Berlin – Im ersten Jahr durften die Gefangenen im US-Internierungslager Guantanamo Bay auf Kuba nicht schreiben, Papier und Stifte waren untersagt. Abdurraheem Muslim Dost, ein pakistanischer Schriftsteller, der fast drei Jahre in dem Camp eingesperrt war, tat es trotzdem: Er ritzte kurze Gedichte mit Hilfe von Steinchen in Styroporbecher. Diese ließ er dann von Zelle zu Zelle wandern, am Ende des Tages landeten die Verse jedes Mal auf dem Boden eines Mülleimers.
"Was für eine Art Frühling ist dies / wo es keine Blumen gibt und / die Luft von erbärmlichem Gestank erfüllt ist", lautet sein später rekonstruiertes "Cup-Poem I". Das zweite ist noch kürzer: "Handschellen ziemen sich für mutige, junge Männer / Armreifen sind für alte Jungfern und hübsche, junge Frauen".
Die meisten Gedichte sind schlicht
Beide Gedichte sind in einem schmalen Band enthalten, den der US-Anwalt Marc Falkoff im August in den USA veröffentlichte. "Poems from Guantanamo" heißt er, und es sind 22 lyrische Texte von 17 Häftlingen darin. Die Gedichte variieren stylistisch und inhaltlich erheblich. Auch was die literarische Qualität angeht, gibt es Schwankungen. Allerdings keine allzu großen: Die allermeisten der Gedichte sind schwach; nur aus einem, höchstens zwei oder dreien spricht eine gewisse Begabung.
Allerdings mag dieser Eindruck ungerecht sein. Denn erstens sind alle Gedichte ins Englische übertragen und nicht im Original nachvollziehbar. Und zweitens haben ausgerechnet anonyme Spezialisten der US-Armee die Verse übersetzt – nur eine der Absurditäten in der Geschichte dieses Bandes.
Sie beginnt im November 2004, als Falkoff und einige Kollegen zum ersten Mal Zugang zu dem Lager und ihren Mandanten erhalten. Sie sind schockiert von den Zuständen, dem System von Strafen und unmenschlicher Behandlung. Und davon, dass sie nicht vernünftig arbeiten können – nichts darf nach draußen dringen aus dem Knast in der Karibik.
25.000 Zeilen konfiszierte Lyrik
Dann jedoch wird Falkoff von einem seiner Mandanten ein Gedicht zugesandt. Später erfährt er von einem zweiten Dichter in "Gitmo". Falkoff befragt befreundete Anwälte, und tatsächlich; sie kennen weitere Fälle. Guantanamo, eine Lyrik-Werkstatt? Eine Idee wird geboren: Wenigstens die Gedichte sollen gesammelt werden und veröffentlicht werden, eine Anthologie entstehen.
Doch das Pentagon hat natürlich Einwände gegen das Vorhaben: Was, wenn die Texte geheime Codes enthalten? Bedingungen werden diktiert: Die Gedichte dürfen nicht in der Originalsprache erscheinen. Sie werden zensiert. Und sie werden von Linguisten des Pentagon übersetzt.
Diese Maßgaben sind der Hauptgrund dafür, dass Falkoffs Band so schmal geraten ist: Die 22 Texte sind die einzigen, die die Zensur passierten. Sie sind nur ein winziger Teil des Gesamtfundus', denn Falkoff stellte fest, dass sehr viele Insassen auf Guantanamo ihre langen Tage mit Poesie zu verkürzen versuchen. Dost allein verfasste in seiner Gefangenschaft auf Kuba 25.000 Zeilen Lyrik, die das US-Militär sämtlich konfiszierte.
PR-Erfolg des Pentagon?
Was nun erscheinen durfte, hat deshalb vor allem symbolischen Wert. Oder hat es nicht einmal den?
Dan Chiasson, der das Buch für die "New York Times" rezensierte, fand, es sollte im Untertitel nicht etwa "Die Insassen sprechen" heißen, sondern "Das Pentagon spricht". Denn dem US-Verteidigungsministerium sei es gelungen, die Publikation in eine PR-Maßnahme umzumünzen. Indem es den Eindruck entstehen lasse, die Häftlinge würden so gut behandelt, dass sie sogar gegen die USA wettern dürften. Zudem, so Chiasson, seien die meisten Gedichte schlicht zu schlecht, um etwas Besonderes über Guantanamo aussagen zu können: Sie seien größtenteils "so konventionell, dass sie zu jedem Zeitpunkt der Geschichte von jedem geschrieben worden sein könnten, der an irgendetwas litt."
