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29.10.2007
 

Im Materiellen

Alles außer Geld

Von Ilka Kreutzträger

Nur ein Viertel der Künstler kann von ihren Werken leben. Trotzdem hat die Kulturbranche keine Nachwuchssorgen. Warum eigentlich nicht?

Wer am Theater arbeitet, kann sich bewundernder Blicke sicher sein. Nicht für die Leistung auf oder hinter der Bühne, sondern allein für die Tatsache, am Theater zu sein. Ebenso wie jemand mit einer erlesenen, langen Bücherwand in einem Wohnzimmer ohne Fernseher von Besuchern erst mal ein anerkennendes Nicken geschenkt bekommt. Denn wer sich mit Kultur umgibt, der gehört zu einer glamourösen, illustren Welt. Jedenfalls theoretisch.

Arbeiten in der Kulturbranche: Der Lohn ist Respekt und Bewunderung
Illustration: Eva Muggenthaler

Arbeiten in der Kulturbranche: Der Lohn ist Respekt und Bewunderung

Wer sicheres Geld verdienen möchte, sollte sich von dieser Branche möglichst fernhalten. Freischaffende Maler, Schriftsteller, Tänzer, Sänger, Schauspieler haben laut Künstlersozialkasse im vergangenen Jahr durchschnittlich rund 900 Euro im Monat verdient. Nur ein winziger Bruchteil der Künstler schafft einen Durchbruch wie der Leipziger Maler Neo Rauch oder die Schauspielerin Fritzi Haberlandt. Im Jahr 2006 haben der Deutsche Kulturrat, die Universität Bonn und die Gewerkschaft Ver.di eine Studie vorgelegt, nach der zum Beispiel gerade mal 27 Prozent der bildenden Künstler von ihren Werken leben können. Die ersten Rufe nach einem Mindestlohn für Kulturschaffende gab es bereits, ein Indiz für die überwiegend misslichen Arbeitsverhältnisse.

Abhalten lässt sich jedoch kaum jemand, sein Glück in Museen, Theatern und Konzertsälen zu suchen, für einen kleinen Lohn bei einer Filmproduktion Überstunden zu machen, unentgeltlich Wände von Galerien für die nächste Ausstellung zu weißen oder beispielsweise für 600 Euro im Monat ein Volontariat im Museum zu absolvieren - und das häufig mit abgeschlossenem Studium in der Tasche und obwohl der Deutsche Museumsbund für ein Volontariat einen Monatslohn von 1408 Euro empfiehlt. "Wir sind die Branche, die am meisten wächst, aber mit prekären Beschäftigungsverhältnissen", sagt Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, über die Kulturschaffenden. Zu viele drängen auf den Markt, die Bezahlung gehe immer weiter nach unten, und die ohnehin schon schlecht Entlohnten ließen sich immer weiter herunterhandeln, weil sonst ein anderer ihren Job übernehmen würde. "Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem die Menschen nicht mehr von ihrer Arbeit leben können", sagt Zimmermann.

In einem Gutachten der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Mindestlohn in Deutschland heißt es, dass knapp 24 Prozent der Vollzeitangestellten im Bereich Kultur, Sport und Unterhaltung zu Niedriglöhnen arbeiten, also weniger als 1700 Euro brutto im Monat verdienen. Der Durchschnittsdeutsche verdient 2700 Euro brutto im Monat. In der Gastronomie liegen mehr als 70 Prozent unter dem Durchschnittseinkommen, in der Metallindustrie nur 3,4 Prozent.

Die Forderung nach einem Mindestlohn in der Kulturbranche scheint nicht abwegig, auch wenn es für eine derart vielfältige Branche individuellere Lösungen als eine pauschale Lohnuntergrenze geben müsse, sagt Heinrich Bleicher-Nagelsmann, Bundesgeschäftsführer des Verbands deutscher Schriftsteller. Es wollen einfach zu viele im Kulturbereich arbeiten, die sich dann gegenseitig auf den Füßen stehen. Sie wollen rein in eine Branche, die ihnen gesellschaftliche Anerkennung und schlechte Bezahlung zugleich verspricht.

