Von Reinhard Mohr
Am Sonntag ist zweiter Advent, und alle machen sich bald wieder auf in die Welt, um Weihnachten zu entgehen oder wenigstens vorher schnell Sonne und Wärme zu tanken. Verena fliegt nach Fuerteventura, Juliane düst nach Thailand, Laos und Kambodscha, Christiane nach Vietnam, und Thea jettet kurz nach New York, bevor es dann nach Malle geht. Eine kleine authentische Auswahl aus der Reality-Serie "Wenn Männer einparken müssen und Frauen zu oft fliegen". Harte Arbeit liegt hinter allen, und sie haben es verdient. "Das kauf ich euch ab", würde Olli Dittrich dazu sagen.
Zu Hause aber bleibt der gelbe Sack. "Wenn Joghurtbecher Ernst machen", hieß der dramatisch-launige Untertitel zur gestrigen Ausgabe von "Hart aber fair". "Ökostreber Deutschland" lautete die Anklage, die Verteidigung übernahm die grüne Abgeordnete Bärbel Höhn.
"Was war noch mal die Frage?", wollte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel, inzwischen selbst unterwegs zur Klimakonferenz in Bali, von Moderator Frank Plasberg schon mal wissen. Die Zuschauer wussten es auch nicht recht. Ging es nun um die Eintrittswahrscheinlichkeit der prognostizierten Klimakatastrophe oder um die innere Logik des "Grünen Punkts"? Wollte man über "typisch deutsches" Musterschülerverhalten diskutieren oder über die Auswirkungen des Klimawandels in Afrika? Sollte über pragmatische Lösungen geredet werden oder über vergangene Hysterie-Anfälle in Sachen Waldsterben, Rinderwahn und Vogelgrippe?
Infohäppchen und Umfragen unterm Heizpilz
Mer waases net, sagt der Hesse und hat recht damit. Schon die theatralisch inszenierte Dunkelheit im Studio zu Beginn der Sendung war ein Signal. Aber kein gutes. Frank Plasberg geriert sich immer mehr als Zirkusdirektor, als technologisch aufgerüsteter Diskurs-Dompteur, der die Runde im Studio wie die Zuschauer draußen im Lande mit allerlei Gags und Gimmicks, Einspielfilmchen, Jingles und affektiertem Knopfdrücken bei Laune halten will. Wir haben da mal eine Frage, Herr Plasberg: Können Sie Ihre Gesprächspartner auch mal ausreden lassen, ohne wie ein Teilnehmer von "Späte Jugend forscht" ständig mit ihren dollen Infohäppchen und Umfragen unterm Heizpilz Eindruck schinden zu müssen?
Gestern Abend jedenfalls haben wir uns dabei ertappt, dass wir immer mal wieder kurz rüber geschaltet haben zum HSV nach Zagreb und zum 1. FC Nürnberg, der am Ende noch gegen AZ Alkmaar gewann. Denn zwischen all den Mätzchen und Pseudofragen haben wir die Lust verloren, vor der Klimakatastrophe Angst zu kriegen. Wir haben leider auch überhaupt nichts Neues erfahren. Denn eigentlich waren sich alle einig: Wir müssen was tun. Genauer: Wir müssen viel tun. Alle begrüßten das neueste "Klimapaket" der Bundesregierung, und alle gaben auf die Frage "Wer hat's erfunden?" zu: die Grünen!
Selbst Roland Tichy, Chefredakteur der "Wirtschaftswoche", war nicht dagegen, was zu tun. Er wünschte sich nur mehr "Lässigkeit". Wahrscheinlich meinte er Gelassenheit. Die braucht man auch, wenn man neben Bärbel Höhn sitzt, die Sätze sagt wie: "Wenn wir die Welt retten wollen, muss jeder was tun." Sie fährt schon mal ein "Gasauto", an dessen klimafreundlicher CO2-Bilanz Herr Tichy allerdings seine Zweifel hatte.
"Auf englisch heißt das Adaptation"
Aber auch der kleine Mann und die kleine Frau unterm Heizpilz vorm Café, der politisch korrekt "Wärmepilz" heißt, müssen sich zum Handeln bequemen. Wer pro Stunde draußen hocken sieben Cent "LOKAL" (Lokalklimaausgleichsabgabe) blecht, ist schon dabei.
Nur Klaus Töpfer, ehemals Bundesumweltminister und bis 2006 Uno-Beauftragter für Umwelt in Nairobi, wollte nicht so recht mitmachen beim fröhlichen Klimafolgenausgleichsspielchen. Von Afrika aus betrachtet sei das alles doch "ziemlich unverständlich". Längst gehe es vor allem um die praktische Anpassung an die Folgen des unbestreitbaren Klimawandels: "Auf englisch heißt das Adaptation". Ein Witz seien da die 120 Millionen Euro, die die Bundesregierung nach Bali "mitbringen" wolle. "Umweltpolitik ist Verteilungspolitik", sagte Töpfer, der einst persönlich in die Fluten des Rheins gestiegen war, um die Erfolge beim Gewässerschutz zu demonstrieren.
Professor Töpfer war es auch, der auf einen schlichten Grundsatz der Vernunft hinwies: Der effiziente, also sparsame und produktive Einsatz von Energie und Ressourcen ist immer richtig, heute mehr denn je – jenseits aller Klimaglaubensfragen. Doch der Elder Statesman wollte nicht so recht in die lustige Runde passen, die mangels echter Kontroversen öfter mal durcheinander schwätzte und sich wohl schon auf das Glas Wein danach freute.
Apropos Wein. Hier kommt die gute Nachricht des Abends. Ihr Held war ein Winzer aus Rheinhessen, zugleich "Klimazeuge" des WWF. Im Laufe der letzten, immer wärmer gewordenen Jahre hat er zweierlei festgestellt: Die Weinlese beginnt inzwischen einen Monat früher als vor einigen Jahrzehnten noch. Und: "Der Kerner wird zu alkoholisch". Nun pflanzt er die südfranzösische Merlot-Rebe.
Die schmeckt sowieso besser. Und der Vater freut sich schon auf Riesling aus Dänemark und Norwegen.
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hieß die sendung wirklich "Wenn Joghurtbecher Ernst machen"? nö! was ist von einer rezension zu halten, wenn der rezensent nicht mal das thema der sendung auf die reihe kriegt! vielleicht hätte er lieber was über das [...] mehr...
Ich habe gestern RTL-"Nachrichten" gesehen. Erst die erschröcklichen "Fakten" über Umwelt und CO² und kurz vor Ende dann der aufschreckende Hinweis, dass jetzt freie Tage kommen und die Leute sich noch gar [...] mehr...
Kompliment zu diesem hervorragenden Beitrag! mehr...
Hallo, was dem Plasberg nicht richtig gelungen ist, ist das Thema "Hysterie" auf den Punkt zu bringen. Das merkt man auch an Ihrer Reaktion hier. Keiner streitet die Probleme ab, die es gibt und gab, die Hyterie [...] mehr...
...so bin ich tatsächlich um den Schlaf gebracht. Diese ganze Debatte ist so absurd. Dass sie dann auch noch in der Zirkusarena des arroganten Herrn Plasberg inszeniert wird, dessen investigative Fähigkeiten sich darauf [...] mehr...
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