Zum Teil stimmt das. Die gebetsähnlichen Beschwörungen von Gottvertrauen etwa, die der Band enthält, sagen wenig mehr aus, als das der jeweilige Verfasser ein gläubiger Muslim ist.
Die Sammlung entfaltet trotzdem ihre Wirkung. Es gibt zwei rote Fäden, die sich durch fast alle Texte ziehen: Das Unvermögen, etwas gegen die ungerechte Behandlung auszurichten. Und die Trauer über die Trennung von der eigenen Familie.
Die meisten Dichter sind keine Terroristen
Natürlich will man sich nicht von den Emotionen eines Terroristen einnehmen lassen. Aber viele der in dem Band versammelten Autoren waren eben mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Terroristen, sondern gehörten zu jenen Unglücklichen, die gegen Kopfgeld an die USA verkauft wurden und gegen die bis heute keine Anklage erhoben wurde. Das geht aus den dankenswerterweise mitgelieferten Kurzbiographien der Dichter hervor. Nur acht Prozent der Insassen wird vorgeworfen, zu al-Qaida zu gehören; nur fünf Prozent der Männer wurden von den USA selbst gefangen genommen; und weniger als die Hälfte wird beschuldigt, "feindliche Akte" gegen die USA begangen zu haben.
Läse man diese Kurzbiografien hintereinander vor – die Wirkung wäre vermutlich genau so groß wie die einer Lesung der Gedichte.
Das ergreifendste Gedicht stammt von dem 33 Jahre alten Bahreiner Jumah al-Dossari, der insgesamt zwölf Mal versuchte, sich in Guantanamo Bay das Leben zu nehmen. Es heißt "Todesgedicht":
Nehmt mein Blut
Nehmt mein Totengewand und
die Überreste meines Körpers
Macht Fotos von meinem Leichnam am Grab, einsam
Schickt sie an alle Welt
Zu den Richtern und
Zu den Menschen, die ein Gewissen haben
Schickt sie an die mit Prinzipien und die Wohlgesinnten
Und lasst sie die schuldige Bürde tragen
dieser unschuldigen Seele
Lasst sie die Bürde tragen, vor ihren Kindern und der Geschichte
Dieser verschwendeten, schuldlosen Seele
Dieser Seele, die gelitten hat durch die Hände der "Beschützer der Freiheit"
Diese sehr persönliche und subtile Anklage hat vielleicht doch die Kraft, etwas Spezifisches über Gunatanamo Bay auszusagen. Sicherlich mehr jedenfalls als der eher öde, dafür aber umso aggressivere Polit-Rap "Terrorist 2003": "America sucks / America chills // While d'blood of d'Muslims is forever getting spilled".
Letztlich sind solche Kontrapunkte aber nur folgerichtig: In Gitmo sitzen ja auch völlig verschiedene Menschen ein. Man kann ihre Behandlung kritisieren, ohne sich gleich mit jedem von ihnen identifizieren zu müssen. Und vielleicht sagt es ja auch etwas aus, dass gerade die Autoren, deren Gedichte am meisten zum Leser sprechen, nicht unbedingt die sein müssen, mit denen er sich solidarisch erklären möchte.
Dass der Kulturanthropolge Flagg Miller die Gedichte noch ausführlich in den Kontext der arabisch-muslimischen Dichtung einordnet, ist gut gemeint und kenntnisreich - aber angesichts dieser übergeordneten Fragen völlig unnötig.
Was also ist "Poems from Guantanamo"? Literarisch ist das Büchlein unterm Strich uninteressant. Es politisch auszuschlachten ist - nicht zuletzt deswegen - kaum möglich; das ist aber auch nicht nötig. Denn längst liegen genügend Biographien von Ex-Gefangenen vor, deren Anklagen konkreter und detaillierter sind.
Am ehesten taugt der Band wohl schlicht und manchmal ergreifend dafür, sich in Erinnerung zu rufen, dass die Gitmo-Häftlinge Menschen sind.
Und dass dieses Lager noch immer besteht.
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