Diese schizophrene Werteverteilung prägt den Kulturbetrieb, was vor allem in der Popmusikbranche und der Filmindustrie deutlich wird. Einerseits werden Musiker und Schauspieler bewundert, bejubelt, beneidet, andererseits scheint ihre Arbeit den Fans wenig wert zu sein. Warum sonst ziehen die Menschen sich Raubkopien von Alben jener Musiker, die sie großartig finden? Die Künstler sollen begeisternde Kunst machen, aber Geld soll es bitte nicht kosten.

Berlin Mitte ist von einer vitalen Künstlerszene geprägt, von Malern, Schriftstellern, Musikern, die für ihre Berufung leben. Von ihrer Berufung kann allerdings ein Drittel der Kulturschaffenden nicht leben, nicht einmal das Existenzminimum ist drin. Schauspieler trifft es noch ärger: Für 85 Prozent reichen die Gagen nicht aus. Durchschnittsverdienst einer Schauspielerin: 725 Euro im Monat. Künstler und Kulturschaffende halten sich durch die Unterstützung der Familie, durch Stipendien, befristete Werkverträge, Preisgelder oder Nebenjobs über Wasser. Eine Art Kombilohn, wenn man so will. Geringer Lohn plus private Subventionierung, Hartz IV oder einem Zweitjob als Klavierlehrer, Kartenabreißerin im Kino, T-Shirt-Bedrucker, Stadtführer in historischem Kostüm inklusive Schauspieleinlagen oder als Kulissenschieberin und Putzfrau im Theater.

Was die Arbeit der Kulturschaffenden von anderen Berufsgruppen unterscheidet, ist nicht nur die vage Möglichkeit des schnellen Aufstiegs, des potentiellen Ruhms und Glamours, sondern vielmehr der traditionell niedrige Verdienst. Viele Kulturschaffende sind zwar Selbständige, waren aber als solche lange nicht anerkannt. Sie waren weder kranken- noch rentenversichert und fielen durchs soziale Netz, zu gering ihr Verdienst. Um ihnen ein gewisses Maß an sozialer Absicherung zu gewähren, wurde 1983 die Künstlersozialkasse gegründet, ein in Europa einmaliges Modell. Wort, bildende Kunst, Musik, darstellende Kunst - wer in einem dieser Bereiche auf Dauer seinen Lebensunterhalt verdient, kann sich heute wirtschaftlich absichern. 3900 Euro Jahreseinkommen ist die absolute Untergrenze, die ein Kreativer verdienen muss, um in Deutschland ein staatlich anerkannter und versicherter Künstler zu sein. Nach oben sind natürlich keine Grenzen gesetzt.

Wer in der Bar des Theaters Bier oder Rotwein verkauft, ist auch schon irgendwie in der Branche tätig.

Vom monatlichen Verdienst zahlen die versicherten Künstler Beiträge, ähnlich denen der Arbeitnehmer - die andere Hälfte teilen sich die sogenannten Verwerter wie Galerien oder Verlage und der Staat. Gibt ein Bildhauer an, die Untergrenze von 325 Euro monatlich zu verdienen, dann zahlt er um die 65 Euro und ist damit renten-, kranken- und pflegeversichert. Zum Vergleich: Für alle anderen gesetzlich versicherten Selbständigen, die wenig verdienen, wird von einer fiktiven Mindesteinnahme von 1840 Euro ausgegangen, die als Grundlage für die Berechnung des Krankenkassenbeitrags angenommen wird. Wer nicht mindestens diese 1840 Euro verdient, kann von der Selbständigkeit nicht leben. Richtig. Aber für Künstler gelten eben andere Regeln.

Wenn ein Übersetzer im Monat 1000 Euro verdiene, sei das natürlich absolut unangemessen, und daher werde derzeit über Möglichkeiten verhandelt, diese Misere zu beenden, sagt Bleicher-Nagelsmann, Ver.di-Bereichsleiter Kunst und Kultur. Aber wäre das Künstlerdasein nur ein einziger finanzieller Engpass mit der vagen Chance auf den großen Durchbruch, wäre die Zahl der freischaffenden Künstler, die bei der Künstlersozialkasse gemeldet sind, in den vergangenen 15 Jahren nicht von 58 460 auf über 152 000 angewachsen.

