"Rauchen, Saufen, Fressen – was verbietet der Staat als Nächstes?" Vielleicht Rammeln, Ratschen, Rudern? Fernsehen, Fußball, Ficken? Fummeln, Fusseln, Fahrradfahren?
So weit wollte Anne Will gestern Abend nicht gehen. Aber das Thema ihrer Talkshow mit der Unterstellung, "fast alles" sei inzwischen "verboten", war schon derart falsch und schief formuliert, dass das Gespräch allenfalls mittleres Stammtischniveau anpeilen konnte.
Das Beste daran war schon, dass nicht geraucht wurde. Helmut Schmidt war ja nicht eingeladen. Schade eigentlich. Immerhin sorgten die ehemalige grüne Verbraucherschutzministerin Renate Künast und der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach für ein Mindestmaß an objektiver Information. Der Rest war ein Stochern im Meinungsnebel, pardon – Rauch. Narrhallamarsch.
Der sonst eher unauffällige Schauspieler Max Tidof, der schon mal drei oder vier komplette Zigarettenschachteln am Tag wegqualmt, präsentierte sich als "überzeugter Raucher", der den schönen alten Werbeslogan der Zigarettenindustrie – "Ich rauche gern" – offenbar intensiv inhaliert hat. Er sei mit seiner Sucht völlig einverstanden, bekannte er voll Sündenstolz, und das Problem, dass es der Nebenmann im Restaurant nicht unbedingt ist, macht ihm gar nichts aus. Hauptsache, er fühlt sich wohl. Von Immanuel Kants kategorischem Imperativ hat er noch nie etwas gehört. Diesen zentralen Abschnitt der europäischen Aufklärung immerhin hätte ihm Helmut Schmidt erklären können.
Stattdessen war Herr Kaiser da. Nein, nicht der Mann von der Hamburg-Mannheimer, sondern Horst Keiser von der "Nichtraucherinitiative Wiesbaden", die den 89-jährigen Altbundeskanzler wegen seines notorischen öffentlichen Dauerknarzens Ende Januar angezeigt hatte. Man sei "für ganz Deutschland" zuständig, erklärte Herr Keiser die recht befremdliche Aktion, der eine Spur renegatenhafter Blockwartmentalität nicht ganz verleugnen konnte, zumal seine Gesichtszüge durchaus den Eindruck vermitteln konnten, als habe er die letzten 40 Jahre durchgezecht.
Rausch zum Rauch, Zote zum Zapfhahn
Dies wäre nun eigentlich der Moment des FDP-Freiheitskämpfers und tapferen Ex-Kumpels von Jürgen Möllemann, Wolfgang Kubicki, gewesen. Er hätte, gebildet, wie er ist, an den französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle erinnern können, der im Mai 1968 gesagt hatte: "Einen Voltaire verhaftet man nicht", als er erfuhr, dass Jean-Paul Sartre festgenommen worden war. In anderen Worten und für heute gesprochen: Einem Helmut Schmidt verbietet man in diesem Leben das Rauchen nicht mehr.
Doch Kubicki, diesem Kieler Leichtmatrosen des Hau-weg-Liberalismus, fiel nur das Wörtchen "respektlos" ein. Ansonsten profilierte er sich als Robin-Hood-ähnlicher Verteidiger der autochthonen deutschen Eckkneipe, jenem letzten Refugium des urgermanischen Mannes, wo der Rausch zum Rauch gehört wie die Zote zum Zapfhahn. Gemeinsam mit einer im feschen Dirndl angereisten Wirtin aus München bezweifelte er sogar das, was seit Jahren auf jeder Zigarettenpackung steht: "Rauchen kann tödlich sein".
Eine Viertelstunde lang plätscherte eine ebenso lächerliche wie peinliche und unverantwortliche Debatte zwischen den roten Schalensesseln hin und her, die jeder Arzt des Heidelberger Krebsforschungszentrums mit drei Sätzen beendet hätte – wenn er denn eingeladen worden wäre.
