und wie viele Strümpfe sie dazu anprobiert hatte.
Akkuratesse und Schnarchnasigkeit - irgendwie harmonierte das wunderbar mit den Wetten: Ein Bauer musste mit dem Auspuff seines Traktors fünf Bälle in drei Minuten in einen Basketballkorb lenken. Ein anderer Bauer wollte zehn Backsteine mit einem Gesamtgewicht von 30 Kilogramm 20 Sekunden gegen die Wand drücken. Und ein ganz Kecker versprach, innerhalb von zwei Minuten zweimal ein Dutzend Männer mit gummiglockenbesetzten Abflussreinigern zu treffen. "Pömpel-Dart" nannte er den Zeitvertreib.
Der müde König
Gottschalk sah sich all diese beflissenen Übungen, die man ihm und seinem Fernsehvolk zum Zeitvertreib darbot, gütig an. So richtig interessierte das aber offensichtlich nicht. Ungewöhnlich zielstrebig trieb er, der doch sonst so ausschweifend und hemmungslos in seinem Fernsehreich agierte, die Zeremonie voran und überzog die Sendung nur um 30 Minuten. Rekordverdächtig, für seine Verhältnisse.
Ja, der König ist müde geworden. Allein: Ein Thronfolger ist nicht in Sicht. Die TV-Zeitschrift "Gong" hatte unlängst eine Meinungsumfrage bei Forsa in Auftrag gegeben, wen man sich an Gottschalks Stelle als großen ZDF-Zampano vorstellen könnte. Gut ein Drittel wünschten sich Günter Jauch - immerhin. Für die Stellung eines Moderators mit absolutistischen Anspruch ist das allerdings immer noch eine bescheidene Zahl.
Im Zweiten wird daher wohl alles so bleiben wie bisher. Auf die nächsten 20 Jahre Thomas Gottschalk also! Und wenn er nicht gestorben ist, dann moderiert er da noch immer.
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