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Talkshow-Verflachung Der Betroffene hat immer recht. Oder?

2. Teil: Man stelle sich nur einmal vor, "Sicko"-Regisseur Michael Moore wäre für einen Sonntag Wills Redaktionsleiter

Jedem Diskutanten merkte man eine gewisse Befangenheit, vielleicht sogar ein wenig Scham an, eben jene "Betroffenheit", die zwar eine Menge Mitgefühl hervorbringt, oft auch bloße Heuchelei, aber das scharfe und zugleich abgewogene, nüchterne Nachdenken nicht unbedingt fördert.

Denn Denken hat viel mit Abstraktion zu tun, mit Verallgemeinerungsfähigkeit, mit der Reflexion von Widersprüchen und systematischer Konsequenz – also dem puren Gegenteil jenes Wahns, man müsse nur den Mann oder die Frau auf der Straße fragen, um zu wissen, wie die Realität aussieht und wie sie zu bessern wäre.

Auch auf dem weißen Talkshowsofa bleibt ein – womöglich noch so schlimmer – Fall zunächst ein Einzelfall. Erst die hochgerechnete Summe aller Einzelfälle, ihre Gewichtung und Bewertung im gesellschaftlichen und ökonomischen Zusammenhang erlaubte ein einigermaßen aussagekräftiges, auch moralisch begründetes Urteil.

Ein solches Vorgehen freilich ist ebenso komplex wie kompliziert und eignet sich wenig für die manichäischen Entweder/Oder-Talkshow-Titel à la "Rendite statt Respekt".

Den Mann auf der Straße fragen? Blödsinn!

Es ist wahr, das intellektuell anspruchsvolle Gespräch findet nur in den seltensten Fällen im Fernsehen ein Zuhause. Aber der Versuch, Gedanken zu formulieren, auch wenn sie nicht am unmittelbaren Schicksal eines Betroffenen im Fernsehstudio anknüpfen oder ihm gar widersprechen, sollte doch möglich sein.

Man stelle sich nur einmal vor, "Sicko"-Regisseur Michael Moore wäre für einen Sonntag Wills Redaktionsleiter und träfe die Betroffenenauswahl zum Thema "Unser Gesundheitssystem – lieber tot als teuer?" Jede Wette, der Mann fände im Handumdrehen seine Skandalfälle auch im sozial rundum versorgten Deutschland. Aber würde man so der Wahrheit wirklich näher kommen?

Oder beim Thema Afghanistan: Zwei schwer kriegsversehrte, traumatisierte Soldaten auf dem weißen Sofa genügten, um jedem Befürworter des Bundeswehreinsatzes am Hindukusch den Mund zu stopfen. Im unmittelbaren Angesicht eines schrecklichen Einzelschicksals blamiert sich jedes strategische Argument, und sei es noch so begründet.

Genau an dieser Stelle lauert die Versuchung des Populismus. Wer da nicht mitmachen will, gerät schnell ins Abseits, wie man es vielleicht am Beispiel des SPD-internen Machtkampfs zwischen Kurt Beck und Franz Müntefering gerade studieren kann.

Wehe auch dem, der einer Betroffenen eine unbequeme Frage stellt. Etwa eine junge Frau aus Marzahn, 20 Jahre alt, alleinerziehend, nach einer kurzen Ausbildung nun in einem prekären Job. In "Berlin direkt" beschwerte sie sich kürzlich über ihren Arbeitgeber, der sie nicht weiterbeschäftigen will, und über den Staat, der ihr nicht ausreichend helfe. Und wer hätte nicht Verständnis für ihre schwierige Lage?

Doch wer wagte es denn überhaupt, sie zu fragen, ob sie mit dem Kind nicht noch ein bisschen hätte warten können? Ein Sturm der Entrüstung bräche los: Eine Unverschämtheit, das sei doch wohl allein die Entscheidung der betroffenen jungen Frau!

So lernen wir immer wieder: Der Hinweis auf die eigene Verantwortung und die Risiken des selbst bestimmten Lebens ist brutal, neoliberal und unsozial.

Denn der Betroffene, der Betroffene, der hat immer Recht.

Vielleicht hört jetzt sogar Münte die frohe Botschaft und meldet sich bei der nächsten passenden Talkshow als Betroffener zu Wort. Thema "Mobbing – wenn der Chef zur Qual wird".

