Im Jahre 1959 kostete eine Maß Bier auf dem Münchener Oktoberfest eine Mark und neunzig Pfennig. Gyros, Döner, Falafel und Sushi waren noch unbekannt; wer eine Alternative zur Bockwurst suchte, hatte nicht viel Auswahl: Bratwurst oder Schaschlik. Man lebte auf engem Raum zusammen, zwei, drei Generationen unter einem Dach, dennoch brach der Babyboom alle Rekorde. Die Kinder, die damals auf die Welt kamen, wurden auf Namen wie Michael, Thomas, Sabine und Petra getauft. Kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, seinen Sohn Kevin oder seine Tochter Rachel zu nennen. Oder nach Mallorca zu fliegen. Und niemand ahnte, dass die sechziger Jahre dramatische Ereignisse mit sich bringen würden: den Mauerbau und die Mondlandung, den Prager Frühling und den Mord an John F. Kennedy.
Heute, fast ein halbes Jahrhundert später, werden über die Sechziger Seminararbeiten geschrieben, Ausstellungen organisiert und – Dokumentationen produziert.
Es gab in den letzten Wochen nur selten einen Grund, abends daheim zu bleiben und dem Fernsehen den Vorzug zu geben. Heute ist es so weit. Die ARD rehabilitiert sich und zeigt den ersten Teil der sechsteiligen Serie "Unsere 60er Jahre – Wie wir wurden, was wir sind" von Michael Wulfes. Es ist die Fortsetzung der Serie über die fünfziger Jahre, die vor zwei Jahren mit großem Erfolg gezeigt wurde, hergestellt vom selben Team nach denselben Regeln.
Ganz normale Menschen, die sich artikulieren können, erzählen ihre Geschichte. Und weil das Ganze im Fernsehen und nicht im Radio stattfindet, werden die Originaltöne mit dokumentarischen Aufnahmen illustriert, stehenden oder bewegten Bildern aus dem Alltag der Sechziger. Das ist schon alles. Aber so wie es gemacht wurde, ist man bereit, der ARD kurzfristig einige ihrer schlimmsten Sünden zu verzeihen: "brisant" am Nachmittag, die Volksmusik-Orgien am Abend und die Daily Soaps dazwischen.
Da ist Barbara K., die es nach dem Krieg in ein Dorf in Baden-Württemberg verschlagen hat, wo sie von Onkel und Tante aufgenommen wurde. "Ich war am Ziel meiner Träume", sagt sie, "ich war glücklich" – obwohl sie mit weniger auskommen musste als ein Sozialhilfeempfänger heute. Jürgen W. wuchs bei Pflegeeltern in Brandenburg auf, gestandenen Kommunisten, die ihren eigenen Sohn im KZ verloren hatten. Er träumt von einem "Leben voller Abenteuer", während er zum Traktoristen in einer LPG ausgebildet wird.
Dirk K. wurde von seiner Mutter in dem Glauben erzogen, sein Vater sei in Gefangenschaft gestorben. Aber der ehemalige Gestapo-Chef wurde als Kriegsverbrecher hingerichtet. Wenn er mitbekommen hätte, dass sein Sohn sich ausgerechnet in eine russische Jüdin verliebt und sie heiratet, wäre er vor Gram und Wut gestorben.
Dino machte sich mit 17 auf den Weg aus den Abruzzen in den Norden, seine Mutter wollte ihn nicht gehen lassen. "Ich habe keine Kinder geboren, damit sie Knechte werden." Und Hans Jakob H. hätte gerne Germanistik und Romanistik studiert, musste aber Ingenieur werden, um den väterlichen Betrieb, eine Stahlkocherei, übernehmen zu können. Ruth K. arbeitete als Entwicklungsingenieurin in einem technisch-physikalischen Labor, eine "Vorzeigefrau" unter lauter Männern, die nach Erdöl und Erdgas suchten.
Die Zeit von Twist und Tanzhalle
Sechs Protagonisten, sechs Geschichten, die miteinander verknotet werden. Im Grunde nichts Spektakuläres, nichts, das eine Einladung zu Beckmann oder Kerner rechtfertigen würde. Leben in seiner banalsten Form, von Schicksalsschlägen abgesehen. Barbara K. bringt ein behindertes Kind zur Welt, sie wusste nicht, dass sie schwanger war, als sie Contergan einnahm.
Es war die Zeit, als Jugendliche glaubten, man könnte vom Küssen Kinder bekommen, als bei jedem zweiten Paar, das heiratete, schon etwas unterwegs war, als Frauen noch mit Frauen tanzten, weil nicht genug Männer da waren und als der Twist die Tanzhallen eroberte, eine Körperübung, die "als Ventil für unterdrückte Sexualität" diente.
Man war prüde, die Pille gab es nur für Verheiratete, Homosexualität nur im Verborgenen. Dafür brummte die Konjunktur, eine Reise in den Harz oder an die Ostsee galt als Luxus, es gab keine Drogen-, Gleichstellungs- und Integrationsbeauftragten. Man könnte sagen: Das Leben war mühsam aber vielversprechend. Es fällt auf, mit welcher Heiterkeit die "Zeitzeugen" erzählen, dass sie nicht klagen und nicht jammern. Schon möglich, dass Erinnerung wie ein Filter funktioniert, der nur Feines durchlässt, möglich ist aber auch, dass Menschen Herausforderungen brauchen, um Glück erleben zu können.
Es war doch nicht alles schlecht in den Sechzigern.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
| alles zum Thema Televisionen | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH