Von Reinhard Mohr
Andererseits ist es auch egal. Viele Schüler in Ost und West glauben sowieso, was sie wollen. Zum Beispiel, dass Helmut Kohl die DDR regiert und Erich Honecker mit Katarina Witt eine Herrenboutique in Wuppertal betrieben hat. Und hatte nicht Wolf Biermann, der beliebte Bänkelsänger vom Starnberger See, was mit Margot Honecker, die im Ostberliner Friedrichstadtpalast in der ersten Reihe steppte? Oder war es doch Florian Silbereisen? Und was war die DDR noch mal? Genau, eine Zone der Gemütlichkeit, ein Kombinat der Lebensfreude. Pisa, ick hör' dir trapsen.
Äußerst gemütlich gehen wir auch mit Gerhard Schröder um. Seine grotesken Schönfärbereien des Putin-Regimes, sein Engagement für den russischen Megakraken Gasprom und sein skandalöses Schweigen über die Unterdrückung jeder Opposition in Russland qualifizieren ihn absolut und nachhaltig für den Titel "Lupenreiner Demokrat 2007".
Apropos: Ganz demokratisch haben tausend Muslime der alevitischen Glaubensrichtung in Köln gegen den "Tatort" vom vergangenen Sonntag "Wem Ehre gebührt" demonstriert, weil er angeblich rassistisch-religiöse Klischees verbreite. Wegen "Volksverhetzung" wurde Strafanzeige gestellt. Wir sind gespannt, wie es weitergeht. Für das nächste Jahr ist ein weiterer "Tatort" im Programm vorgesehen, der politisch nicht ganz korrekt ist. Dabei geht es um einen sogenannten "Ehrenmord". Womöglich muss demnächst der zuständige Imam gefragt werden, wenn sich Drehbuchautoren mit der Realität unter deutschen Muslimen beschäftigen wollen.
Nichts mehr hört man dagegen vom deutsch-türkischen Rapper Muhabbet, ein guter Bekannter von Außenminister Steinmeier, der im privaten Gespräch mit einer Redakteurin des Hessischen Rundfunks gesagt haben soll, er hätte den ermordeten holländischen Filmemacher Theo van Gogh nicht so schnell sterben lassen, sondern ihn vorher noch im Keller gefoltert. Desgleichen habe die verfolgte Islamkritikerin Ayan Hirsi Ali den Tod verdient.
"Sänk juu for träwwelling wiss deutsche Bahn!"
Aber so ist unsere liberale Gesellschaft. Sie vergisst auch gerne, was ihr unangenehm ist oder bedrohlich erscheint. Nicht nur in U- und S-Bahnen wird weggeschaut, auch in der unmittelbaren Nachbarschaft. Jeder ist sich selbst der nächste, und im Zweifel ist der Staat schuld. Oder die Gesellschaft. Oder die 68er.
Alles in allem aber sind wir ein glückliches Land. Zwar haben wir keinen Präsidentenkönig wie Nicolas Sarkozy, diese Mischung aus Jean-Paul Belmondo und Monsieur Hulot, der mit Carla Bruni auf intime Entdeckungsreise nach Ägypten geht. Wir haben nur Angela Merkel und Gabriele Pauli, schon rein ästhetisch Antipoden. Aber irgendwo mittendrin, zwischen Physiklabor und Latexhandschuhen, zwischen Albert Einstein und Café Einstein - da ist das Deutschlandgefühl 2007 zu Hause. Ein weites Feld eben.
Apropos Café, Kneipe und Restaurant: Ab 1. Januar gilt auch in der alten Reichshauptstadt ein absolutes Rauchverbot in der Gastronomie. Doch Berlin wäre nicht Berlin, wenn es so friedlich und unspektakulär über die Bühne ginge wie in anderen Bundesländern, etwa in Hessen. Man werde sich einfach nicht an das Gesetz halten, außerdem gebe es ja eine Karenzzeit bis Juli: Derart aufsässig äußerte sich der Wirt des "Zwiebelfisch" am Savignyplatz, eine Kneipe, in deren Rauchschwaden die alten 68er schon vor vierzig Jahren über die Perspektiven der Revolution diskutiert haben. Erinnern wir uns: Auch damals fing alles mit ein paar verbotenen Joints an.
Zum Schluss der Satz des Jahres, der in Tausenden von ICE-Zügen tagtäglich ein Lächeln auf die Gesichter der Reisenden zaubert: "Sänk juu for träwwelling wiss deutsche Bahn!" Sänk juu ohl!
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