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Architektur Der Speer-Faktor

2. Teil: Warum es eine Debatte unter deutschen Architekten braucht

Größe zeigen im Ausland

Hans Stimmann war einst ein mächtiger Mann in Berlin. Von Anfang der neunziger Jahre bis 2006 bestimmte er fast ununterbrochen als Senatsbaudirektor das Gesicht der neuen Hauptstadt. Er legte sich mit Architekten an, er verordnete Grundregeln. Stimmann wurde angefeindet, auch der Faschismusvorwurf fiel. "Schon allein Anlehnungen an neoklassizistische Architekturpositionen oder die Verwendung von Steinfassaden wurden verfemt", erinnert er sich. Das sei "eine maßstabslose Kritik" angesichts der Tatsache, "dass beim Planen des neuen Berlin einer der intensivsten demokratischen Planungsprozesse durchgeführt worden ist, die es überhaupt gibt."

Heute beobachtet er das Engagement der deutschen Architekten, etwa in China, nicht ohne Verwunderung. Dort werde bei manchen Projekten rücksichtslos die Bevölkerung vertrieben - "und kein Architekt stellt die Frage nach der moralischen Dimension seiner Planungen. Hier wird noch einmal die ganze Scheinheiligkeit deutlich, mit der manche Debatten bei uns geführt werden", sagt er zu SPIEGEL ONLINE. Stimmann möchte zwar niemanden moralisch vorverurteilen. Aber was schon auffalle, "ist das Schweigen, ja, die absolute Stille der Architekten, wenn es über ihr Bauen in autoritären Staaten geht".

Architekten, die auf ihre Arbeit in Ein-Parteien-Staaten angesprochen werden, sind vorsichtige Gesprächspartner. Es gibt Büros, die von einer Stellungnahme Abstand nahmen, weil sie um Aufträge fürchten. Andere stellen sich dem Gespräch. Das Büro von Hilde Léon, Siegfried Wernik und dem kürzlich verstorbenen Konrad Wohlhage gewann im Sommer 2007 den Wettbewerb um ein neues Regierungsviertel in Tripolis. Libyen galt jahrelang wegen seiner Unterstützung des internationalen Terrorismus als Schurkenstaat.

In Berlin haben sich Léon, Wohlhage und Wernick mit vergleichsweise bescheidenen Gebäuden wie der indischen Botschaft und der Landesvertretung Bremens einen Namen gemacht. Was mit "Tripoli Greens" geplant ist, wirkt dagegen mächtig - im Maßstab wie im Anspruch. Eine Achse, an der sich Gebäude entlangziehen: 22 Ministerien, der Sitz des Ministerpräsidenten, der Volkskongress und eine Moschee.

Die Architektin Léon sagt: "Der Bau eines neuen Regierungsviertels mit dem Volkskongress als Mittelpunkt hat uns interessiert, auch weil hier an einer hässlichen Peripherie am Schnittpunkt zu einem wertvollen Wald etwas Neues entstehen könnte". Sie wehrt sich gegen den Vorwurf, die Anlage erinnere an Speers "Germania". Dieser habe "ohne Sinn und Verstand" eine halbe Stadt zerstören wollen. "Uns geht es immer auch darum, mit der Stadt zu bauen, nicht gegen sie. Ich habe den Eindruck, in Tripolis können wir das", sagt Léon zu SPIEGEL ONLINE.

Speer, aber wer?

Stimmann meint, Speer werde als Schlagwort zu oft zu leichtfertig eingesetzt, um sich Argumente zu ersparen. "Was ich spannender finde, ist die Frage: Welche Verantwortung hat ein Architekt mit seinen Planungen und Bauten für die Gesellschaft? Wenn er bei uns baut, übernimmt er Verantwortung dafür. Wenn er für ein autoritäres Regime baut, stellt er sie zurück? Darüber müsste endlich gesprochen werden!"