Was macht also den Beruf des Künstlers wirklich so attraktiv, was wiegt das Krebsen am Existenzminimum denn eigentlich auf? Der französische Soziologe Pierre Bourdieu nennt es ein Mehr an kulturellem und sozialem Kapital. Ein Dazugehören zu einer illustren Gruppe. "Ich bin Maler" klingt deutlich glamouröser als "ich bin Sachbearbeiter".

Um dabei sein zu können, muss, ganz pragmatisch, die Tür zur Künstlerwelt aufgestoßen werden. Wer zu Hause als Illustratorin arbeitet und nebenbei in einem Kinderbuchverlag an der Rezeption sitzt, hat die Möglichkeit, einflussreiche Freunde oder Förderer kennenzulernen, in die wichtigen Kreise hineinzukommen, vielversprechende Zufallsbekanntschaften in feste Beziehungen zu verwandeln und im rechten Moment die eigenen Illustrationen über den richtigen Tisch zu schieben.

Wer in der Bar des Theaters jahrelang Bier und Rotwein verkauft, ist auch schon irgendwie in der Branche tätig, das strahlt ab, und man hat zudem jeden Abend aufs Neue die Chance, entdeckt zu werden. Das ist zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber auch der Chansonnier und Schauspieler Tim Fischer hat jahrelang im Theater gekellnert und kann heute von seiner Kunst leben. In der Kulturbranche hängt vieles von Zufällen und forcierten Zufällen ab. Wer einmal raus ist, dem verschließen sich schnell die Türen, darum nehmen viele die geringen Löhne in Kauf. So veröffentlichen Comic-Zeichner ihre Zeichnungen schon mal umsonst oder verkaufen Maler ihre Bilder so günstig, dass sie davon nicht mal ihren Atelierplatz finanzieren können.

Der Weg raus aus der Kulturbranche wäre für viele gleichbedeutend mit dem Weg raus aus der finanziellen Not. Aber ohne die Kunst wäre auch der zweite Nebenverdienst weg: die bewundernde Aufmerksamkeit. Der Applaus nach dem Konzert, der Respekt für das Vorhaben, einen Roman zu schreiben, der Genuss, bei der Vernissage im Mittelpunkt zu strahlen - auch wenn nur 20 Freunde vor der Bühne stehen, das Manuskript noch keinen Verlag hat und die Vernissage in einer Arztpraxis stattfindet.

Geld ist eine Währung. Die andere Währung heißt Aufmerksamkeit und ist in der narzisstischen Gesellschaft mindestens so wichtig wie der Euro. Und wo sonst, wenn nicht in der künstlerischen und alltagsfernen Kulturbranche, wird mit so viel Respekt, Aufmerksamkeit und Jubel bezahlt? Diese Aufmerksamkeit scheint das Künstler-Ego mehr zu befriedigen als ein geregeltes Einkommen.

Ist die Bezahlung in dieser immateriellen Währung also so gut, dass eine Jazzsängerin monatelang komponiert, probt und sich dann ins Studio stellt, um vom Label 6000 Euro pauschal für ihr Album zu bekommen, wovon sie noch die Produktionskosten bezahlen muss? Nein, dafür reicht selbst der erwartete Jubel als Lohn nicht aus. Dafür muss in einer dritten Währung bezahlt werden: der Selbstverwirklichung. "Die künstlerische Selbstverwirklichung und die Arbeit ohne feste Strukturen ist für viele Künstler wichtiger als der monatliche Verdienst", sagt Bleicher-Nagelsmann.

Kultur ist kein Handelsgut wie jedes andere. Denn wer sich als Künstler versteht, der macht nicht nur einfach einen Job, der erfüllt einen psychologischen Auftrag: seinem Leben einen sichtbaren und nachhaltigen Sinn zu geben. Die eigenen Phantasien zu einem Kulturgut zu machen. Wenn die staatliche Kulturförderung von einem auf den anderen Tag enden würde, würde es Galerien und Theater sicherlich weiterhin geben, weil die Arbeit hier mehr bedeutet als der Job für die monatliche Miete. Hier geht es um etwas Größeres, um etwas, das über den Einzelnen hinausreicht: um die Unsterblichkeit. Ein Spitzenverdienst für die Künstlerseele.

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