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insgesamt 75 Beiträge
kowalim 18.10.2007
richtig so. betroffene in talk-shows sind so sinnvoll wie angehörige bei einer operation: störend, ablenkend und den blick aufs wesentliche verstellend
Zitat von sysopBetroffenheit, das klingt nach siebziger Jahren und Sitzblockaden. Jetzt sitzt der Betroffene plötzlich wieder auf allen Stühlen - seit "Anne Will" auch in den politischen Talkshows. Die Konfrontation mit persönlichen Schicksalen entzieht jedem Diskurs die nötige Schärfe. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,512069,00.html
richtig so. betroffene in talk-shows sind so sinnvoll wie angehörige bei einer operation: störend, ablenkend und den blick aufs wesentliche verstellend
stauner 18.10.2007
Betroffene stören die Elite nur, wenn sie die "Erfolge ihrer Reformen" beschreibt. Die meisten Betroffenen haben ihrer Meinung nach eh keine Ahnung und sollten sich besser nicht zu dem äussern, was die Elite über ihre [...]
Betroffene stören die Elite nur, wenn sie die "Erfolge ihrer Reformen" beschreibt. Die meisten Betroffenen haben ihrer Meinung nach eh keine Ahnung und sollten sich besser nicht zu dem äussern, was die Elite über ihre Köpfe hinweg beschliesst. Betroffene! Ein Horrorszenario! Da sehnt sich die Elite nach Christiansen zurück, als die INSM- und Versicherungsvertreter sich noch die Klinke unbetroffen in die Hand geben konnten und sicher sein konnten, dass die blonde Sabine ihnen die richtigen Stichworte zuwirft.
frietz 18.10.2007
das nächste mal bitte die ironietags nicht vergessen betroffene müssen sein. es ist lächerlich genug, wenn politiker oder wirtschaftsbosse mit chauffeur, steuerfreibeträgen und gehältern jenseits von gut und böse über h4 [...]
das nächste mal bitte die ironietags nicht vergessen betroffene müssen sein. es ist lächerlich genug, wenn politiker oder wirtschaftsbosse mit chauffeur, steuerfreibeträgen und gehältern jenseits von gut und böse über h4 diskutieren
PatNick 18.10.2007
sollen dabei sein. Dann besteht zumindest ansatzweise die Chance, dass die Obermänner dieser Welt einen kleinen Einblick in die Lebenswirklichkeit ihrer outgesourcten Mitarbeiter bekommen. Gleiches gilt für die Polikerkaste. [...]
sollen dabei sein. Dann besteht zumindest ansatzweise die Chance, dass die Obermänner dieser Welt einen kleinen Einblick in die Lebenswirklichkeit ihrer outgesourcten Mitarbeiter bekommen. Gleiches gilt für die Polikerkaste. Und auf das Argument des Autors, dass sich dann niemand mehr traut, unpopuläre Thesen zu vertreten, kann ich nur sagen, dann hat der- oder diejenige ihr Metier verfehlt. Allerdings bedarf es natürlich mehr Courage, diese Thesen Betroffenen ins Gesicht zu sagen als sie im Raumschiff Bundestag oder Chefetage zu beschließen.
Perleberger 18.10.2007
Was denn nu - hat der Autor Angst, dass er seine berufsmäßige persönliche Betroffenheit mit großem Trara und heißen Luftblasen der mainstream-medien-Meinung nun nicht mehr exklusiv vermarkten kann? Ein bisschen Rerührung mit [...]
Zitat von sysopBetroffenheit, das klingt nach siebziger Jahren und Sitzblockaden. Jetzt sitzt der Betroffene plötzlich wieder auf allen Stühlen - seit "Anne Will" auch in den politischen Talkshows. Die Konfrontation mit persönlichen Schicksalen entzieht jedem Diskurs die nötige Schärfe.
Was denn nu - hat der Autor Angst, dass er seine berufsmäßige persönliche Betroffenheit mit großem Trara und heißen Luftblasen der mainstream-medien-Meinung nun nicht mehr exklusiv vermarkten kann? Ein bisschen Rerührung mit der Realität von vielen Millionen in diesem unserem Lande und dass es tatsächlich Menschen gibt, die weniger zum Lebensunterhalt im Monat haben als zwei aus diesen Talkrunden an einem Abend auf "Geschäftskosten" steuersparend beim Nobel-Italiener ausgeben - unerträglich? Wenn die nicht Geld für Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen, aber um Gottes willen nicht durch ihre Anwesenheit das unerträgliche Talkshow-blabla stören?
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