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28.01.2008
 

Genuss ohne Reue

Grüner wird's nicht

Von Claudia Voigt

2. Teil: "Das ist erst der Anfang"

In zwölf Kapiteln erzählt Unfried dann sehr unterhaltsam, wie auch sein öko-überzeugter Bruder, der schon seit Jahren in kein Flugzeug mehr steigt und auf Dienstreise nach Finnland mit der Fähre fährt, ihn lange nicht erschüttern konnte in seinem sorglosen Konsum. Doch die Bilder von Al Gores Film im Kopf, die mahnenden Worte seines Bruders im Ohr waren eines Tages stärker als sein ignoranter egoistischer Wunsch, einen spritfressenden Van für seine Familie zu kaufen. Am Ende des ersten Kapitels fährt er mit seiner Frau in die Nähe von Heilbronn, um bei den Audi-Werken einen A2 1.2 TDI abzuholen, einen Drei-Liter-Wagen. Die Händlerin gibt sich wenig Mühe zu vertuschen, wie wenig sie diese Wahl verstehen kann, aber bei Unfried stellt sich mit dem Kauf des Autos ein Gefühl großer Zufriedenheit ein, das er im Laufe seines Buchs noch häufiger beschwört.

Die Wahl des Stromanbieters und die Frage der eigenen Mobilität (Will ich ein Auto? Wenn ja: welches?) sind die Einstiegsfragen für einen Neu-Öko. Für Unfried markieren diese Energiefragen die Grenze zwischen dem Lohas-Phänomen und der echten neuen Umweltbewegung.

"Mit dem Satz: 'Ich wollte auch schon immer mal meinen Stromanbieter wechseln', kommt man im Jahr 2008 nicht mehr durch", sagt der Autor, "man sollte es einfach machen."

Er kann pointiert davon erzählen, dass man dafür durchaus die eigene Naivität wieder zum Leben erwecken und zynische Gedanken beiseite schieben muss, Gedanken wie: Was macht es bitte für einen Unterschied, ob ich zu Hause eine Energiesparbirne verwende oder eine normale? Sicher, eine Glühbirne macht keinen Unterschied, Zigtausende schon.

Der Kulturwissenschaftler Nico Stehr betont genau diese Macht der neuen Moralisten. Es sei ein gut vernetzter, globaler Trend, der Druck auf die Industrie ausüben kann - durch bewussten Konsum genauso wie durch Abstinenz. Dafür nennt er nach der angekündigten Werksschließung in Bochum das Beispiel Nokia. "Ich halte es für eine gute Idee, von denen keine Handys mehr zu kaufen", sagt Stehr. "Mal abwarten, wie sich so ein Boykottaufruf auswirkt."

Mittlerweile gibt es viele Internet-Portale, die über Produkte und Kampagnen der neuen Ökobewegung informieren. Utopia.de ist eines davon, eine Seite, die es zu besuchen lohnt (um nur ein Beispiel zu nennen). Die "Utopisten" gingen erst Anfang November vergangenen Jahres online, seitdem haben sie nach eigenen Angaben mehr als 8.000 angemeldete Nutzer und 750.000 Klicks monatlich.

Es ist schwer, den Umfang der neuen Ökobewegung einzuschätzen. Konrad Götz vom Frankfurter Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) zählt etwa ein Drittel der Bevölkerung zu den Sympathisanten. Sie setzen sich nach seiner Ansicht aus drei Gruppen zusammen: aus engagierten, jungen Leuten, die das Thema für sich neu entdecken; aus jenen Männern und Frauen um die 50, für die Naturverbundenheit traditionell eine wichtige Qualität ist; und aus den überzeugten Alt-Ökos, die schon seit den siebziger Jahren den Unterschied zwischen Demeter und Bioland kennen.

