Von Jenny Hoch
Die alten Griechen haben es mal wieder vor uns gewusst: Echte Männer weinen nicht. Gut, es gab zwar den Jammerlappen Odysseus, der bei der geringsten Erwähnung seiner geliebten Heimat Griechenland in Tränen ausbrach, aber der Dichter Homer hatte für derart unziemliches Verhalten nur spöttische Verse übrig: "Aber Odysseus schmolz in Wehmut, Tränen benetzten ihm Wimpern und Wangen. Also weinet ein Weib und stürzt auf den lieben Gemahl hin..."
Ähnliche Sachlage bei den Göttern: Egal ob männlich oder weiblich, Tränen waren tabu, erst recht wenn es darum ging, über einen Normalsterblichen zu weinen. So klagt die Göttin Artemis in Euripides' Drama "Hippolytos" darüber, dass es ihr als Göttin nicht gestattet sei, über den zu Unrecht verfluchten Hippolytos Tränen zu vergießen.
Klageweiber und Heulsusen, allein die Wortwahl macht klar, dass Tränen von je her Frauensache waren. Sie galten als Zeichen innerer Schmelzvorgänge, innerer Weichheit, aber dennoch als etwas immens Kostbares, das nicht sinnlos vergeudet werden sollte. So weint die germanische Liebesgöttin Freya goldene Tränen nach ihrem verschollenen Ehemann, die Tränen des altägyptischen Gottes Ra bestanden aus Honig, ein damals luxuriöses Nahrungs- und Opfermittel.
Tatsächlich ist es Hillary Clinton dieser Tage gelungen, mit Hilfe ein paar verlegen verdrückter Tränen ein beeindruckendes Comeback hinzulegen. Nach dem miesen Vorwahlen-Ergebnis in Iowa gab sie ihrem Wahlkampf mit diesem Gefühlsausbruch die entscheidende Wendung. Endlich konnte sich die sonst eher soldatisch-diszipliniert auftretende Politikerin einmal frauenzeitschriftkompatibel inszenieren - als herzenswarme, gefühlsbetonte, sogar dünnhäutige Frau. Auch der Ort der Offenbarung war mit Bedacht gewählt: Bei einem Kaffeekränzchen mit noch unentschlossenen Wählerinnen, man war also unter sich.
Eine einzige mitfühlende Frage einer Geschlechtsgenossin genügte, und schon schoss der sonst eisernen Lady das Wasser in die Augen. Das war Balsam für die Seele der Wähler - und vor allem der Wählerinnen.
Abstieg vom politischen Olymp
Diese Ikonografie passte überhaupt nicht zu Clintons Image der maskulin-herben Politikerin. Doch gerade diese Diskrepanz machte die dramaturgische Fallhöhe umso größer: Hier stieg eine sonst unnahbare Göttin vom bereits auf halber Strecke erklommenen politischen Olymp herab zu den Normalsterblichen und machte sich mit ihnen gemein. Die Sympathiebombe zündete auf Anhieb, Kalkül hin oder her.
Hillary Clinton machte sich damit zum Rapunzel der US-Wahlen. Denn wie in dem Märchen der Gebrüder Grimm das Mädchen Rapunzel mit ihren Tränen den blind im Wald umherirrenden Königssohn heilt, tat die Präsidentschafts-Aspirantin mit ihren Tränen dasselbe mit den ziellos im Kandidaten-Dickicht umherirrenden Wählern: Sie machte sie mit Hilfe ihrer Tränen sehend für das richtige Kreuz auf dem Wahlzettel.
In der zweiten Hälfte der 18. Jahrhunderts wurden Tränen zum Zeichen des Menschlichen erklärt. Auf der Bühne äußerte sich das im tränenseligen Bürgerlichen Trauerspiel, das aufgeklärte Zeitgenossen wie Denis Diderot als Spiegel erstarkender bürgerlicher Sensibilität sahen. Es ging darum, unverstellte Empfindsamkeit zu demonstrieren: Das Maß an Menschlichkeit konnte an der Menge der Tränen abgemessen werden.
Zum Weinen ins Badezimmer
Das rechte Maß zu halten, war in diesem Zusammenhang aber immens wichtig. Denn nur die gefasste Emotion bringt den gewünschten Effekt, das betonte etwa der Dramatiker und Theoretiker Gotthold Ephraim Lessing immer wieder, und das weiß auch Hillary Clinton: Ein dekoratives Tränchen leistet tausend Mal mehr Überzeugungsarbeit als ein entfesselter Gefühlsausbruch.
Selten kam die Macht der Träne so überzeugend zum Vorschein wie in diesem US-Wahlkampf. Zwar ist die Liste weinender, Tränen verdrückender Politiker lang - man denke nur an Altkanzler Helmut Kohl, der bei allen möglichen Gelegenheiten öffentlich weinte. Prominente Beispiele sind außerdem Gerhard Schröder, Bill Clinton, Nicolas Sarkozy oder Hans Eichel. Ja, sogar Angela Merkel sollen auf dem Klimagipfel 1995 die Tränen gekommen sein.
Aber das ist alles nichts gegen Hillary Clinton. Denn meistens haben Politikertränen über den Moment der Ergriffenheit hinaus keine Wirkung. Anders hier: Clintons Tränen am Kaffeetisch könnten wahlentscheidend sein. Ein wahrhaft epochaler Effekt für ein paar Milliliter salzhaltige Flüssigkeit.
Softskills sind gefragt, der gezielte Druck auf die Tränendrüse gehört dazu, das weiß jedes Kind, das von Mama oder Papa etwas will und vorsorglich zu weinen anfängt, um zum Ziel zu gelangen.
Vorbei die Zeiten, als noch Härte und eiserner Wille zählten. Als der damalige Bürgermeister von New York City, Rudolph Giuliani, nach dem Terroranschlag vom 11. September sagte: "Wenn es darum ging, Gefühle auszudrücken, bin ich ins Bad gegangen und habe dort geweint." Jetzt kandidiert er für die Republikaner. Mal sehen, wie weit er es mit dieser gestrig-raubeinigen Strategie bringt.
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