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09.11.2007
 

Fichtners Tellergericht

Gepfefferte Buchstabensuppe

Von Ullrich Fichtner

Wer sich mal richtig den Appetit verderben will, sollte sich das neue Buch von "Foodwatch"-Chef Thilo Bode über den agro-industriellen Komplex einverleiben. Seine kritischen Thesen überwürzt er zwar - aber wer gutes Essen mag, schätzt es nach dieser Lektüre um so mehr.

Kaum aus China zurück habe ich meinen Magen mit Milchbrötchen wieder beruhigt und mit Lust in dicke Scheiben Knoblauchwurst gebissen, aber leider fand ich bei meiner Rückkehr im schönen, schläfrigen Europa auch gleich wieder ein Buch in meinem Poststapel vor, dessen Thesen künftig meine Alpträume bevölkern werden.

Verbraucherschützer Bode: Klein-Greenpeace des sauberen Essens
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DDP

Verbraucherschützer Bode: Klein-Greenpeace des sauberen Essens

Thilo Bode hat es geschrieben, er ist der Chef von "Foodwatch", einem kleinen Verein, der sich Verbraucherrechtsorganisation nennt, es ist eine Art Klein-Greenpeace des sauberen Essens und insofern unbedingt zu unterstützen. Bei einem privaten Dinner in Berlin habe ich Herrn Bode mal kennengelernt und hatte ihn eigentlich als humorvollen Zecher in Erinnerung, aber sein Buch, "Abgespeist", ist nun rein gar nichts für Freunde der heiteren Lektüre. Es ist ein Brandbrief auf die Zustände unseres Lebensmittelmarkts und seiner kriminell-mafiösen Strukturen bis hinauf in höchste Regierungskreise.

Ehrlich, ich meinte insgeheim, so einigermaßen, im Groben, im Bilde zu sein über die monströse Architektur der Nahrungsindustrie und ihrer Agenturen, aber Bodes Buch hat mich eines Besseren belehrt. Ich hatte in Wahrheit wenig Ahnung von der bösen Macht etwa der "Centralen Marketing Gesellschaft der Agrarwirtschaft", die uns ständig mit ihren peinlichen Slogans à la "Anmachtipps rund ums Grillen" belästigt. Ich wusste nicht viel über die industrielle Geheimloge namens "Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde", und ich muss sagen, dass ich erst durch die Lektüre von "Abgespeist" zum ersten Mal verstanden habe, wie das krude System des agro-industriellen Komplexes funktioniert.

Cumarin-Zimtstern, Nitrofen-Pute und Acrylamid-Rösti

Dies gesagt, muss ich aber gleich davor warnen, das Werk auf die Weihnachts-Wunschliste für Onkel Franz und Tante Helga zu setzen. Es ist ein arg dickes Brett, über manche Strecken zu detailverliebt und so dröge, dass man sich oft beim Abschweifen ertappt und lieber von einem Schinkenbrot träumen würde, als sich diese aufklärerische Zumutung weiter bieten zu lassen. Denn Bode möchte partout nicht unterhalten. Er möchte die Welt verändern. Und er listet alle Gründe dafür auf, dass es besser wäre, sofort damit zu beginnen.

Nichts bleibt unerwähnt, was uns in den vergangenen Jahren nicht schon ausreichend beschäftigt hätte. Gammelfleisch und Cumarin-Zimtstern, Nitrofen-Pute und Acrylamid-Rösti flanieren durch die Seiten wie alte Bekannte, nur bekommt man sie hier erstmals von A bis Z durchbuchstabiert und auf die einschlägigen Gesetzeslücken oder die von der Lobby diktierten Verordnungen zurückgeführt. Es ist deshalb ein wichtiges, aufregendes Buch.

Es folgt im Grundsatz der Logik, dass für die Lebensmittelherstellung dieselben Kriterien gelten müssten wie für jedes andere Industrieprodukt. Aber das ist eben nicht der Fall. Bode argumentiert zum Beispiel, dass es sich kein Autohersteller leisten könnte, seine Fahrzeuge mit löchrigen Bremsschläuchen auszuliefern mit dem Argument, die Teile stammten nicht von ihm, sondern von einem Zulieferer. Beim Essen hingegen gilt dieses Prinzip: Der Metzger, der seine Weißwurst aus weltweit eingekauften Billig-Zutaten zusammenpanscht, kann nicht belangt werden, wenn hinterher der Wurstdarm aus China längst angegammelt war.

Wie ein magenkranker Marxist

Es gibt viele solcher Beispiele im Buch, die Augen öffnend sind, auch die Bio-Branche bekommt ihr Fett weg, was Bodes Vortrag nur umso glaubwürdiger macht. Aber es gibt auch Einwände, und ich hätte zwei: Zum einen hört sich bei Bode vieles so an, als seien wir die ohnmächtigen Opfer einer großen Verschwörung, an diesen Stellen simplifiziert er das komplexe Getriebe der Marktwirtschaft doch sehr und klingt wie ein magenkranker Marxist.

Zum anderen, und da wird das Buch teils populistischer als die ganze Linkspartei, schont er die einzelnen Verbraucher doch allzu sehr, lobt ihren "vernünftigen Geiz" und er blendet durchgängig alle weichen, kulturellen Aspekte des Essens aus, obwohl sie sehr wohl zum Rettenden gehören könnten und nicht bloß nebensächlicher Zierrat sind. Anders gesagt: Nur wer gern isst, wird auch gut essen wollen. Wem diese – emotionale – Grundlage fehlt, dem wird auch Bodes Buch völlig schnurz sein. Oder besser: Wurscht.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!


Thilo Bode, "Abgespeist", S. Fischer, 14,90 Euro

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insgesamt 4 Beiträge zum Forum...
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09.11.2007 von Jochen Kissly: Geiz ist auch hier geil

Meine Bekannten haltn mich für verrückt weil ich mir z.B. ein Olivenöl für 16€/Ltr. leiste, und nicht das billige Pflanzenöl für weniger als einen €*vom Discounter. Dafür darf dass synthetische Motoröl für deren Auto durchaus [...] mehr...

09.11.2007 von sieghartpaul: man ist was man isst !

Ach Herr Fichtner, wenn das Leben doch so einfach währe. Essen ist doch Kultur, oder ? Kultur wird doch von der Gesellschaft geprägt, oder ? Also auch das Essen hängt mit der Kultur zusammen und die Kultur wird durch die [...] mehr...

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