Hilde Léon weiß um den Spagat, stellt aber nüchtern fest: "Architektur war und ist immer verbunden mit der Macht - das war in allen Epochen so, etwa unter den Päpsten in Italien. Wenn man das nicht sieht, dann sollte man diesen Beruf nicht ergreifen." Natürlich müsse man sich als Architekt bei jedem Projekt auch fragen: Kann ich das vor mir verantworten? Das aber betreffe nicht nur das Bauen in autoritären Staaten, sondern manchmal auch in demokratischen Systemen: "Auch hier gibt es immer wieder Investoren, die Bauten errichten, die an den öffentlichen Belangen völlig vorbeigehen und bestehende Strukturen außer acht lassen. Da werden schamlos profitorientierte Ziele gegen das Allgemeininteresse durchgesetzt", sagt Léon.

Vielleicht ist alles ganz einfach: Den Traum, sich in die Ewigkeit einzuschreiben, erfüllten einst Könige und Diktatoren. Heute sind es turbokapitalistische, autoritäre Systeme im roten oder grün-muslimischen Gewand. Auch sie wollen, im Zeitalter der Globalisierung, die Dekoration ihrer Macht. Und viele deutsche Architekten liefern sie ihnen.

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insgesamt 31 Beiträge
swiss3 29.01.2008
"Sie bauen Parlamentsgebäude, ganze Städte und am liebsten im gigantischen Maßstab: Deutsche Architekten sind weltweit tätig - vor allem in autoritären Staaten wie China, Vietnam und Libyen. Doch wie halten es die Baukünstler [...]
"Sie bauen Parlamentsgebäude, ganze Städte und am liebsten im gigantischen Maßstab: Deutsche Architekten sind weltweit tätig - vor allem in autoritären Staaten wie China, Vietnam und Libyen. Doch wie halten es die Baukünstler mit der Moral?" Was bitte sehr hat gute Architektur in China mit der Moral deutscher Architekten zu tun? Nichts. Es ist einmal mehr eine Scheindebatte, die sich aus dem westlichen Erhabenheitsgefühl nährt. Anstatt sich dem Chinesischen Phänomen sachlich zu nähern werden nur die Probleme von vorne bis hinten ausgeleutet und Diskussionen wie diese hier angestossen. Es ist wirklich Zeit, dass die westliche Dominanz sich dem Ende neigt.
imation 29.01.2008
"Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral." Bertold Brecht
"Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral." Bertold Brecht
swiss3 29.01.2008
Alle Menschen sind moralisch, nur die Nebenmenschen nicht.
Alle Menschen sind moralisch, nur die Nebenmenschen nicht.
G. Whittome 29.01.2008
Höchste Zeit, dass das mal thematisiert wird. Wie werden diese Projekte geplant? Wie wird das Bauland gewonnen? Was passiert mit den Menschen, die vorher auf dem Land lebten? Und wer profitiert davon? Wer wohnt eigentlich später [...]
Höchste Zeit, dass das mal thematisiert wird. Wie werden diese Projekte geplant? Wie wird das Bauland gewonnen? Was passiert mit den Menschen, die vorher auf dem Land lebten? Und wer profitiert davon? Wer wohnt eigentlich später in den schicken Häuschen von Anting Town? Wahrscheinlich die "Bonzen", wie mir ein Taxifahrer in Shanghai erzählte, als ich ihn fragte, wieso eigentlich schon fast die gesamte Altstadt abgerissen ist und wer in die neuen Gebäude einzieht. Aber Leute, für die Moral "Quatsch" ist, interessiert das ja nicht. Und wenn in Deutschland so gebaut würde wie in China? Eine Schnellstraße, Landebahn oder Kraftwerk vor der Haustür? Kein Bedarf an Bürgerbeteiligung, Einsprüchen und Klagemöglichkeiten vor Verwaltungsgerichten? Natürlich nicht, ist ja alles "Quatsch".
Think-Smart 29.01.2008
Also meine Moral in Vietnam war, dass ich dort an einem politischen Renovierungsprozess (Doi Moi) teilgenommen habe und in einem totalitär festgefahrenem Regime eine Reformierungsbereitschaft erlebt habe, die beachtlich war. [...]
Also meine Moral in Vietnam war, dass ich dort an einem politischen Renovierungsprozess (Doi Moi) teilgenommen habe und in einem totalitär festgefahrenem Regime eine Reformierungsbereitschaft erlebt habe, die beachtlich war. Nord-Süd hat sich derartig zusammengerauft, da kann sich hier Ost-West noch ein Beispiel nehmen.
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