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06.02.2008
 

TV-Scharfrichter Bohlen

Rhetorische Handkantenschläge

Kaum ist bei RTL wieder Superstar-Casting, prügeln Medienwächter und Bedenkenträger auf Chef-Juror Dieter Bohlen und seine Sprüche ein. Zu Unrecht, meint Henryk M. Broder: Bald wird man Doktorarbeiten über Bohlens geniale Mischung aus Größenwahn, Witz und Pragmatismus schreiben.

Dieter Bohlen ist nur halb so alt wie Johannes Heesters, dafür aber doppelt so unterhaltsam. Und seit Harald Juhnke und Rudi Carrell tot sind, ist die Generationenlücke zwischen dem Elder Statesman der Operette und dem Titan der Popmusik noch größer geworden. Davor ist nichts, dazwischen ist wenig und danach kommt kaum etwas.

Fernseh-Philosoph Bohlen: "Das Problem ist: Mach einem Bekloppten klar, dass er ein Bekloppter ist"
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AP

Fernseh-Philosoph Bohlen: "Das Problem ist: Mach einem Bekloppten klar, dass er ein Bekloppter ist"

Gestern Abend war Bohlen zum wiederholten Mal Sologast bei "Johannes B. Kerner". Und wie immer, wenn der blonde Friese irgendwo auftritt, hatte man hinterher das Gefühl, keine Zeit vergeudet zu haben. Denn seit Bohlen das Singen aufgegeben hat ("Cheri, Cheri, Lady") und nur noch singen lässt, ist er reifer und vernünftiger geworden. Sein Satz "Das Problem ist: Mach einem Bekloppten klar, dass er ein Bekloppter ist" beweist, dass er komplizierte Tatbestände in wenigen Worten auf den Punkt bringen kann. So einfach kann Philosophie sein.

Dass Bohlen lange unterschätzt wurde, lag vor allem an seiner Allianz mit RTL, das nicht unbedingt als eine Hochburg der E-Kultur gilt. Doch seine häufigen Auftritte bei der Konkurrenz (allein bei Gottschalk saß er schon neunmal auf dem "Wetten, dass...?"-Sofa) demonstrieren, dass auch die Öffentlich-Rechtlichen von seiner Popularität profitieren möchten. Und wenn sie es sich leisten könnten, würden sie ihn abwerben, wie sie es mit Harald Schmidt getan haben.

"Taucher sind geisteskrank"

Denn Bohlen ist inzwischen ein Selbstläufer, er käme auch ohne einen Moderator aus, dessen Rolle sich auf das Stichwortgeben beschränkt. Kerner fragt, wo Bohlen gerade herkommt, und Bohlen erzählt von seinem Urlaub auf den Malediven, dass es dort früher multikulturell zuging, heute aber die Russen 80 Prozent der Urlauber stellen. "Da hat sich echt was verändert." Es mache ihn "traurig, dass sich nicht mehr Leute solche Urlaube leisten können". Dann macht er einen weiten Sprung und sagt: "Die meisten Mercedes-Zulassungen gibt es heute in Moskau." Und wir begreifen, dass nicht nur auf den Malediven andere Zeiten angebrochen sind.

Bohlens Stärke ist der rhetorische Handkantenschlag. "Taucher sind geisteskrank", weil sie nach Würmern statt nach Rochen Ausschau halten; "mich interessiert nicht, wer der zweitbeste Juror ist", denn: "Die einen drücken sich auf der Toilette aus, ich kann mich verbal ausdrücken", er habe zwar ein großes Maul, "aber ich bin kein Großmaul". Und während jeder GZSZ-Komparse davon träumt, einmal in seinem Leben in Bayreuth auf der Bühne zu stehen, sagt Bohlen über sich selbst: "Ich bin ein Kulturbanause." Er käme nie auf die Idee, "über die chinesische Mauer zu latschen", lieber würde er beten und "Zwiesprache mit Gott" halten. Das habe er auch auf den Malediven jede Nacht getan.

Was Bohlen vom großen Rest seiner Kollegen unterscheidet: Es scheint ihm tatsächlich egal zu sein, was die anderen von ihm denken. Während auch bekannte Kulturschaffende sich in öffentlicher Demut üben, weil sie ihren Stammplatz im Café Paris oder die Gunst von Udo Walz nicht verlieren möchten, haut Bohlen auf die Pauke. "Du bist ja kein armer Mann", sagt Kerner, worauf jeder andere aus Bohlens Liga antworten würde, dass er regelmäßig für die Unicef, die "Aktion Mensch" und "Hilfe für Afrika" spendet. Bohlen dagegen stellt klar: "Ich kauf mir nix, ich versuche, die Sachen so zu kriegen", die Klamotten, die Uhr, das Auto: "Du machst es doch auch."

