Samstag, 21. November 2009

Kultur



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03.01.2008
 

Verstehen Sie Haas?

Was gespielt wird, Süße!

Von Daniel Haas

Früher war's so einfach: Ein Blick auf die Plattensammlung oder ins Bücherregal einer Frau, und man wusste, woran man war. Jetzt gibt es iPod und E-Book - und junge Männer tappen wieder im Dunkeln.

Ich mache mir Sorgen um die jungen Männer. Genauer gesagt: Um junge intellektuelle Männer, diese Typen, die zuviel lesen und schwierige Popmusik hören und schon mit 15 mehr Fremdwörter kennen, als ihnen guttut. Solche Jungs sind meist schon in der Pubertät auf kreative Weise verwirrt.

Wenn sie im Spiel war, hieß es, nix wie weg: Heulboje Bonnie Tyler
DDP

Wenn sie im Spiel war, hieß es, nix wie weg: Heulboje Bonnie Tyler

Während der Mainstream der XY-Chromosomenträger weiß, was zählt (Petting, Fußball, Führerschein), arbeiten sie der eigenen Desorientierung mit komplizierter Lektüre, noch komplizierteren Gesprächen und jener Mischung aus Arroganz und Verzweiflung entgegen, die eine ohnehin anstrengende Adoleszenz nahezu unerträglich machen kann.

Kommen dann später Frauen ins Spiel, spitzt sich die Lage noch einmal zu. Hilflos und zugleich überheblich schlittern unsere jungen Freunde aufs Glatteis der romantischen Begegnung. Ein Mangel an Intuition soll mit einem Überschuss an Reflexion behoben werden; am Ende wartet Katzenjammer auf den angehenden Denker, weil er die Lehramtskandidatin (Sport, Religion) mit Nietzsche-Zitaten quälte.

Lange Zeit gab es einen Kniff, der Misere zu entgehen: Man schaute ins Plattenregal der Betreffenden. Dort erspähte man die quasi kulturelle Signatur der Person, der zu widmen man Gedichte, Romane, ja ganze Lebenswerke gewillt war.

Beiläufig ließ man die Finger durch einen Albenstapel wandern, entdeckte Tina Turners und Phil Collins' Soloalben, seufzte melancholisch und bereitete den Abgang vor. "Jennifer Rush? Wusste gar nicht, dass die schon wieder eine neue Platte draußen hat", erklärte man vielleicht mit gespielter Heiterkeit, die Jacke schon unterm Arm. "Tschüss, danke für den Kaffee. Ich melde mich."

Die Zeiten ändern sich. Schon die CD-Reihe war schwerer zu entziffern: Anders als die Platte, die man aus dem Regal ziehen konnte, steckten die Silberlinge oft trotzig starr in ihrer maßgeschneiderten Ikea-Behausung, sodass eine lässige Prüfung schwer möglich war. Doch eine Gelegenheit, den Kopf in nonchalanter Weise querzulegen (Anhimmeln der Schönen), ergab sich immer, und so ließen sich aus den Augenwinkeln heraus kurze prophetische Blicke auf die Titelsammlung werfen. "Bonnie Tyler, sieh an", dachte man sich, bemüht, das Entsetzen hinter einem Lächeln zu verbergen. Bei "Fetenhits Teil 8" schluckte man nur noch verlegen. Tschüss, danke für den Kaffee.

Klein und fies

Und heute? Liegt da ein iPod. Klein, flach, harmlos beherbergt er womöglich das Grauen in musikalischer Form. Und das Schlimmste: Er gibt es nicht preis. Man kurbelt sich nicht durchs Menü eines iPods beim ersten oder zweiten Date. Man nimmt nicht einfach den MP3-Player von Jenny oder Anna und liest 2000 Albumtitel. Die Zeit hat man erstens gar nicht und zweitens: Diese Dinger, so normiert sie sein mögen, zwingen einem eine Etikette der Zurückhaltung auf. Man will ja nicht wie Schäuble rüberkommen und im erweiterten Sinne Online-Untersuchungen machen. Die Frage: "Und, was hast du zuletzt draufgespielt?" - das ist schon das Höchste. Und dann sagt sie womöglich: "Weiß nicht, irgendwas Soulmäßiges." Na, toll. Und dann?

Die Schlauberger sagen jetzt: das Bücherregal! Das verrät immer noch alles! Stehen da drei Bände von Dan Brown und der Duden, weiß der adoleszente Kulturträger, was Sache ist. Aber auch diese Leitplanke zwischenmenschlicher Orientierung wird bald hinfortgerissen von der technischen Entwicklung.

Wenn das E-Book wie in Japan flächendeckend den Markt erobert, kann man neben dem iPod bald einen Palm-Computer bestaunen. Der wird passwortgesichert sein und randvoll mit Texten von Hermann Hesse bis Eva Herman. Selbst wenn man die Zeit ihres Badbesuchs oder Kurztelefonats mit der besten Freundin zum Knacken des vierstelligen Codes nutzen könnte: Wie soll man sich bei rund 600 Buchtiteln ein Bild von der Lage machen?

Die jungen intellektuellen Männer sind in einer prekären Situation - am Anfang dieses Jahres, nachdem wieder massenhaft digitale Geräte unter den Weihnachtsbäumen lagen, mehr denn je. Die Liebe auf den ersten Regal- oder Albumblick ist passé. Heute zählen innere Werte. Wie schrecklich.

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