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18.10.2007
 

Anish Kapoor in München

Blutrote Apokalypse auf Schienen

Von Jenny Hoch, München

Ein Klotz aus Wachs und Vaseline fährt durchs Haus der Münchner Kunst, schabt sich ab an den Durchgängen. Mit dieser spektakulären Installation weckt der Bildhauer Anish Kapoor unheimliche Assoziationen zur Nazi-Vergangenheit des Hauses.

Im Universum des Anish Kapoor gibt es viele schwarze Löcher. Noch viel zahlreicher sind allerdings die gelben, roten oder weißen. Sie scheinen unendlich tief und saugen den Betrachter förmlich in sich hinein. Seine konkaven oder konvexen Gebilde stellen die Welt auf den Kopf: Im Spiegel der blankpolierten Oberflächen erkennt der Betrachter sich und den Raum verzerrt wieder und weicht schwindelnd zurück. Schimmernde Edelstahl-Spiegel schlängeln sich durch den Saal und lassen die Ordnung von Zeit und Raum aus den Fugen geraten. Biomorphe Formen strotzen vor Vitalität, eine phallische Marmorblüte oder ein durchsichtiger Acrylblock, in dessen Innerem ein Planetensystem zu kreisen scheint, lassen Platz für eigene Assoziationen.

Die Kunst des 1954 in Mumbai geborenen Bildhauers scheut das Spektakuläre nicht. Seine Skulpturen sind oft von monumentalem Ausmaß, tonnenschwer und - das betont er selbst immer wieder - sie stehen in der Tradition des Erhabenen, allen voran den Gemälden Caspar David Friedrichs. Dennoch, und das ist die Kunst des Turner-Preisträgers, bleiben sie stets dem menschlichen Maßstab verpflichtet und haben keinerlei Hang zum Autoritären oder rein Spektakelhaften. Das zeigt die große Einzelausstellung, die das Münchner Haus der Kunst ab heute dem inzwischen international gefragten Künstler widmet, einmal mehr.

"Svayambh" heißt die beeindruckende Installation, die das Zentrum der Schau bildet und mit der Kapoor sich unmittelbar mit der Monumentalarchitektur des im Dritten Reich erbauten Museums auseinandersetzt. Der Titel der Arbeit ist aus dem Sanskrit angeleitet und bedeutet so viel wie "von einem selbst erzeugt".

Schleimige Spuren im Nazi-Bau

Dieses "Svayambh" ist ein 20 Tonnen schwerer Klotz aus einer rot eingefärbten Wachs-Vaseline-Mischung, der sich auf Schienen im Millimetertempo durch die Längsachse des Ostflügels des Museums bewegt. Der Clou an diesem riesenhaften Perpetuum Mobile ist, dass es eigentlich zu groß für die zwei Durchgänge ist, durch die es hindurch muss. Dadurch wird kontinuierlich Schicht für Schicht der schmierigen Masse abgeschabt, die sich endmoränenartig an den Rändern des Gleissystems und der Türstöcke ablagert.

Das Szenario der Apokalypse ist überwältigend: Der Block wird gewaltsam durch die architektonischen Gegebenheiten des Gebäudes geformt. Der Raum macht ihn sich untertan, das Objekt schreibt sich mit blutroten Ablagerungen in das Museum ein. Dazu kommen orts- und geschichtsspezifische Assoziationen: Der Klotz wird zum rohen Stück Fleisch, zur namenlosen Opfermasse, die mit dem Zug ins Verderben gefahren wird. Die Verbrechen der Deutschen im Dritten Reich kleben als schleimige Spuren an den Mauern des Nazi-Gebäudes, das nach Plänen des "ersten Baumeisters des Führers", Paul Ludwig Troost kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten erbaut wurde.

Das Thema des gewaltsamen Eingriffs variiert Kapoor an anderer Stelle: Ein meterlanger Schlitz, dessen Inneres obskur bleibt, zieht sich senkrecht an einer Wand entlang. Offene Wunde oder sexuelle Metapher? Vermutlich beides auf einmal.

Gelbe Sonne der Apokalypse

Die Arbeit mit Farbpigmenten steht bei Kapoor seit den siebziger Jahren im Vordergrund. Vor allem in frühen Werken offenbart sich darin die Suche nach der eigenen Identität. In "To Reflect an Intimate Part of the Red" von 1981 etwa, stellt Kapoor, der als junger Mann zum Kunststudium nach London kam, Bezüge zu seinem Geburtsland Indien her: Objekte, die an Schmuckelemente indischer Tempel oder buddhistischer Stupas erinnern, überzog er mit stark deckendem, leuchtendem Pigmentpulver in rot und gelb.

Beim Rundgang durch die Ausstellung ergeben sich immer wieder überraschende Blickachsen und verwirrende Spiegelungen. Die Arbeit "Yellow", eine konkave Ausbuchtung an der Wand, scheint als riesige gelbe Sonne über den blutrot verschmierten Gleisen unterzugehen. Wenn sich der Wachs-Vaseline-Klotz hinein schiebt, wird der Bild-Ausschnitt zur monochromen Fläche.

Gemeinsam ist allen Objekten Kapoors das Spiel mit der Wahrnehmung. Trotz ihres Minimalismus wirken sie niemals hermetisch verschlossen, sondern offen zugänglich und mit positiver Energie aufgeladen - ohne in irgendeiner Form esoterisch oder ethnisch beseelt daherzukommen. Sie laden den Betrachter ein, stellvertretend für Alice ein modernes Wunderland zu betreten und damit zum Akteur auf Kapoors Bühne zu werden. Dieser Effekt ist kein Zufall: Der Künstler hat unter anderem das Bühnenbild für Peter Sellars' "Idomeneo"-Inszenierung gestaltet und bespielt regelmäßig den Stadtraum, unter anderem in New York, mit theatralisch anmutenden Skulpturen.

Kapoors Werke haben buchstäblich ein Echo. Es verändert sich, je nachdem, wie weit man sich den Objekten nähert. Dabei ist es ganz erstaunlich, wie mühelos sich die Wand-Ausbuchtungen und -Löcher, sowie die Boden-Skulpturen in dem wuchtigen Nazibau behaupten. Es würde auch nicht weiter auffallen, wenn einem hier die Grinsekatze oder gar Humpty Dumty aus Lewis Carolls "Alice im Wunderland"-Büchern begegnen würde. Denn Anish Kapoor ist zwar ein Konzeptkünstler, aber einer mit Phantasie und gutem Karma.


"Anish Kapoor. Svayambh", Haus der Kunst München, bis 20. Januar. Im Dezember erscheint im Prestel-Verlag ein Begleitbuch, 39,80 Euro

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