Samstag, 21. November 2009

Kultur



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18.01.2008
 

Fichtners Tellergericht

Der Fisch stinkt vom Politikerkopf her

Sushi ist die neue Currywurst. Und weil die Gier nach billigem Take-away-Ramsch so groß ist, sorgen unsere Politiker dafür, dass auch entfernte Meere leergefischt werden. Man sollte sie dafür in die ewigen Fanggründe jagen, meint SPIEGEL-ONLINE-Besseresser Ullrich Fichtner.

Es gibt Anlass darauf hinzuweisen, dass ein traditioneller Sushi-Meister in Japan sieben Jahre lang lernen muss, ehe er sich um den Titel überhaupt bewerben darf. Im ersten Jahr kommt der Schüler mit Fisch überhaupt nicht in Berührung, er muss sich um den Garten kümmern, über das Meer nachdenken, er muss dem Wind in den Reisfeldern nachlauschen, vermutlich muss er seinem Meister auch die Schuhe putzen und die Zeitung umblättern, um recht ordentlich Demut zu lernen, wer weiß.

Sushiplatte: Konsumrausch im Großstadt-Quartier
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DDP

Sushiplatte: Konsumrausch im Großstadt-Quartier

Jedenfalls drehen sich das zweite und das dritte Jahr mehr um den Reis als um den Fisch. Die besten Restaurants in Tokio hegen und pflegen eigene Reisfelder, als würde Gold auf ihnen wachsen, sie tüfteln an Sauer-Reis-Rezepturen herum, als säßen sie über Weltformeln, und ebenso geheim sind sie. Wenn endlich der Fisch ins Spiel kommt und die 15 Meister-Messer im Einsatz sind, zahlen sich das lange Lernen und Nachdenken aus.

Der angehende Chef kennt seine Tiere, nur die besten kommen ihm auf den Tisch, die großen, sündteuren Exemplare, denn nur sie verdienen das Prädikat "nachhaltig", weil sie sich schon mehrfach fort gepflanzt haben im großen, weiten Ozean. Nun spürt er ihre Fasern, ihre Textur, er weiß, wie und wo die Klinge anzusetzen ist, welchen Druck es braucht, welche Führung des Messers, welche Ökonomie der Bewegung.

Nur einer von zehn Meisterschülern, heißt es, hält die Ausbildung durch bis zum Schluss. Nur wer ganz aufgeht in der Tradition, wer sich ihren Gesetzen unterwirft, wer die Natur studieren und bewahren und das Essen machen von Grund auf verstehen will, kann es zur Meisterschaft bringen, anders gesagt: Sushi ist eine hochkomplexe, alte, schwierige Kunst, und ihr Ziel ist nichts weniger als vollendete kulinarische Balance, es geht um handwerkliche Perfektion, im Einklang mit der Natur, man könnte auch sagen: Es geht um ein Stück Glück auf Erden.

Nun, in unseren trüben Tagen geht es darum nicht mehr. Die schönen Fischteilchen stehen mittlerweile für einen der größten und schlimmsten Konsumräusche, die je über unsere Städte und Landschaften hinweg gezogen sind und die nun glücklich – tiefgefroren – unsere Supermärkte erreicht haben. An jeder Ecke der schicken Großstadt-Quartiere hantieren jetzt angelernte Stümper mit stumpfen Messern und schichten ihre Ware lieblos in schwarze Plastikboxen, die auch schon an Bahnhöfen, auf Flughäfen, an Tankstellen neben Brat- und Currywurst gesehen worden sind. Aus einer der edelsten aller Speisen ist x-beliebiger Take-away-Ramsch geworden, und ich finde wirklich, dass dafür kein Fisch sterben sollte.

Mit der Pistole ins Parlament

Dies umso mehr, weil mich Anfang der Woche eine Meldung erschüttert hat wie lange nicht. Fisch ist jetzt, so stand es groß und auf Seite eins in der "Herald Tribune" zu lesen, die meist gehandelte Tierart des Planeten, und Europa ist mit einem Mal der weltweit größte Fisch-Markt geworden mit einem jährlichen Wert von 14 Milliarden Euro. Man könnte sagen: In dem Maße, in dem wir unsere eigenen Meere leer gefischt haben, ist unser Appetit auf Meeresfrüchte und –getier gewachsen. So etwas nennt man Dekadenz.

25 Prozent der weltweiten Fanggründe sind mittlerweile zerstört, weitere 50 Prozent sind so kritisch überfischt, dass sie bald auch nichts mehr hergeben werden. Unsere EU und unsere Staatenlenker, die sich in allen Sonntagsreden zum schonenden Umgang mit den Ressourcen bekennen, schließen Knebelverträge (kurz: EPAs genannt) mit armen Küstenländern ab, um deren Fischgründe für unsere Fabrikschiff-Flotten zu öffnen. 60 Prozent aller Fisch-Mahlzeiten in Europa entstammen heute dem Import, und das heißt nichts anderes, als dass wir nun, nach Nord- und Ostsee, nach Mittelmeer und Atlantik, auch noch die Fanggründe ferner, fremder Länder ruinieren, damit bei uns der Nachschub nicht abreißt.

Wirklich, es ist zum Verzweifeln. Und manchmal scheint es mir, alles Reden und Schreiben sei sinnlos und es wäre Zeit für eine revolutionäre Tat. Ich träume davon, manchmal, nach Berlin und Brüssel zu ziehen, um in den Parlamenten dort eine Pistole in die Luft abzufeuern. In die Stille nach dem Schuss würde ich rufen, wie ein Prediger: "Kehrt um! Haltet ein!" Aber was würde passieren? Ich käme erst in die Zeitung – und dann ins Gefängnis. Und die Abgeordneten? Sie würden über den Spinner lachen und danach in die Mittagspause gehen. Wohin? Na, vielleicht zu dem neuen Japaner? Wo's so schön billig ist?

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!

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