Aber darum ging es ja nicht. Worum dann? Um die vorübergehenden Umsatzeinbußen bestimmter Kaschemmen? Um die Gesundheit der Bevölkerung? Um die Grenzen der Freiheit und die Verantwortung des Staates? Weil es niemand genau wusste, auch Anne Will nicht, mäanderte das Gespräch auf dem Höhepunkt des Karnevals wie eine Büttenrede bei "Mainz wie es singt und lacht" oder wie ein Vortrag von "Et Botterblömche" in Kölle. Passend dazu erinnerte der "Betroffene" des Abends, Bernd Gothe, seines Zeichens Präsident des Karnevalvereins Mönchengladbach, an die ehernen Gesetze des "Brauchtums": Wenn ein Drittel der Jecken alle Viertelstunde zum Paffen aus dem Festzelt rennt, bleibt die Gemütlichkeit auf der Strecke.
Sonntagsverbot für Talkshows
In diesem Augenblick summte es im Ohr, jedenfalls bei uns auf dem Sofa, und von weit her hörten wir durcheinander schreiende arabische, afrikanische und asiatische Stimmen, die sich noch viel viel lauter über den Mangel an Gemütlichkeit in ihren ärmlichen Hütten und maroden Zelten beklagten, um die herum ein rasender Mob tobt. Aber da sagte die stramme Münchner Wirtin schon: "Ich muss ja nicht hingehen. Das mache ich ja freiwillig!" So freiwillig eben, wie das ganze Leben ist. Mitgefangen, mitgehangen. Selber schuld.
Das ganze Übel der Menschheit kommt ja überhaupt daher, dass sie nicht einfach zu Hause bleiben kann.
Max Tidof immerhin, der passionierte Kettenraucher, hält sich schon weithin an die weise Maxime. "Ich gehe nicht mehr essen, ich gehe nicht mehr aus", bekannte er in einer Mischung aus Trotz und Verzweiflung. Bis zum nächsten Zigarettenautomaten schafft er es gerade noch.
Es ging dann noch um Komasaufen und Flatrate-Partys, um Grünkohl mit Pinkel, Schokoriegel und Zwangsdiäten, um den Body-Mass-Index und das Recht auf Dicksein, um die Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel und ein Kamelleverbot auf Fastnachtsumzügen – aber da war es auch schon egal. Welches Verbot man abschaffen würde, wollte Anne Will zum Schluss von allen wissen. Uns fiel, wie Renate Künast, in der Eile nichts ein.
Aber vielleicht sollte man einmal über ein Sonntagsverbot für Talkshows nachdenken. Jedenfalls in der Karnevalszeit.
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Lieber Don Camillo, wie so viele andere in dieser Debatte kommen Sie leider vom 100. ins tausendste. Kulturschock hat nichts mit Rauchverbot zu tun, genausowenig wie die Frage ob die USA Kultur hat, oder ob man vor Waffen [...] mehr...
Wenn Sie so schlicht denken, dass Sie wegen der Raucherei nicht nach Deutschland zurückkehren (Ich vermute mal, Sie planen das eher wegen der besseren Gesundheits-und Alters-versorgung) dann sind Sie in Kalifornien bestimmt [...] mehr...
Vergleiche mit Autofahren hinken natuerlich. Wie diese auch hier in den Postings von einigen sinnlos nachgeplappert werden, verwundert mich zutiefst. Genauso so wie ein Verbot von Rauchen in Gaststaetten und oeffentlichen Raeumen [...] mehr...
Leute, ich lebe seit ueber 7 Jahren in Kalifornien, wo seit langem Rauchverbot herrscht. Ich habe mich an gute Luft beim Essen gewoehnt, und auch daran, dass ich nicht nach Rauch stinke, wenn ich ausgehe. Raucher in [...] mehr...
Herzlichen Dank, jetzt weiss ich wenigstens was ein fundierter Beitrag ist;o). MfG. Rainer mehr...
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