• Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Allroundkünstler Schlingensief "Theater war noch nie mein Ding"

3. Teil: Angst vor völliger Erblindung - bedeutet das das Aus für die Kunst?

Frage: Es kann also durchaus sein, dass auch Sie völlig erblinden? Schlingensief: Das kann sein, ich nehme täglich meine Tropfen, aber die Drusen, das ist der beschissene Teil an den Augen. Ich hab’ Sehausfälle, rein messbar hab’ ich ziemlich viele schwarze Bereiche im Gesichtsfeld, wo ich diesen kleinen Lichtpunkt nicht sehe, aber das linke Auge ist noch ganz weit vorne. Trotzdem schleicht diese Angst durch die Adern, weil ich die Erblindung meines Vaters miterlebt habe. 15 Jahre lang. Da hat sich seine Angst oft übertragen. Wenn ich nach Oberhausen komme, dann ist es so, dass ich, je näher ich meinem Elternhaus komme, desto mehr anfange, Augentests zu machen. Links, rechts. Das mache ich normalerweise nicht. Ich versuche, mich nicht zu erinnern.

Frage: Weil das für Ihre Kunst das Aus bedeuten würde?

Schlingensief: Das weiß ich nicht mal. Ich hab’ im September, Oktober die Kreuzigungsszenen für "Fremdverstümmelung" blind gedreht, einen Film, den ich in Zürich zeige. Da konnte ich nichts sehen, weil der Augendruck durch eine zusätzliche Augenentzündung so stark geworden war, dass alles wie hinter einer dicken Milchglasscheibe wirkte. Dazu kamen die Schmerzen durch das Licht. Ich konnte das nur drehen, weil ich einen Kameraassistenten hatte, der mich an einem Gürtel hin- und hergezogen hat. Und weil ich eine Kamera habe, die ich schon seit Ewigkeiten kenne. Ich würde fast sagen: Mit der kann ich auch noch drehen, wenn ich blind bin.

Frage: Ihren Film "African Twintowers" zeigen Sie in Zürich gleichzeitig auf 18 Monitoren, vielleicht auch, weil er über 180 Stunden lang ist. Das ZDF hat ihn koproduziert und wartet jetzt angeblich auf eine Version in Spielfilmlänge. Stimmt das?

Schlingensief: Ja, aber ich kämpfe um eine andere Lösung. Der Film erzählt keine Geschichte. Er passt nicht auf die rechteckige Leinwand, die ich mittlerweile genauso wenig mag wie das Theater. Der Film hat eine Kraft, die in seiner Unvollkommenheit und seiner Unabgeschlossenheit liegt. Es ist kein Film. Eher so etwas wie eine Sammlung. Am zweiten Tag der Dreharbeiten, als wir von Windhoek in die Wüste fuhren, kam ein Anruf, mein Vater habe einen Herzinfarkt und sei mit Magenblutungen ins Krankenhaus geliefert worden. Das war der Moment, wo mein Vater anfing, die Welt verlassen zu wollen. In der Nacht kam man da nicht weg. Am nächsten Tag sagten die Ärzte, er sei stabilisiert, ich solle später wieder anrufen, das ging so lange so, bis mein Vater anrief und im Flüsterton sagte: "Bleib da, mach das mal, es ist gut, ich warte auf dich." Der Film wurde ein ganz anderer, ich hab’ das Drehbuch weggeworfen und jeden Tag einen anderen Film gedreht. Ich hab’ "Die Verdammten" gedreht, "8", "Faster Pussycat! Kill! Kill!", "Paris, Texas", "Die Nibelungen". Ich habe keine Kontrolle mehr übernommen, es gab keinen Plan mehr, wir haben das gedreht, was ich mir in der Nacht überlegt hatte.

Frage: Der Film ist also unter Schock entstanden?

Schlingensief: Ein heilsamer Schock, weg von diesem sentimentalen "Ich dreh’ jetzt wieder einen Film"-Film. Man sollte ihn als Okularfassung ausstrahlen. Das heißt, das Bild wird in der Mitte als Kreis ausgestanzt. Also man sieht nur die Informationen im Kreis. So, als würde man durch ein Fernrohr auf die Leinwand blicken. Und alles was rechts oder links zu sehen war, ist weg. Auch die Titel sind nur unvollkommen. Das wäre die Okularfassung, damit könnte ich leben. Weil ich so eben nicht sage: So ist es. So ist es nämlich eben nicht. Ich glaube fest daran: Das Kino der Zukunft kann sich die viereckige Leinwand eigentlich nicht mehr leisten. Das ist vorbei. In Zürich habe ich das mit einem Treppenlift kombiniert, wo der Betrachter durchs Bild in den Himmel fahren kann. Sozusagen eine Himmelfahrt. Da weiß man auch nicht, was so alles noch am Rande auftauchen wird

Frage: Das ZDF wird nicht begeistert sein. Es wird in Ihnen wieder genau die Person sehen, die Sie nicht mehr sein wollen – der ewige Provokateur.

Schlingensief: Warum sollten sie? Sie provozieren doch mit ihrer Fernsehnorm. Ich denke darüber nach, was meinen Film davon abhält, so zu tun, als wäre er ein geschlossener Bereich. Das ist wie bei Warhols "Chelsea Girls". Die Filmbilder unterhalten sich auch ohne mich. Sie haben in den dunklen Randzonen, wo sie sich nicht zeigen, ihre Kraft. Die Dunkelphase provoziert, nicht das angebliche Licht, das sie einem anhängen wollen. Die dunkle Seite ist mir bewusster als dieses Licht. Und wenn ich mich in dieser Dunkelphase betrachte, dann finde ich das unangenehm, peinlich, ekelerregend. Der größte Teil des Lebens besteht aus dieser Dunkelphase, und deshalb ist das Leben auch so unangenehm. Meinetwegen ist der Film deshalb auch so lang geworden. Nur weil ich vom Leben berichte, denken einige Leute, ich wolle sie provozieren. Das Leben ist die Provokation, oder genauer: Ich im Leben, das ist die Provokation.

Das Interview führte Cornelius Tittel


Christoph Schlingensief: "Querverstümmelung", bis zum 3. Februar 2008, Migros-Museum für Gegenwartskunst, Zürich

© Juno Kunstverlag, 2007

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Gesellschaft

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP