Von Peer Schader
Wie lange kann man ein und dasselbe nacheinander senden, ohne dass sich die Zuschauer irgendwann satt sehen? Der Erfolgssender Vox meint: Fünfeinhalb Stunden müssten schon drin sein. So lange dreht sich an diesem Donnerstag im Programm alles ums Essen und Kochen – wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung.
Um 18 Uhr läuft das Magazin "Wissenshunger", anschließend gibt's von Profikoch Steffen Henssler in "Ganz und gar Henssler" Rezepttipps, und um 19 Uhr folgt der Quotenhit "Das Perfekte Dinner", mit dem Vox am Vorabend regelmäßig größere Sender wie ProSieben und Sat.1 aussticht. Um zehn vor acht geht’s weiter mit gestressten Köchen in "Unter Volldampf". Und weil’s so schön ist, schiebt Vox gleich noch zur besten Sendezeit die neue Show "Kocharena" hinterher, in der Hobbyköche am Herd gegen Stars wie Johann Lafer und Tim Mälzer antreten müssen. Nachher entscheidet eine Jury um Reiner Calmund, wer das bessere Gericht auf den Teller gebracht hat.
Mit Kochen ist Vox erfolgreich geworden. Sehr erfolgreich. Noch immer meldet der Sender Monat für Monat Rekorde bei den Marktanteilen: Im Oktober erreichte Vox den Bestwert von 8,7 Prozent bei den 14- bis 49-jährigen Zuschauern und setzt sich damit deutlich von seinen direkten Konkurrenten Kabel 1 und RTL II ab. Kein Wunder, dass Vox-Geschäftsführer Frank Hoffmann neulich bereits andeutete, er fühle sich mit seinem Sender quasi schon der "ersten Liga" zugehörig.
Doch so langsam sorgt das Dauergebrutzel bei den Zuschauern für Ermüdungserscheinungen: Tim Mälzers im August gestartete Show "Born to Cook" war zwar unterhaltsam, hat sich aber beim Publikum nicht durchsetzen können. "Ich glaube, dass wir den Zuschauer mit der ungewöhnlichen Dramaturgie der Sendung überfordert haben", sagt Vox-Chefredakteur Kai Sturm zu SPIEGEL ONLINE in Anspielung auf den etwas chaotischen Eindruck, den das Durcheinandergekoche hinterließ. Nach gutem Start schalteten beim letzten Mal nur noch etwas mehr als eine Million Zuschauer ein, in der Zielgruppe reichte es gerade einmal für 6,3 Prozent Marktanteil.
"Tims Team": Ganz und gar vom Tisch
Vor ein paar Monaten wäre das für Vox ein solides Ergebnis gewesen – jetzt ist es zu wenig. Dem Medienmagazin "DWDL" sagte Senderchef Hoffmann kürzlich: "Vox ist an einen Punkt gelangt, wo 8 Prozent Marktanteil auf vielen Sendeplätzen nicht mehr genug sind." Das ist auch Steffen Henssler, der Mälzers werktäglichen Sendeplatz am Vorabend übernommen hat, zum Verhängnis geworden. Weil "Ganz und gar Henssler" seit Mitte Oktober kein einziges Mal über dem Senderschnitt lag (sondern im Durchschnitt bloß bei 7,5 Prozent), hat Vox die Produktion weiterer Folgen aussetzen lassen – für den Sender ungewöhnlich schnell nach nur zwei Wochen.
Ob "Ganz und gar" zurückkommt? Unwahrscheinlich. Bis Dezember sind alle vorproduzierten Shows gezeigt, danach verlängert Vox "Wissenshunger" auf eine Stunde, um die Lücke zu schließen. "Wir müssen uns genau überlegen, wie wir am Vorabend weiter machen wollen", sagt Sturm. "Da stellen wir uns auch die Frage: Gibt es überhaupt noch Platz für eine klassische Kochshow, bei der jemand in einer Küche steht und zeigt, wie man ein Gericht zubereitet?" Mit Henssler wolle Vox aber in jedem Fall weiter zusammenarbeiten.
Ganz vom Tisch scheint dafür die Koch-Dokusoap "Tims Team", bei der Mälzer mit einer Reihe arbeitsloser Köche ein eigenes Restaurant eröffnen wollte. Die Dreharbeiten sind seit der Ankündigung vor eineinhalb Jahren immer wieder verschoben worden. Und derzeit steht Mälzer nicht zur Verfügung, weil er auf Tour ist. Chefredakteur Sturm formuliert es vorsichtig: "Das Projekt liegt auf Eis."
"Der Mensch muss jeden Tag essen"
Es ist kein Absturz, den Vox da mit seinen Kochshows erleidet, aber dennoch ein unübersehbares Zeichen, dass bei den Zuschauern langsam die Übersättigung einsetzt. Das liegt auch daran, dass längst andere Sender den Trend aufgegriffen haben. Das ZDF zeigt "Kochen bei Kerner" seit kurzem in der Wiederholung auch am Mittag, bei RTL ist "Rach, der Restauranttester" ein Star, und der Männersender Dmax hat ab sofort immer donnerstags das britische Original "Gordon Ramsay – Chef ohne Gnade" im Programm (21.15 Uhr).
Vielleicht war es ein Fehler, dass Vox in dieser Saison konsequent alle Sendungen aus dem Vorabend getilgt hat, die nicht zum Thema passten – so wie die Einrichtungssoap "Wohnen nach Wunsch". Nach dem schwierigen Start mit Henssler gibt es nun Überlegungen, künftig vielleicht doch wieder Abstand von der durchgehenden Programmierung rund ums Essen zu nehmen. Alternativen hat man beim Sender bisher jedoch völlig vernachlässigt. Nach Flops wie der Hunde-Castingshow "Top Dog" im vergangenen Jahr war der einzige Neustart der vergangenen Wochen, der nichts mit Kochlöffeln zu tun hatte, "Mein Traumhaus am Meer" – allerdings am Sonntag gegen 23 Uhr.
Vox-Chefredakteur Sturm bleibt gelassen: "Ich glaube nicht, dass das Thema Kochen überstrapaziert werden kann – der Mensch muss jeden Tag essen und am liebsten macht er das mit Genuss. Dafür soll Vox weiterhin stehen."
Dagegen sagt ja auch keiner was. Vor allem nicht, wenn dabei so charmante Sendungen wie "Das perfekte Dinner" entstehen, die mit einer Prise Humor ein Treffen völlig fremder Menschen ermöglichen, die dem Zuschauer dann auch noch einen Blick ins Private ermöglichen. So unaufgeregt und heiter ist das deutsche Fernsehen sonst selten und der Erfolg des Programms hochverdient. Aber ein Sender, der sich trotz guter Ideen immer nur auf ein- und demselben Thema ausruht, wird es auf Dauer schwer haben. Das hat zuletzt Sat.1 leidvoll erfahren müssen, als man sich dort zu sehr ins Telenovela-Fieber hineinsteigerte.
Wenn Vox es wirklich in die erste Liga schaffen soll, muss der Sender jetzt noch einmal richtig Dampf machen. Und bitte schön nicht nur heiße Luft produzieren.
"Die Kocharena", 8., 11., 15. und 18. November jeweils um 20.15 Uhr bei Vox
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