Allein dafür muss man Bohlen gern haben und verzeiht ihm, wenn er auch über Sachen redet, von denen er keine Ahnung hat, zum Beispiel, dass der Staat jedem Schüler eine Lehrstelle geben müsste. Sozialpolitik ist nicht sein Gelände, Mitgefühl mit den Armen und Bedürftigen aber schon. Auf das Missgeschick von Veronas Mann Franjo angesprochen, der eine 14-Millionen-Euro-Pleite hingelegt hat, sagt Bohlen: "Wenn sie eine Suppe braucht, ich bin da", und "Alle meine Ex-Frauen können bei mir Suppe essen".

"Ich bin das Cortison des Musikbusiness"

Der Mann platzt vor Energie und Selbstbewusstsein. Wenn er morgens aufsteht, macht er erst einmal 120 Liegestütze und fühlt sich hinterher wie 20. Seine derzeitige Freundin ist 23, aber: "In 20 Jahren ist sie auch schon 40." Was sie so denken würde, wenn sie ihn anguckt, will Kerner wissen. "Was für ein attraktiver Mann", antwortet Bohlen, ohne zu zögern.

Kann man so einem irgendetwas übel nehmen? Nicht einmal seinen Killer-Job bei "Deutschland sucht den Superstar". Zumal Bohlen sich als "Ritter und Retter" versteht, der den Kandidaten unnötige Leiden erspart, indem er sie beizeiten aus dem Rennen wirft. "Ich bin das Cortison des Musikbusiness."

Der dazu geladene "Gewissensexperte" der "Süddeutschen Zeitung", ein zweifach promovierter Fachmann für Recht und Medizin, sieht das natürlich anders. Die Menschenwürde werde verletzt, wenn Leute der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Darauf Bohlen: "Jemand, der nicht belastbar ist, der ist nichts für das Business." Er selber freilich würde "nie Kakerlaken fressen, nur um ins Fernsehen zu kommen".

Mit 53 gehört Bohlen zu den Veteranen des Showbusiness. Noch vier, fünf Jahre, und er wird als "Zeitzeuge" vor Schülern und Studenten sprechen. Und es wird nicht lange dauern, bis über ihn Doktorarbeiten geschrieben werden, über diese rare Mischung aus Größenwahn, Witz und Sinn für das Machbare. Rudi Carrell hat mal zu ihm gesagt: "Versprich mir, du wirst nie ein Moderator." Und daran hat sich Bohlen bis heute gehalten.

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insgesamt 131 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
04.03.2008 von specchio: Lasst sie sprechen

Bohlen erinnert mich an Banker, die ich im privaten Rahmen kennengelernt habe (kennenlernen musste). Es hat mich erschreckt, wie unbefangen solche Leute über ihr kompromissloses (asoziales) Erfolgsstreben sprechen. Die tun noch [...] mehr...

17.02.2008 von r²d²: TV-Scharfrichter Bohlen: Rhetorische Handkantenschläge

für mich sind sendungen wie ´dsds´ weiterentwicklungen von ´kunst&krempel´. überhaupt verstehe ich die ganze aufregung nicht. dass ein fernseher ein haushaltsgerät ist und eine interessengemeinschaft viel und manchmal alles [...] mehr...

16.02.2008 von lynx2: Bohlen?

.............. Man sollte nicht soviel in ihn hineininterpretieren und sich lieber mal die Firmen anschauen, die dort Werbung schalten. Er ist ein Einschaltenquotenmaxierungsvehikel und so lange die werbungtreibende [...] mehr...

16.02.2008 von mzuroven: Broder und Bohlen: Brüder im Geiste

... Volle Zustimmung. ---Zitat--- Er kann es doch viel besser. ---Zitatende--- Das war vielleicht mal so. Inzwischen sind die verkrampft provozierend gemeinten Artikelchen von Broder genauso vorhersehbar wie Dieter [...] mehr...

11.02.2008 von Flosen: "mega-supi"

Dieter Bohlen ist die lebende Zukunftsversion/vision des Durchschnittsdeutschen in ein paar Jahren. Absoluter dumpfdödeliger Sprücheklopfer, der jeden Stammtisch aufmischt und so geldgeil ist, dass er gar nicht oft genug erwähnen [...] mehr...

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