Von Timo Nowack, Dortmund
Konjunktur haben derweil vor allem die verlorenen alten Geräusche. Besonders interessiert daran sind Firmen, die ihre alten Werkhallen restaurieren und kulturell nutzen wollen, sowie Museen. So bekommt Ortmann viele Anfragen wie die vom Stadtmuseum Duisburg, das eine Klangkulisse für seine Abteilung "Stahlstadt" suchte. Ohne einen Blick ins Archiv erinnert sich Ortmann dann sofort, wie er vor vier Jahren bei Thyssen Krupp war, dass er 1984 Hafenatmosphäre aufzeichnete und dass er auch die Demonstrationen der Stahlarbeiter in Rheinhausen auf Band hat. Aufnahmen von Maschinen? Kein Problem.
Was die Töne aus seinem Archiv kosten, verrät er nicht. Ortmanns Angebot ist wertvoll, weil einzigartig. Nicht ohne Grund nennt sich der Geräuschexperte selbstbewusst "das akustische Gedächtnis des Ruhrgebiets". Denn aus den Kohlestaub-Tagen im Pott gibt es im Gegensatz zu Fotos und Filmen fast keine Tonaufnahmen. Und sieht man in einem Film einmal eine Maschine, macht meist ein Sprecher oder eingespielte Musik den Klang unbrauchbar.
"Niemand achtet auf den Ton", klagt Ortmann. "Ich will erreichen, dass er gleichzieht mit den visuellen Eindrücken. Schließlich haben wir auch Ohren am Kopf." Die Geräusche sind ihm wichtig. Selbst in seinem anderen Beruf, als Musiker und Jazz-Saxophonist, kommt er nicht davon los, komponiert Stücke mit dem Klang von Hammer und Kohlehobel.
Ein Lieblingsgeräusch hat Ortmann nicht. "Ich mag sie alle." Selbst den Knall der Sprengungen und den Krach der zusammenstürzenden Gebäude. Es schmerze ihn zwar, wenn ein Wahrzeichen platt gemacht wird, "aber das Geräusch an sich finde ich immer geil". Auch an neuen Ideen mangelt es ihm nicht. "Es gibt noch genug zu tun", sagt er und schaut auf einen kleinen Stapel mit Zeitungsausschnitten. "Hier zum Beispiel, ein Walzenschrämmlader, eine Maschine zum Kohleabbau - die muss ich unbedingt irgendwo finden", sagt der Tonarchivar. "Außerdem brauche ich dringend noch die Räder oben auf der Zeche, da hat mich noch niemand hoch gelassen."
Wenn Ortmann so redet, klingt er wie ein kleiner Junge, der sein Panini-Fußballalbum durchschaut und aufzählt, welche Klebebildchen ihm noch fehlen. "Ich habe immer noch nicht im Casino Hohensyburg aufgenommen und in der Mitte des Kamener Autobahnkreuzes auch noch nicht. Außerdem will ich unbedingt mal mit einem Navigationsgerät mit Ruhrpottdialekt fahren."
Von Richard Ortmanns Sammelleidenschaft sollen bald nicht mehr nur er selbst, Museen und Firmen profitieren, sondern alle im Ruhrgebiet. Denn wenn die Stadt Essen im Jahr 2010 stellvertretend für die gesamte Region den Titel Kulturhauptstadt Europas tragen wird, hat Ortmann seinen Anteil daran: Als die Jury den Ruhrpott unter die Lupe nahm und die Kohlenwäsche der Zeche Zollverein besichtigte, saß er in einem Seitengang am CD-Player und spielte die Töne ein. "Damit die vom Bergbau nicht nur wat sehen, sondern auch wat hören."
2010, meint er, sei aber wohl auch der richtige Zeitpunkt, um einen Schnitt zu machen. "Es ist gut, dass alle herkommen und sich das noch mal angucken. Vielleicht ist dann eine Grenze erreicht in der Beschäftigung mit dem alten Ruhrgebiet."
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