Von Reinhard Mohr
Jedem Diskutanten merkte man eine gewisse Befangenheit, vielleicht sogar ein wenig Scham an, eben jene "Betroffenheit", die zwar eine Menge Mitgefühl hervorbringt, oft auch bloße Heuchelei, aber das scharfe und zugleich abgewogene, nüchterne Nachdenken nicht unbedingt fördert.
Denn Denken hat viel mit Abstraktion zu tun, mit Verallgemeinerungsfähigkeit, mit der Reflexion von Widersprüchen und systematischer Konsequenz – also dem puren Gegenteil jenes Wahns, man müsse nur den Mann oder die Frau auf der Straße fragen, um zu wissen, wie die Realität aussieht und wie sie zu bessern wäre.
Auch auf dem weißen Talkshowsofa bleibt ein – womöglich noch so schlimmer – Fall zunächst ein Einzelfall. Erst die hochgerechnete Summe aller Einzelfälle, ihre Gewichtung und Bewertung im gesellschaftlichen und ökonomischen Zusammenhang erlaubte ein einigermaßen aussagekräftiges, auch moralisch begründetes Urteil.
Ein solches Vorgehen freilich ist ebenso komplex wie kompliziert und eignet sich wenig für die manichäischen Entweder/Oder-Talkshow-Titel à la "Rendite statt Respekt".
Den Mann auf der Straße fragen? Blödsinn!
Es ist wahr, das intellektuell anspruchsvolle Gespräch findet nur in den seltensten Fällen im Fernsehen ein Zuhause. Aber der Versuch, Gedanken zu formulieren, auch wenn sie nicht am unmittelbaren Schicksal eines Betroffenen im Fernsehstudio anknüpfen oder ihm gar widersprechen, sollte doch möglich sein.
Man stelle sich nur einmal vor, "Sicko"-Regisseur Michael Moore wäre für einen Sonntag Wills Redaktionsleiter und träfe die Betroffenenauswahl zum Thema "Unser Gesundheitssystem – lieber tot als teuer?" Jede Wette, der Mann fände im Handumdrehen seine Skandalfälle auch im sozial rundum versorgten Deutschland. Aber würde man so der Wahrheit wirklich näher kommen?
Oder beim Thema Afghanistan: Zwei schwer kriegsversehrte, traumatisierte Soldaten auf dem weißen Sofa genügten, um jedem Befürworter des Bundeswehreinsatzes am Hindukusch den Mund zu stopfen. Im unmittelbaren Angesicht eines schrecklichen Einzelschicksals blamiert sich jedes strategische Argument, und sei es noch so begründet.
Genau an dieser Stelle lauert die Versuchung des Populismus. Wer da nicht mitmachen will, gerät schnell ins Abseits, wie man es vielleicht am Beispiel des SPD-internen Machtkampfs zwischen Kurt Beck und Franz Müntefering gerade studieren kann.
Wehe auch dem, der einer Betroffenen eine unbequeme Frage stellt. Etwa eine junge Frau aus Marzahn, 20 Jahre alt, alleinerziehend, nach einer kurzen Ausbildung nun in einem prekären Job. In "Berlin direkt" beschwerte sie sich kürzlich über ihren Arbeitgeber, der sie nicht weiterbeschäftigen will, und über den Staat, der ihr nicht ausreichend helfe. Und wer hätte nicht Verständnis für ihre schwierige Lage?
Doch wer wagte es denn überhaupt, sie zu fragen, ob sie mit dem Kind nicht noch ein bisschen hätte warten können? Ein Sturm der Entrüstung bräche los: Eine Unverschämtheit, das sei doch wohl allein die Entscheidung der betroffenen jungen Frau!
So lernen wir immer wieder: Der Hinweis auf die eigene Verantwortung und die Risiken des selbst bestimmten Lebens ist brutal, neoliberal und unsozial.
Denn der Betroffene, der Betroffene, der hat immer Recht.
Vielleicht hört jetzt sogar Münte die frohe Botschaft und meldet sich bei der nächsten passenden Talkshow als Betroffener zu Wort. Thema "Mobbing – wenn der Chef zur Qual wird".
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