Die Alt-Ökos. Mit ihrem Warenangebot unterhalb des ästhetischen Nullniveaus, dem Jute-statt-Plastik-Charme und ihren oft verbiesterten Grundsatzgesichtern sind sie der Angstgegner aller neuen Ökos.

Denn deren Welt sieht fröhlicher und, ja, hedonistischer aus: Die Seite von utopia.de ist schön bunt, und alles, was man anklickt, dreht sich. Unfried wiederum macht viele Worte, um das Vergnügen an seiner neuen Lebenshaltung hervorzuheben, und Konrad Götz betont den Pragmatismus und die Kreativität im neuen Umgang mit dem Thema. "Es wird nicht mehr fünf Tage nachgedacht und diskutiert, sondern gehandelt", sagt er.

Das Bestreben, sich von der alten Ökobewegung abzusetzen, ist klar erkennbar; zu genussfeindlich, zu dröge scheint sie noch heute zu wirken. Aber ihr ist es immerhin zu verdanken, dass die neuen Ökos in Deutschland nicht bei null anfangen müssen. "Das ganze Leben wird intensiver", sagt Unfried. In der Einleitung zu seinem Buch fällt auch das Stichwort von der "lebensverändernden Bewusstseinserweiterung". Vielleicht braucht man so viel Überbau, um seinen Alltag umzukrempeln, um es zu wagen, so zu leben wie jene, die immer furchtbar selbstgestrickt aussahen, egal, was sie trugen. Öko als Orientierungshilfe einer orientierungslos gewordenen Konsumgesellschaft. Wer hätte das gedacht.

Und das Schöne an der neuen Ökobewegung ist: Man muss nicht mal verzichten, um ein besserer Mensch zu sein! Nicht auf Genuss, nicht auf Stil, gut, vielleicht auf einige PS unter der Motorhaube. Aber sonst: "Leichtes Avantgardegefühl, null Unbequemlichkeit, sehr angenehm", wie Unfried schreibt.

Ein bisschen erinnert das an Diätversprechen, die lauten: Essen Sie, was Sie wollen, und nehmen Sie trotzdem fünf Pfund in fünf Tagen ab. Das hat auch nie geklappt. Eine weltweite Reduktion der Treibhausgase ist nun mal nur durch weniger Treibhausgase hinzubekommen.

"Das mit dem Verzicht ist ein schwieriges Thema", sagt Konrad Goetz von der ISOE. Wobei angeblich nicht der Verzicht an sich den Menschen die größten Probleme bereitet, sondern die Umstellung auf das Neue. Und noch davor die Vorstellung, verzichten zu müssen. "Wir empfinden den Umbau unserer Routinen als extrem unbequem", erklärt der Soziologe Götz. Wie viele fahren nur deshalb mit dem Auto zur Arbeit statt mit der Bahn, weil sie es einfach so gewohnt sind?

Wer sich die Mühe macht, von nun an ins Büro zu radeln, wird das in dem Moment nicht mehr als Komfortverlust empfinden, in dem es zur neuen Routine geworden ist. Im Gegenteil. Frische Luft, Himmel, Bewegung - so wird aus Verzicht Genuss.

Peter Unfried sieht die Sache noch etwas differenzierter. Für ihn führen drei Schritte zur veränderten Lebensweise. Der erste besteht in der Aufgabe, seinen persönlichen Energieverbrauch besser zu kontrollieren. Im zweiten Schritt vernetzt man sich dabei mit Gleichgesinnten. Der dritte liegt darin, dem Thema Öffentlichkeit und Prominenz zu verschaffen.

Und ist das alles nun mehr als eine Mode, die, wie so viele andere, bald wieder abgelöst werden wird?

"Wenn du einmal damit angefangen hast, kommst du da nicht mehr raus", sagt Peter Unfried. "Solange es keine lang anhaltende Rezession gibt, werden sich sukzessive immer mehr Konsumenten diesem Trend anschließen", vermutet Nico Stehr. Und Konrad Goetz meint: "Das ist erst der Anfang."

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